ZDF-Fernsehgottesdienst aus der Berliner Flüchtlingskirche (17.1.16)

 
mit Generalsuperintendentin Ulrike Trautwein und Pfarrerin Barbara Killat

Predigt am 17. Januar aus der Flüchtlingskirche St. Simeon in Berlin von Ulrike Trautwein

Liebe Gemeinde,

In meinem Leben habe ich oft genug versucht zu ignorieren:

Dass alles miteinander zusammen hängt. Die Nachrichten melden schon seit Jahren, was in Syrien passiert. Wie Libyen auseinanderfällt und der Irak nicht zur Ruhe kommt. Doch das alles konnte ich nach den Nachrichten schnell wieder vergessen. Es war ja weit weg.

Aber jetzt klappt das nicht mehr mit dem Ignorieren. Die Konflikte sind bei uns vor der Haustür angekommen. Und sie haben Gesichter: Der Vater aus Syrien mit dem Kleinkind auf dem Arm, der Minderjährige aus Afghanistan, die Frau aus Eritrea, junge Männer aus Libyen. Sie sind da. Und ich merke: ich kann nicht mehr so tun, als hätte mein Leben hier in Deutschland nichts mit dem Leben der Menschen in anderen Teilen der Welt zu tun.

Alles hängt zusammen und wir sind aufeinander angewiesen:

"Es ist wie beim menschlichen Körper:
Er bildet eine Einheit
und besteht doch aus vielen Körperteilen.
Aber obwohl es viele Teile sind,
ist es doch ein einziger Leib." (1 Kor 12,12)

Viele Leute kennen dieses Bild vom Körper – der Apostel Paulus hat es im 1.Korintherbrief entworfen: Es geht um ein Bild von der Kirche, um das Miteinander in unseren eigenen Reihen.

Aber für mich geht dieses Bild heute weit darüber hinaus, es umfasst uns alle, uns Menschen dieser Erdkugel. Wir gehören zusammen wie die Gliedmaßen an einem Körper zusammengehören. Das gilt nicht nur für uns Christen untereinander, das gilt universal. Und Jesus selber sagt deutlich: Was ihr getan habt einem von meinen geringsten Geschwister, das habt ihr mir getan. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. (Mt 25)

Eine der wichtigsten, wenn nicht gar die großartigste Botschaft der Bibel ist doch, dass der Mensch ein Ebenbild Gottes ist. Jeder Mensch ist damit gemeint, nicht nur weiße nordeuropäische Christen. Das muss ich mir immer wieder klar machen: Im Gesicht eines anderen Menschen erkenne ich etwas von Gott, Gottes Ebenbild.

Ein Mensch wendet sich einem anderen zu – und begegnet darin Gott selbst.

Deshalb kann ich Paulus‘ Bild vom Körper gut auf unser menschliches Miteinander beziehen.

Was an einer Stelle im Körper passiert, wirkt sich aus auf das Ganze. Das weiß man auch in der Medizin und versucht deshalb immer mehr Einblick in diese gegenseitigen Beeinflussungen zu bekommen.

Paulus geht noch näher auf dieses Zusammenwirken ein, er schreibt:

"Nun sind es zwar viele Teile,
aber sie bilden einen Leib.
Deshalb kann das Auge nicht zur Hand sagen:
'Ich brauche dich nicht.'
Oder der Kopf zu den Füßen:
'Ich brauche euch nicht.'"
(1 Kor 12, 20-22)

Alles hängt zusammen. Eigentlich weiß ich ja schon mein ganzes Erwachsenenleben lang, dass die schlimme Lebenssituation vieler Menschen auf der Welt etwas mit uns hier zu tun hat. Viel zu billig produzierte Klamotten und Lebensmittel. Der Waffenhandel, der unserem Land Wohlstand und anderen Ländern Verwüstung bringt…

Die Industrienationen haben jahrzehntelang alles getan für freie Märkte, freien Warenverkehr, freie Geldströme und haben prächtig daran verdient. Nur die Menschen, um die es dabei geht, die haben wir vergessen.

Ich weiß das alles längst – und trotzdem habe ich das Thema im Alltag weit weggeschoben. Jetzt sind sie da, die Menschen, die so sehr unter ihrer Lebenssituation leiden, dass sie ihr Land verlassen und fliehen. Viele sind sogar mit dem Tod bedroht.

Es lässt sich nicht mehr wegschieben. Alles hängt zusammen.

Genauso wie ein schmerzendes Knie sich irgendwann einfach nicht mehr ignorieren lässt.

Paulus schreibt:

"Gott hat den Leib zusammengefügt.

Er hat dafür gesorgt, dass die unscheinbaren Körperteile besonders geehrt werden.

Denn im Leib darf es keine Uneinigkeit geben, sondern alle Teile sollen einträchtig füreinander sorgen.

Wenn ein Teil leidet, leiden alle anderen Teile mit. Und wenn ein Teil geehrt wird,

freuen sich alle anderen Teile mit." (1.Kor 12,24-26)

Hier in der Flüchtlingskirche habe ich diese Weltkarte kennen gelernt. Diese Karte hat mich total verblüfft! Mein Weltbild, wird da einfach auf den Kopf gestellt. Europa ist mal nicht im Zentrum, sondern irgendwo am Rand, ganz klein in der Ecke wie ein kleiner Zeh. Und ich lerne dabei: Es handelt sich bei dieser Karte um den Versuch, die Größenverhältnisse der Kontinente und Länder möglichst korrekt wiederzugeben. Denn die üblichen Weltkarten verzerren die Größenverhältnisse, sodass die Länder nördlich des Äquators größer erscheinen!

