Predigt zum Ökumenischen Auftaktgottesdienst der IKW am 21.09.2013 in Kiel - Mk 7, 24-30

 
St. Nikolaikirche Kiel, 21.09.13, 18 Uhr
Ökumenischer Auftaktgottesdienst am 21.9.2013 in Kiel (Foto: Axel Nickolaus)

Schwestern und Brüder,

Biblische Ortsangaben sind alles andere als unwichtig. Jesus geht nach Tyros, um sich zurückzuziehen. Vor den andrängenden Menschen, die sich um ihn scharen, um ihn zu hören, Heilung zu finden und von ihren Dämonen befreit zu werden, sucht er einen Ort der Ruhe. Erholung, Sicherheit, Atempause. Der Gottessohn auf Oasentag. Tyros liegt im Grenzgebiet von Galiläa und Phönizien. Heute liegt die Stadt im Libanon, wenige Kilometer von der israelischen Grenze entfern. Gingen wir heute nach Tyros, was würde wir finden? Alles andere als Sicherheit: Eine Welt in Unruhe: Kulturen gegen Kulturen. Menschen gegen Menschen. Nachbarn gegen Nachbarn. Glaubende gegen anders Glaubende. Vor allem eine ungezählte Schar Heimatloser. Flüchtlinge aus Syrien. Sie haben ihre Heimat verlassen, alles, was sie bislang geprägt hat – ihre Umgebung, ihre Sprache und noch viel schlimmer, ihre Verwandten und Freunde. Sie sind in die Un-Heimat gezogen aus Angst um ihr Leben.

Für Jesus wird Tyros zum Grenzort als er auf eine Fremde trifft. Die Frau ist Syrerin. Und sie hat ein Bedürfnis. Mag sein, dass man sie aufgeklärt hat, wer heute zu Gast ist. Mag sein, dass sie es intuitiv erfasst. In Jesus begegnet sie der Präsenz göttlicher Gnade, dem anbrechenden Reich Gottes, dessen Beginn in seinem öffentlichen Wirken im Nachbargebiet aufscheint wie ein helles Licht, in dem die alten Verheißungen göttlicher Gnadenherrschaft offenbar werden und die Menschen gesund, die Gefangenen frei, die Blinden sehend, die Unmündigen mündig, die Besessenen geheilt, die Toren weise und die Sünder gerecht. Nur ein Wunsch: dass er die Krankheit von ihrer Tochter wegnimmt, dass der Strahl dieses Lichtes auch für sie scheint, wenn auch nur einen Moment.

Und Jesus hat ein Problem. Seine Sendung galt den Juden. Ein Volk, das beständig um seine  kleine Freiheit kämpfen muss in einem besetzten Land. Ein Volk, das deutlich unterscheidet zwischen denen, die zum Bund gehören und denen die es nicht tun. Ein Volk, das einen verwerflichen Einfluss der Heiden, allen voran der Römer fürchtet, das seine Identität bewahren und seinen Glauben standhaft bekennen muss, um nicht unterzugehen. Das Bekenntnis, der Glaube, der Bund, das gehört zusammen und ist Voraussetzung für die Teilhabe am göttlichen Wirken. Zu diesen meinen Brüdern und Schwestern bin ich gesandt, sagt Jesus.

Die syrische Frau will ja gar nicht viel. Die Brotkrumen, die vom Tisch fallen würden ja schon reichen, Reste, Überflüssiges, Liegengebliebenes. Heute würden wir sagen: Peanuts. 0,7% des Bruttoinlandeinkommens, wie es die UNO vorsah – das würde uns schon reichen, um die gröbste Not zu lindern. Es reicht Herr, wenn Du uns von den Resten gibst, so die Frau, das reicht schon aus, die flüchtige Berührung mit Dir und ein kurzes Wort würde uns schon helfen.

Die Bitte um Teilhabe, um Öffnung, um Großzügigkeit, zumindest in der Not. In der Flüchtlingsfrage wird dies anschaulich. Sie ist nur ein Beispiel. Menschen bitten um Aufnahme und ein wenig Sicherheit, um ein Obdach und etwas Versorgung. Und wenn sie dableiben: Wie weit ist der Weg dann noch, um wirklich neu Heimat zu finden? Diejenigen unter Ihnen, die vielleicht selbst eine Flucht erlebt haben, können davon erzählen; diejenigen von Ihnen, die Flüchtlingen helfen, wissen, was es bedeutet. Sie kennen die bürokratischen Hürden, die überwunden werden müssen, damit Familien zusammengeführt werden können, Erwachsene arbeiten und Kinder zur Schule gehen dürfen. Sie wissen, wie wichtig öffentliche Akzeptanz ist, damit Menschen sich einbringen und in der Gesellschaft ankommen können.

