Radionandacht: „Taube mit Ölzweig“

 
Noahs Arche: Dieter Schütz / pixelio.de

Die Taube mit dem Ölzweig ist ein beliebtes Motiv für die Sehnsucht nach Frieden und Neuanfang. In der Genesis wird die Geschichte von Noah überliefert, der sich mit seiner Familie und vielen Tieren in eine Arche retten kann, während Gott eine Sintflut über die Welt kommen lässt. Die Taube mit dem Ölzweig steht für einen überwältigenden Moment. Wenn nach vielen Wochen endlich wieder festes Land in Sicht kommt. In Genesis 8,11 heißt es: „Und siehe, ein Ölblatt hatte sie abgebrochen und trug’s in ihrem Schnabel“. 

Wenn Kinder die Arche malen, dann sieht man sie meistens in ihrer ganzen Größe und Schönheit auf dem Wasser schaukeln ein: Ein buntes Schiff auf hoher See. Die Sonne strahlt und Noah schaut lächelnd aus einem Fenster der Taube entgegen! Alles so selbstverständlich! Ein schönes, friedliches Bild. Es verrät nichts von dem, was sind in den Tagen davor abgespielt hat: Menschen und Tiere sind ertrunken; Dörfer und Kulturlandschaften unter den Wassermassen verschwunden. Alles wurde von der Sintflut weggespült.  Eine Welt ist untergegangen, so wie sie unter den Kriegsbomben in Frankfurt untergegangen ist und heute in Allepo in Syrien untergeht. Menschen sitzen in eng gedrängt in Kellern, flüchten sich in dürftige Verstecke und laufen um ihr Leben – umgeben von Trümmern und Zerstörung. Den Menschen, die in der Arche sitzen, werden ähnliche Bilder auf der Seele gelegen haben und die Schreie der Ertrinkenden werden noch in ihren Ohren geklungen haben.

Eigentlich müsste man darum das Bild der Arche ganz anders malen – nämlich als ein dunkler Innenraum:  dicht gedrängt Menschen und Tiere  –  ein schmales Fenster, das Licht gibt. Die Taube mit dem Ölzweig mehr zu ahnen als zu sehen! So hat sie Marc Chagall auf einem Bild gemalt. Da sind Frieden und Neuanfang keine Selbstverständlichkeit, sondern eine winzige Hoffnung, eine ganz zartes Pflänzchen Zukunft.

In meinen Begegnungen mit Flüchtlingen hat sich die Noah-Geschichte ganz neu für mich geöffnet: Ich habe den Blick von denen kennengelernt, die monatelang in einer Art Arche gehockt haben. Für sie war das Überleben nicht das Selbstverständliche – der Neuanfang nicht das Alltägliche. Monate, manchmal jahrelang haben sie in Kriegs- und Krisengebieten festgesteckt. Sie waren verunsichert und gefangen auch in der eigenen Angst. Für sie war es ein Wunder, an das sie fast nicht mehr geglaubt haben, als nach vielen Wochen und Monaten, endlich wieder sicheres Land in Sicht kam. Wenn das Asylverfahren die Einreise nach Deutschland zugelassen hatte, wenn endlich ein sicheres Lebens für die Familie begann. Bei ihnen habe ich das große Staunen über die Taube erlebt, die schließlich den Ölzweig bringt. Seitdem weiß ich, für was sie wirklich steht – die Taube mit dem Ölzweig.

Gesendet im hr 2 kultur Zuspruch am 2. April 2014

 
Jahr:
2014
Autorin:
Dr. Ursula Schoen
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