PRO ASYL zeichnet drei internationale Verteidiger:innen von Flüchtlingsrechten aus

Die Preisträger:innen des Menschenrechtspreises 2026 der Stiftung PRO ASYL (v. l.): Giorgos Tsarbopoulos, Pırıl Erçoban und Taner Kılıç mit Halima Gutale (2. v. l.), Vorsitzende des Stiftungsrats der Stiftung PRO ASYL.

Quelle: PRO ASYL

Die Stif­tung PRO ASYL hat am in Frank­furt am Main mit ihrem dies­jäh­ri­gen Men­schen­rechts­preis drei Per­sön­lich­kei­ten aus der Tür­kei und aus Grie­chen­land gewür­digt, die Schutz­su­chen­de unter­stüt­zen,  Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen öffent­lich benen­nen und rechts­staat­li­che Garan­tien verteidigen.

In der Laudatio wurden Mut, Beharr­lich­keit, Durch­hal­te­ver­mö­gen und Opti­mis­mus der Aus­ge­zeich­ne­ten her­vorgehoben; sie kämpf­ten gegen alle Wider­stän­de und trotz aller Wid­rig­kei­ten an der Sei­te von Ent­rech­te­ten und Ent­mensch­lich­ten um  geraub­te Rech­te und Menschlichkeit.

Aus­ge­zeich­net wur­den: Der tür­ki­sche Rechts­an­walt und Men­schen­rechts­ver­tei­di­ger Taner Kılıç, der ver­folg­te Menschenrechtsverteidiger:innen ver­tritt, sich für die Rech­te von Geflüch­te­ten stark macht und selbst in tür­ki­scher Haft saß, steht für jahr­zehn­te­lan­ge men­schen­recht­li­che Arbeit. Die tür­ki­sche Men­schen­rechts­ak­ti­vis­tin Pırıl Erço­ban wur­de für ihr zivil­ge­sell­schaft­li­ches Enga­ge­ment, öffent­li­che Kri­tik und kon­kre­te Soli­da­ri­tät mit Schutz­su­chen­den geehrt. Gior­gos Tsa­r­bo­pou­los, ehe­ma­li­ger Lei­ter des UNHCR in Grie­chen­land, wur­de für insti­tu­tio­nel­le Ver­ant­wor­tung und kla­re Wor­te im inter­na­tio­na­len Flücht­lings­schutz aus­ge­zeich­net.

Zei­chen der Solidarität

"Ihr schaut nicht weg. Ihr fin­det euch nicht damit ab, dass Recht gebro­chen und mensch­li­ches Leid poli­tisch in Kauf genom­men wird. Ihr macht sicht­bar, was ande­re lie­ber im Ver­bor­ge­nen hal­ten wür­den. Und ihr zeigt, dass Men­schen­rech­te nur dann Bestand haben, wenn Men­schen bereit sind, sie zu ver­tei­di­gen", sag­te Hali­ma Gut­ale, Vor­sit­zen­de des Stif­tungs­rats der Stif­tung PRO ASYL, zu den drei Preisträger*innen. Der Men­schen­rechts­preis der Stif­tung PRO ASYL, der vor 20 Jah­ren zum ers­ten Mal ver­ge­ben wur­de, ist "zugleich ein Zei­chen unse­rer Soli­da­ri­tät – mit euch und mit allen Men­schen, die unter schwie­ri­gen und oft gefähr­li­chen Bedin­gun­gen für die Rech­te von Flücht­lin­gen ein­tre­ten", so Gut­ale weiter.

Lau­da­tor Can Gülcü: "Die Zukunft ist ungeschrieben"

Lau­da­tor Can Gülcü, Geschäfts­füh­rer der Otto Bren­ner Stif­tung, stell­te den Opti­mis­mus der Preisträger:innen in den Mit­tel­punkt sei­ner Wür­di­gung: "So naiv oder banal das klin­gen mag, ich glau­be, die hier Aus­ge­zeich­ne­ten wis­sen: Die Zukunft ist unge­schrie­ben. All das, was heu­te nicht gut ist, kön­nen wir mit­ein­an­der wie­der ver­än­dern." Die  Gesell­schaft sei kein Laby­rinth aus vor­ge­zeich­ne­ten Wegen, Gren­zen oder Mauern.

