Auswandern ist für jede fünfte Person in Deutschland denkbar

Auswandern ist für jede fünfte Person in Deutschland denkbar

Quelle: Deutsches Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung

Während es in den öffentlichen Debatten zuletzt vor allem um Einwanderung ging, rückt eine aktuelle Kurzstudie des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) ein anderes Phänomen in den Fokus: die Auswanderung aus Deutschland. Die repräsentativen Daten zeigen, dass sich entsprechende Erwägungen in der Bevölkerung mit durchschnittlich 21 % auf einem hohen Niveau bewegen. Besonders Menschen mit Einwanderungsgeschichte können sich diesen Schritt vorstellen und unter ihnen sind es vor allem jene mit familiärem Bezug zur Türkei und zur MENA-Region (Naher Osten und Nordafrika), für die eine Auswanderung vorstellbar ist.

Gründe für Auswanderungserwägungen: bessere Lebensqualität im Ausland und Diskriminierungserfahrungen in Deutschland

Gruppenübergreifend gilt die Hoffnung auf eine bessere Lebensqualität außerhalb Deutschlands als meistgenannter Grund für die Erwägungen. Für Befragte mit Bezug zur Türkei und MENA-Region sind zudem Diskriminierungserfahrungen relevant. Unabhängig von der familiären Herkunft sind es unter allen Befragten mit Migrationsgeschichte vor allem die Nachkommen Zugewanderter, die schlechtere Behandlung und Benachteiligung als Grund für ihre Auswanderungserwägungen nennen.
 
Die Daten liefern Hinweise auf künftige Entwicklungen von Emigration aus Deutschland. Nicht nur vor dem Hintergrund einer alternden Bevölkerung und zunehmenden Arbeitskräftemangels darf diese Wanderungsform nicht ignoriert werden. Neben abstrakten Auswanderungsplänen wurden für die Kurzstudie auch konkrete Pläne, das Land längere Zeit oder dauerhaft zu verlassen, betrachtet. Dafür wurden 2.933 Personen aus dem DeZIM.panel zwischen Sommer 2024 und Sommer 2025 fünfmal befragt, um zeitliche Schwankungen abbilden zu können.
 
Unterschieden wurde nach Personen mit und ohne Einwanderungsgeschichte. Bei ersteren wurde zusätzlich unterschieden nach Selbsteingewanderten und Nachkommen mit einem oder beiden eingewanderten Elternteilen sowie nach den für Deutschland relevantesten Herkunftsregionen: EU-Länder, Türkei und MENA-Region und Länder der ehemaligen Sowjetunion.

ZENTRALE ERGEBNISSE 

  • Mehr als jede fünfte (21 %) Person in Deutschland erwägt, das Land zu verlassen. Unter Eingewanderten und ihren Nachkommen liegen die Werte mit 34 % beziehungsweise 37 % deutlich höher. Für Befragte ohne Einwanderungsgeschichte liegt der Wert immer noch bei 17 %.
  • Am häufigsten äußern Menschen mit Bezügen zur Türkei oder MENA-Region entsprechende Überlegungen (39 %). 31 % der Befragten mit Einwanderungsgeschichte aus der ehemaligen Sowjetunion und 28 % mit Bezügen in andere EU-Länder gaben an, Auswandern in Betracht zu ziehen.
  • Als wichtigsten Grund für Auswanderungserwägungen nennen alle Gruppen Erwartungen an eine höhere Lebensqualität (mindestens 51 %). Daneben spielen je nach Herkunftsgruppe weitere Faktoren eine Rolle: Eingewanderte (18 %) und ihre Nachkommen (24 %) berichten deutlich häufiger als Personen ohne Einwanderungsgeschichte (5 %), dass Diskriminierungserfahrungen zu derartigen Überlegungen beitragen. Ein Viertel (25 %) der Befragten mit Bezügen in die Türkei oder zur MENA-Region gibt das so an. Für 48 % der Befragten mit Einwanderungsgeschichte aus der ehemaligen Sowjetunion sind finanzielle Gründe relevant, das gilt auch für 31 % der Befragten ohne Migrationsgeschichte.
  • Die Werte zu abstrakten und konkreten Auswanderungsplänen bleiben im einjährigen Untersuchungsraum bis Sommer 2025 relativ konstant – nur kurz vor der Bundestagswahl im Februar 2025 stiegen die hypothetischen Auswanderungserwägungen unter Eingewanderten und ihren Nachkommen um etwa 10 Prozentpunkte an.
  • Konkrete Auswanderungspläne sind selten – nur rund 2 % aller Befragten planen innerhalb eines Jahres tatsächlich einen Wegzug.
  • Die DeZIM-Werte liegen über jenen, die 2019 im Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) gemessen wurden1 – damals überlegten 18 % der Selbstzugewanderten, 21 % der zweiten Generation und 11 % der Personen ohne Einwanderungsgeschichte auszuwandern. Der Durchschnittswert lag bei 13 %. Eine 2025 veröffentlichte Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zu Auswanderungsgedanken unter Eingewanderten2 hat für Anfang 2025 einen Wert von rund 26 % ermittelt, was zwischen dem entsprechenden SOEP-Wert von 2019 und dem DeZIM-Wert für Eingewanderte (34 %) liegt.

1 Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hat die SOEP-Daten 2022 ausgewertet
2 Die Ergebnisse des IAB sind hier zu finden. 

Fabio Best, Co-Autor und wissenschaftlicher Mitarbeiter am DeZIM-Institut: "Unsere Daten zeigen eine anhaltend hohe Bereitschaft, Deutschland zu verlassen – besonders unter Eingewanderten und ihren Nachkommen. Neben der Suche nach besseren Lebensbedingungen spielen auch Diskriminierungswahrnehmungen eine wichtige Rolle. Um Menschen langfristig zu halten, braucht es daher Maßnahmen, die ihr gesamtes Lebensumfeld in den Blick nehmen. Nur so lässt sich das Miteinander aller in einer vielfältigen Gesellschaft sichern."

Infos
Kontakt

Angie Pohlers 
Pressereferentin
Mail: presse[at]dezim-institut.de
Tel.: 030-200754-130