Der Pass

 

Ganz selbstverständlich zog ich meinen roten Reisepass heraus. Die Beamtin an der Passkontrolle des Frankfurter Flughafens warf einen kurzen, routinierten Blick darauf und winkte mich zügig weiter. Mein Pass wies mich als deutsche Staats- und EU-Bürgerin aus. Gleich darauf runzelte sie die Stirn. Der Fluggast hinter mir konnte keinen leuchtend roten Pass auf das Pult legen. Er zog stattdessen ein Bündel Papiere aus seiner Jackentasche. Jetzt wird es schwierig, das vermittelte der Blick der Beamtin diesem Mann. Hier muss erst einmal geklärt werden, ob überhaupt ein Recht auf Einreise nach Deutschland besteht.

Der Pass gibt mir eine Identität als deutsche Staatsbürgerin, als eine Frau mit Namen und Wurzeln. Aber er zeigt nicht nur, wer ich bin, sondern auch, welche Rechte ich in meinem Land habe: Das Recht dort zu leben, wo ich möchte, offiziell Arbeit aufzunehmen sowie in Krankheit und Alter versorgt zu sein. - Er ist also mehr als ein Identitätspapier, er ist der Schlüssel zu einem Leben in Würde.

Für Menschen, die als Flüchtlinge Deutschland kommen, geht es sehr häufig um Papiere. Um Identitätspapiere, die bestätigen, wer die Menschen sind, die ankommen und welche Rechte sie in Deutschland haben. Dokumente, die Menschen von „Illegalen“ zu „Legalen“ machen. Vor fünfzehn Jahren gründeten Einzelpersonen und Organisationen das Netzwerk „Kein mensch ist illegal“. Das Netzwerk appelliert, Flüchtlinge und Migranten unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus, so wörtlich: „bei der Ein- oder Weiterreise zu unterstützen, Arbeit und Papiere zu verschaffen, medizinische Versorgung, Schule und Ausbildung, Unterkunft und materielles Überleben zu gewährleisten.“ Hier treten Menschen dafür ein, dass jeder Mensch eine Würde hat, die unabhängig von seinem jeweiligen Aufenthaltstitel ist.

In der Sprache der Bibel wird diese Würde als „Gotteskindschaft“ bezeichnet. Im Römerbrief heißt es: Der Geist gibt Zeugnis unserem Geist, dass wir Gottes Kinder sind: Da wird ein Lebensrecht begründet. Es geht über nationale Grenzen hinaus. Und auch über soziale Zuordnungen. Das Lebensrecht ist unverfügbar, weil es nicht aus menschlicher Verfügung erwächst. Christen, die sich für Flüchtlinge engagieren, gründen sich auf dieses unverfügbare Lebensrecht. Sie verwandeln Flüchtlings-zahlen in einzelne Schicksale: In Männer, Frauen und Kinder. Sie benennen ihre Grundbedürfnisse wie Sicherheit, Nahrung und menschliche Kontakte.

Wie selbstverständlich sagen wir: Alle Menschen sind gleich!

 
Jahr:
2013
Autorin:
Dr. Ursula Schoen
Weitere Informationen:

Diese Rundfunkandacht wurde als „Zuspruch“ hr2 im Juni 2012 gehalten.
Pfarrerin Dr. Ursula Schoen ist Dekanin in Frankfurt-Mitte-Ost.
Kontakt: us@ev-dekanat-ffm.de