Die­sen Opti­mis­mus hät­ten die Aus­ge­zeich­ne­ten, obwohl sie wüss­ten: "Wir leben in einer Gegen­wart, in der Men­schen­ver­ach­tung, Zynis­mus und Het­ze fast über­all an die Macht kom­men und regieren." Die Preisträger:innen sei­en, zusam­men mit denen, die ihnen nach­fol­gen wer­den, "Autor*innen die­ser einen Zukunft, die zwar unwahr­schein­lich erschei­nen mag, aber die sie und wir nicht auf­ge­ben", sag­te Gülcü.

"Wir erle­ben, dass ein gro­ßer Teil der Gesell­schaft gegen­über Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen oder sogar Ver­bre­chen gleich­gül­tig bleibt." 
Preis­trä­ger Gior­gos Tsa­r­bo­pou­los

Preis­trä­ge­rin Pırıl Erço­ban sprach von einem Wett­streit vie­ler Län­der, Geflüch­te­te und Migrant*innen immer noch schlech­ter und här­ter zu behan­deln als die ande­ren. Sie appel­lier­te: "Wir dür­fen nicht zulas­sen, dass dies nor­mal wird. Des­halb tra­gen wir Ver­ant­wor­tung. Die Ver­ant­wor­tung, wei­ter zu spre­chen. Die Ver­ant­wor­tung, wei­ter­hin Ver­let­zun­gen sicht­bar zu machen. Die Ver­ant­wor­tung, wei­ter­hin für Men­schen­wür­de, Men­schen­rech­te und Rechts­staat­lich­keit ein­zu­ste­hen – selbst dann, wenn dies schwie­rig, unpo­pu­lär oder unbe­quem wird."

Preis­trä­ger Gior­gos Tsa­r­bo­pou­los  beschrieb eine "zuneh­men­de Sicher­heits­ori­en­tie­rung" in Euro­pa inner­halb einer "poli­ti­schen Land­schaft, die sich immer wei­ter nach rechts bewegt".  Das habe ver­hee­ren­de Aus­wir­kun­gen: "Wir erle­ben, dass ein gro­ßer Teil der Gesell­schaft gegen­über Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen oder sogar Ver­bre­chen gleich­gül­tig bleibt – wie etwa gegen­über dem Schiffs­un­glück von Pylos am 14. Juni 2023, bei dem mehr als 600 Men­schen ertran­ken." Des­halb sei es heu­te mehr denn je wich­tig, "die Rechts­staat­lich­keit und die Wer­te der Men­schen­rech­te zu ver­tei­di­gen, unse­re Stim­men gegen Ras­sis­mus und Frem­den­feind­lich­keit zu erhe­ben, erneut ein Netz­werk der Soli­da­ri­tät aufzubauen".

Preis­trä­ger Taner Kılıç dank­te neben sei­ner Fami­lie all sei­nen Weggefährt*innen, dar­un­ter Deni­se Graf von Amnes­ty Inter­na­tio­nal und sei­ner Mit­preis­trä­ge­rin Piril Erço­ban, für die Unter­stüt­zung, das Wis­sen, den Mut und die Soli­da­ri­tät, die er durch sie erfah­ren habe. Und er erin­ner­te an die Geflüch­te­ten auf den Flucht­rou­ten: "Vor die­sen muti­gen Men­schen, die sich im Lau­fe der Mensch­heits­ge­schich­te immer wie­der auf den Weg gemacht und gekämpft haben, um ihr Leben und ihre Wür­de zu schüt­zen, ver­nei­ge ich mich vol­ler Bewun­de­rung und Respekt."