Diese Karte macht mir noch einmal deutlich bewusst: für uns Menschen gibt es zukünftig auf der Welt nur eine gute Lebenschance, wenn wir anfangen miteinander zu denken. Wenn wir hier in Europa andere in unser Denken und Leben einbeziehen und sich nicht jeder abschottet und hinter seine eigenen Mauern zurückzieht. Und dieses Miteinander ist nicht die Spur uneigennützig: nur gemeinsam kann es uns auf Dauer gut gehen. Man muss sich nur vorstellen wie schön das ist, wenn einem nichts weh tut und im eigenen Körper alles wunderbar zusammenspielt.

Ich weiß, für manche ist das Thema Flüchtlinge mit Sorge verbunden. Dagegen hilft nur, genau hinzuschauen. Und nicht alles in einen Topf zu werfen. Gegen Kriminelle, die Frauen angreifen, muss etwas unternommen werden. Aber es ist nicht zulässig, damit Stimmung gegen all jene zu machen, die aus Not und Angst zu uns kommen. Ich möchte nicht vergessen, dass wir – ob wir wollen oder nicht – miteinander als Menschen auf dieser Erde verbunden sind. Und wir werden nur miteinander einen Weg aus den Krisen finden. Und in diesem Geist des Miteinanders fällt es leichter, die Augen zu öffnen für die, mit denen ich zusammenhänge. Und in diesem Geist fällt es auch leichter kleine Schritte zu gehen. Denn es muss ja nicht jeder die Welt retten, sondern an dem kleinen Ort, wo ich bin, kann ich etwas tun. Auch dazu bemerkt Paulus etwas (V.18) „Nun hat Gott aber jedem einzelnen Körperteil seinen Platz am Körper zugewiesen, ganz wie er wollte.“

Feride und Mohammed hier, die beide vor vielen Jahren in unserem Land Zuflucht gesucht haben, sie haben ihren Platz im Ganzen gefunden. Und nicht nur das, sie leisten eine tolle Arbeit für unsere Gesellschaft.

Mohammed hat nach dem Abitur als Krankenpfleger gearbeitet und wird in Zukunft als Mediziner einen wichtigen Dienst tun. Und Feride unterstützt mit ihrer Arbeit bei Asyl in der Kirche Menschen dabei, hier anzukommen und den eigenen Platz zu finden. Jeder Geflüchtete, der es schafft, sich hier ein zufriedenes Leben aufzubauen mit Arbeit, Familie und Freunden ist ein Gewinn für unser Land.

Alles hängt zusammen. Die verschiedenen Teile des Körpers sind aufeinander angewiesen. Sie haben die Aufgabe zusammenzuwirken.

Deshalb dürfen wir uns nichts vormachen: wir lösen die sogenannte Flüchtlingskrise nicht, indem wir Europas Grenzen dichtmachen. Wir lösen sie nur, wenn wir viel Kraft, Phantasie und Geduld dafür aufbringen, dass es auf der Welt gerechter zugeht. Und wenn wir aufhören, auf Kosten anderer zu leben. Weil ich das weiß, kann ich nicht mehr schlau daher reden, was andere machen sollten und was richtig wäre sondern ich bin ganz konkret gefragt, zu reagieren und mich einzubringen.

Unsere Landeskirche hat bei diesem Thema schnell reagiert: Die Gründung einer Flüchtlingskirche und die Bereitstellung von 500 000 € wurden im Herbst 2014 beschlossen und dann umgesetzt.

Wir engagieren uns Miteinander und füreinander, weil wir wissen: Wir sind aufeinander angewiesen. Wir erleben dabei: Das gemeinsame Handeln stärkt uns. Und auch wenn es manchmal richtig anstrengend ist: Das Engagement tut unserer Gemeinschaft gut. Und der Segen, den wir weitergeben, wirkt sich auch auf uns selbst aus.

Hier in der Flüchtlingskirche gibt es eine Tür voller Segen. Auf Klebeband in knalligen Farben haben Menschen verschiedener Herkunft Segenssprüche geschrieben und aufgeklebt: ein Segen für jeden, der hier ein- und ausgeht, in der passenden Sprache. Für mich ist diese Tür ein Bild, das ich mitnehme.

Und ich wünsche mir ab jetzt so eine Kleberolle in knalliger Farbe in meiner Tasche. Ich will sie immer dabei haben und einen passenden Segen bringen an jeden möglichen und unmöglichen Ort.

Mehr braucht es manchmal nicht: Ein wenig Aufmerksamkeit für einen anderen Teil der Welt, ein kleines Engagement für einen Menschen mit einer ganz anderen Geschichte.

Denn alles hängt zusammen „wie beim menschlichen Körper:
Er bildet eine Einheit und besteht doch aus vielen Körperteilen.
Aber obwohl es viele Teile sind, ist es doch ein einziger Leib.“ (V.12)

Amen.

Es gilt das gesprochene Wort!
Quelle: http://www.ekd.de/predigten/2016/20160117_predigt_trautwein.html