Doch Menschen, die in unserem Land Zuflucht suchen, erfahren leider noch viel zu häufig Ablehnung und Ausgrenzung. Trotz unserer Historie gibt es immer noch Menschen, die sich gegen Andere wenden, weil sie anders aussehen. Weil sie anders sprechen. Weil sie anderen Traditionen folgen. Letztlich, weil das Fremde, das Unbekannte, ihnen Angst macht.

In der Presse kann man gerade lesen, unter welchen beschämenden Umständen die Flüchtlinge in Berlin-Hellersdorf aufgenommen wurden. An anderen Orten wird schon im Vorfeld gegen Flüchtlingsunterkünfte demonstriert. In Hamburg werden gerade wieder große Containerburgen aufgestellt, damit die Menschen nicht auf den Straßen übernachten müssen. So werden die Flüchtlinge von einem Auffanglager zum nächsten verschoben. Immer weiter weg von ihrer Heimat und ihrer Kultur, aber nicht näher an das Leben, das sie suchen.

Menschen, die Freiheit und Sicherheit suchen, begegnen häufig den Mauern, die das Plakat der diesjährigen Interkulturellen Woche zeigt.

In Tyros macht Jesus eine wichtige Erfahrung. Das Grenzgebiet lässt keine abgrenzende Haltung zu. Ist es nicht Zeit, dass das Heil allen Menschen offenbar gemacht wird, von Israel der Schein göttlicher Gegenwart auf alle Völker fällt, seine Herrlichkeit allen offenbar wird, wie es die Propheten verkündet haben? Der Frau ins Gesicht sehend, kann er nicht anders als ihre Hoffnung und Erwartung zu erkennen. Es ist nicht viel, was es von ihm braucht, ein Wort nur und ihre Tochter ist geheilt.

Das Motto der diesjährigen Interkulturellen Woche lautet: „Wer offen ist, kann mehr erleben. Rassismus entsteht im Kopf. Offenheit auch.“ Im Angesicht des Anderen im Grenzgebiet menschlicher Begegnung mit dem Fremden wächst das Verständnis für den anderen. Es zwingt mich aus der Deckung meiner Urteile herauszukommen, den anderen nicht als Bedrohung, sondern als Person zu erfahren und möglicherweise sogar bereichert aus dieser Begegnung hervorzugehen. Eine Herausforderung für uns Christen, die Begegnung Jesu in Tyros nachzuvollziehen, seine Geste zur eigenen zu machen. Wir stehen damit nicht allein, sondern sind im Verbund mit allen, die sich für die Überwindung der Grenzen einsetzen, ausdrücklich auch mit den staatlichen, amtlichen Stellen, die trotz aller Notwendigkeiten und gesetzlichen Schwierigkeiten, versuchen, ein großes Maß an Hilfe zu ermöglichen.

Das Bundesverfassungsgericht hat im Juli 2012 im Urteil zum Asylbewerberleistungsgesetz an die unveräußerlichen Grundrechte erinnert. Im gemeinsamen Wort der Kirchen zur Interkulturellen Woche 2013 heißt es: „Wir begrüßen die Aussage, dass die Würde des Menschen migrationspolitisch nicht zu relativieren ist. Die Kirchen sehen sich darin in ihrer Auffassung bestätigt, nicht nur die Sozialleistungen im Asylbewerberleistungsgesetz, sondern das Aufenthaltsrecht insgesamt an dieser Grundnorm zu messen.“

Die Begegnung Jesu mit der Frau in Tyros zeigt, dass wir auf Gottes väterliche und mütterliche Liebe vertrauen dürfen. Auch wir werden dazulernen. Wir werden nicht zu kurz kommen, selbst wenn wir nicht nur das unter den Tisch Gefallene zur Verfügung stellen, sondern auch das teilen, was auf dem Tisch liegt. Amen.

 
Jahr:
2013
Kategorie: 
Autor:
Geistlicher Rat Georg Bergner, Erzbistum Hamburg