Die Preisträger*innen 2026

Pırıl Erço­ban (Jahr­gang 1965) wird für ihr her­aus­ra­gen­des zivil­ge­sell­schaft­li­ches Enga­ge­ment für die Rech­te von Geflüch­te­ten in der Tür­kei aus­ge­zeich­net. Als Koor­di­na­to­rin von Mül­teci-Der in Izmir beriet und beglei­te­te sie Schutz­su­chen­de, doku­men­tier­te Rechts­ver­let­zun­gen und mach­te Miss­stän­de bei Inhaf­tie­run­gen und Abschie­bun­gen öffent­lich. Früh warn­te sie vor der euro­päi­schen Poli­tik, die Ver­ant­wor­tung für den Flücht­lings­schutz an die Tür­kei aus­zu­la­gern. Seit mehr als zwei Jahr­zehn­ten ver­bin­det sie prak­ti­sche Soli­da­ri­tät und gro­ße Nähe zu den Betrof­fe­nen mit men­schen­recht­li­cher Klar­heit. Auch unter wach­sen­dem poli­ti­schen Druck bleibt Erço­ban eine muti­ge, beharr­li­che und inter­na­tio­nal ver­netz­te Stim­me für die Rech­te von Geflüchteten.

Gior­gos Tsa­r­bo­pou­los (Jahr­gang 1955) lei­te­te von 2006 bis Ende 2015 die UNHCR-Ver­tre­tung in Grie­chen­land. Er präg­te sie als unab­hän­gi­ge men­schen­recht­li­che Stim­me: prä­sent an den Außen­gren­zen, eng ver­bun­den mit Flücht­lin­gen und Zivil­ge­sell­schaft und bereit, staat­li­chen Rechts­ver­let­zun­gen öffent­lich zu wider­spre­chen. Tsa­r­bo­pou­los pran­ger­te men­schen­un­wür­di­ge Haft­be­din­gun­gen und Push­backs an, doku­men­tier­te das Ver­schwin­den von Schutz­su­chen­den am Evros und setz­te sich nach dem töd­li­chen Schiffs­un­glück vor Farm­a­ko­ni­si 2014 dafür ein, die Aus­sa­gen der Über­le­ben­den unver­züg­lich zu sichern und den Vor­fall unab­hän­gig zu unter­su­chen. Sein Grund­satz war klar: UNHCR muss dort prä­sent sein, wo Men­schen­rech­te ver­letzt wer­den, den Betrof­fe­nen Gehör ver­schaf­fen und öffent­lich spre­chen, wenn Unrecht ver­tuscht wird.

Taner Kılıç (Jahr­gang 1969) erhält den Preis für sei­ne jahr­zehn­te­lan­ge anwalt­li­che und men­schen­recht­li­che Arbeit. Der Rechts­an­walt aus Izmir gehört zu den Mit­be­grün­dern der tür­ki­schen Sek­ti­on von Amnes­ty Inter­na­tio­nal und von Mül­teci-Der. Weil er Men­schen­rech­te ver­tei­dig­te, geriet er selbst ins Visier der tür­ki­schen Jus­tiz: 2017 wur­de er fest­ge­nom­men, mehr als 14 Mona­te in Unter­su­chungs­haft gehal­ten und 2020 ohne glaub­wür­di­ge Bewei­se zu sechs Jah­ren und drei Mona­ten Haft ver­ur­teilt. Der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te stell­te fest, dass Kılıç rechts­wid­rig und will­kür­lich inhaf­tiert war und sei­ne Rech­te auf Frei­heit und Sicher­heit sowie auf Mei­nungs­frei­heit ver­letzt wur­den. Erst im Febru­ar 2025 ende­te das fast acht­jäh­ri­ge Ver­fah­ren mit sei­nem end­gül­ti­gen Freispruch.

Der Preis
Den Men­schen­rechts­preis ver­leiht die Stif­tung PRO ASYL seit 2006 jähr­lich an Per­so­nen, die sich in her­aus­ra­gen­der Wei­se für die Ach­tung der Men­schen­rech­te und den Schutz von Flücht­lin­gen in Deutsch­land und Euro­pa ein­set­zen. Der Preis ist mit 5.000 Euro dotiert und einer Skulp­tur des Künst­lers Ari­el Aus­len­der, Pro­fes­sor an der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät Darmstadt.

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