Nicht die Schotten dicht machen - Bischöfe äußern sich zu Debatten um Flüchtlinge und Obergrenzen

 

16.01.2016, Bonn, katholisch.de: Bei diversen Neujahrsempfängen haben deutsche Bischöfe und Kardinäle am Samstag die Flüchtlingsthematik aufgegriffen. Dabei kritisierten sie Debatten um Obergrenzen bei der Aufnahme, Fundamentalismus sowie Islamophobie und riefen die christlichen Werte in Erinnerung.

Der Kölner Kardinal Rainer Woelki warnte vor einer Abschottung des Westens vor Zuwanderern. Die Gesellschaft sei wieder dabei, neue Mauern aufzubauen, sagte er beim Neujahrsempfang der nordrhein-westfälischen CDU in Düsseldorf. "Diese Mauern heißen für mich Obergrenze, Mittelmeer, sichere Herkunftsstaaten, Dublin-Abkommen", erläuterte Woelki. "Unser christliches Abendland werden wir nicht dadurch retten, dass wir Schotten oder Grenzen dicht machen." Die Würde des Menschen dürfe nie religiösem Fanatismus untergeordnet werden.

Woelki kritisiert Übergriffe der Silvesternacht

Der Kardinal verurteilte die massenhaften Übergriffe auf Frauen in der Silvesternacht unmittelbar am Kölner Dom. "Ihre Würde ist von den marodierenden Männerhorden in schändlicher Weise missachtet worden", sagte er vor rund 850 Gästen. Woelki warnte aber auch vor Hetze gegen Ausländer. "Viele nutzen das in der Silvesternacht geschehene Leid, um ihr politisches Süppchen zu kochen." Rund 70 Jahre nach der Überwindung des Nationalsozialismus sei das "ein Süppchen, von dem wir nicht mehr essen und schmecken - es nicht einmal mehr riechen wollen".

Der Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke äußerte sich beunruhigt von den Wendungen in der aktuellen Flüchtlingsdebatte. "Was sich in den letzten Tagen in der Politik als Mainstream herauszukristallisieren begonnen hat, wäre vor vier Monaten noch als rechtsradikal und islamophob gebrandmarkt worden", sagte er beim Neujahrsempfang seines Diözesanrats. Zugleich warnte Hanke davor, "zu Getriebenen unserer eigenen Ängste zu werden". Menschen in Not müsse geholfen werden, das habe vor fünf Monaten gegolten und gelte auch weiterhin.

Hanke: Menschen in Not muss auch weiter geholfen werden

Hanke bezeichnete Europa als einen "Patienten, der nicht nur physisch, sondern auch an seiner Seele leidet". Daran sei nicht nur die Politik schuld. Christen müssten sich selbstkritisch fragen, ob sich in dieser Schwäche nicht auch die des eigenen Glaubens spiegele. An der Wiege Europas stünden Kreuzgänge und Klosterstuben, in denen humanistische Bildung vermittelt worden sei. Heute orientiere sich die Gesellschaft nicht mehr an Kathedralen, sondern an Bankentürmen und Börsenhallen. Mit einer solchen "schwachen Identität" könne die Integration aber nicht gelingen. Daher sei eine "Besinnung auf unsere geistlichen Wurzeln" erforderlich.

Der frühere Präsident des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF), Albert Schmid, appellierte an die verantwortlichen Politiker, die gefährlichen Fluchtwege nach Europa zu entschärfen. "Es muss uns jeden Tag erschrecken, wenn Kinder tot an den Strand gespült werden", sagte der Vorsitzende des Landeskomitees der Katholiken in Bayern. Die Europäer müssten sich auf klare Kriterien verständigen, wem Schutz und Aufnahme gewährt werden solle, bevor sich die Menschen auf den Weg machten. Dann könnten auch Kontingente vereinbart und Transportfragen geklärt werden. Christen müssten in einer säkularen Welt "eine neue Dynamik der Zivilcourage" entwickeln.

Lehmann: Wir leben an einer Epochenschwelle

Der Mainzer Bischof Kardinal Karl Lehmann rief dazu auf, sich angesichts von Herausforderungen wie der Flüchtlingskrise neu auf christliche Werte einzulassen. Bei einem Neujahrsempfang für Mitarbeiter der katholischen Kirche wandte er sich gegen "Sturheit und Fundamentalismus". Stattdessen gelte es, das Wagnis des Glaubens in allen Lebenslagen neu zu suchen.

"Wir leben vermutlich an einer Epochenschwelle", sagte Kardinal Lehmann und fügte hinzu: "Es werden Herausforderungen bleiben, die wir nicht mehr weg bekommen." Dabei rief er zur Solidarität und Verständnis für Flüchtlinge auf, die die Not in ihren Heimatländern nicht mehr aushielten und sich auf den Weg nach Europa machten: "Sie sind da, leibhaftige Menschen wie wir, sie lassen sich nicht mehr trösten und zur Geduld ermahnen, sie brechen auf." Es sei erschütternd, dass es die Welt in den vergangenen sechs Jahren nicht erreicht habe, in Syrien Frieden zu schaffen. 

Das Christentum gehöre noch nicht zum alten Eisen, sagte der Mainzer Bischof in Anlehnung an ein Zitat des verstorbenen Pariser Erzbischofs Jean-Marie Lustiger. In der Hilfsbereitschaft für geflüchtete Menschen werde deutlich, "dass in dieser Gesellschaft an verborgener Christlichkeit mehr herrscht, als wir denken." (luk/dpa/KNA)

Quelle: http://www.katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/das-sind-verbale-bra...

 
Datum:
16.01.2016
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