Themen-Gottesdienst "Wollte Gott die Trennung der Völker?"

 
Abschlußgottesdienst in Burg, Kirche Unser Lieben Frauen, 25.9.2016

Ein und derselbe Satz kann ganz unterschiedlich verstanden werden, je nachdem, in welchem Zusammenhang er gebraucht wird.

Liebe Gemeinde, als die Leipziger Montagsdemonstrationen 1989 immer mehr die Schlüsselrolle für die Wende einnahmen, war der Satz „Wir sind das Volk!“ ein Weckruf der Demokratie! Die Menschen gingen auf die Straße, weil sie nicht mehr bereit waren Bevormundung und Einengung hinzunehmen und weil sie die Gesellschaft öffnen wollten hin zu Meinungsfreiheit und Meinungsvielfalt!

„Wir sind das Volk!“ der gleiche Ruf klang im Februar diesen Jahres, 2016, ganz anders, als sich im sächsischen Clausnitz Einwohner einem Bus mit 20 Flüchtlingen entgegenstellten, die im Ort einquartiert werden sollten. Mit „Wir sind das Volk!“ lag nun die Betonung auf dem „Wir!“. Die im Bus gehören nicht dazu! Die gehören nicht hier her. Widerstand gegen eine neue Nachbarschaft.

So verschieden kann es klingen. Derselbe Satz: Wir sind das Volk! Einmal ein Ruf nach Freiheit und Vielfalt. Ein andermal ein Ruf nach Abschottung und Grenzen. So unterschiedlich kann überhaupt das Reden vom eigenen Volk oder von den Völkern sein. Wer „Volk“ sagt, kann Gemeinsinn, eigene Traditionen und Beteiligung aller meinen, oder es zeigt sich überhebliches Denken gegenüber den anderen, Verblendung und Hass.

Diese ganz verschiedenen Bedeutungen des gleichen Wortes gibt es nicht erst in unseren Tagen. Schon immer konnte man „die Völker“ als Reichtum dieser Welt oder als Zielscheibe von aggressiven Gedanken nehmen. Schon in der Bibel können wir davon lesen. Als Gott mit Abraham einen ewigen Bund schließt sagt er zu ihm: Siehe, ich habe meinen Bund mit dir, und du sollst ein Vater vieler Völker werden. Da werden viele Völker ganz positiv als Kinder des einen Vaters gesehen.

Aber ebenso lesen wir in der Bibel das Gefühl der Überlegenheit und des Wunsches, auf den anderen hinabblicken zu können, wenn es in den Psalmen heißt: Gott beugt die Völker unter uns und Völkerschaften unter unsere Füße. Da müssen wir hellhörig werden! Wir müssen aufmerksam lesen und versuchen zu verstehen: was ist hier gemeint? In welchem Zusammenhang steht der Gedanke. Wie werden die gewichtigen Wörter: Volk und Völker, gebraucht?

Die Worte allein sind mehrdeutig und können missbraucht werden. Der Zusammenhang erst macht uns deutlich, welcher Geist in den Worten steckt.

Mitte des 19. Jahrhunderts erlebte die Geschichtswissenschaft einen Umbruch. Leopold von Ranke war einer der führenden Historiker, die zu einem neuen Verständnis der geschichtlichen Entwicklung beigetragen haben. Neu war die Einsicht: Nicht allein die einzelnen herausragenden Persönlichkeiten in der Geschichte, Kaiser, Könige und Revolutionäre, haben die Jahrhunderte gestaltet, sondern die Nationen, die Völker selbst haben eine Dynamik in die Weltgeschichte gebracht. Welche Werte und Begabungen in einem Volk geschätzt waren und gepflegt wurden, hat die jeweilige Zeit mitgeprägt. Leopold von Ranke wollte nicht urteilen, was nun gut und was schlecht sei, sondern er meinte, jede Epoche hat die gleiche Chance Gottes Wege zu gehen. Poetisch drückte er es so aus: Die Völker sind Gedanken Gottes. Das heißt, in den Völkern zeigt sich Gottes Plan und der kann so vielfältig sein, dass wir demütig davor stehen. Wörtlich schrieb Ranke: „Wie weit übertreffen die göttlichen Geschicke menschliche Gedanken und Entwürfe.“ In diesem Sinne ist Leopold von Ranke lange vor unserer Zeit ein Vordenker der Europäischen Staatengemeinschaft und der Völkerverständigung geworden. Weil er in allen Völkern Spuren von Gottes Wirken gesehen hat und miteinander ins Gespräch bringen wollte.

Der gleiche Satz: Die Völker sind Gedanken Gottes bekommt in diesem Jahr plötzlich einen ganz anderen Klang. Der AfD Abgeordnete im Magdeburger Landtag Hans-Thomas Tillschneider benutzte Ende Mai dieses Zitat für seine Politik. In welchem Zusammenhang steht bei ihm der Satz? Tillschneider legt es so aus, ich zitiere:

„Gott hat die Menschen nach Völkern erschaffen.

Mit der Globalisierung und der zügellosen Masseneinwanderung erhebt sich der Mensch gegen die Schöpfung.

Die Deutschen haben ihre Kultur, die Muslime haben ihre Kultur, und das passt nicht zusammen.“

Diese Zitate stammen aus einer Twitter-Nachricht und einem N-TV-Interview.

Was er meint, wird schnell klar: jeder soll bleiben, wo er herkommt. Trennung, statt Verbundenheit. Begegnung nur soweit, dass sich jeder in seine Welt wieder zurückzieht. Und das alles im Namen Gottes und seiner Schöpfung.

Aus dem Gedanken von Leopold von Ranke: Alle Völker sind Gedanken Gottes und haben damit etwas göttliches, wird bei ihm: Gottes Gedanke war es, dass es verschiedene Völker gibt, und die sollen auch hübsch jedes für sich bleiben.

Aus drei Gründen lehne ich diese Interpretation von ganzem Herzen ab!

Erstens: Wer von Schöpfung redet, muss Evolution und Entwicklung in Gottes großen Plan mit hineinrechnen, sonst ist man blind vor aller Geschichte. Und gerade die Völker dieser Erde sind so geprägt von geschichtlichen Entwicklungen, dass es kein Volk dieser Welt gibt, das sich nicht in stetigen Veränderungen befindet. Gäbe es solche Veränderungen nicht, würde niemand von einem christlichen Abendland sprechen. Der jüdische Theologe Schalom Ben-Chorin schrieb 1941 über die Geschichte der Ausbreitung des Christentums: „Das hochentwickelte Judentum, über ein verzweigtes theologisches System… und eine uralte religiöse Tradition verfügend, - und die junge (christliche) Gemeinde, die noch kaum ein geschriebenes Buch, sondern nur den Glauben an die Frohe Botschaft besaß,… standen einander gegenüber und rangen – einen Atemzug Gottes lang – um die Herrschaft des bekannten Erdkreises. Sie fiel der Kirche Christi zu, dass kann keine jüdische Orthodoxie leugnen. Aber Israel verschwand nicht von der Erde mit dem Machtantritt des Christentums. Das kann keine christliche Orthodoxie leugnen. Dass Israel und die Kirche in der Welt bestehen, das kann nur heißen, dass Gott Israel durch die Kirche fragen will und dass derselbe, einzige, wahre und lebendige Gott die Kirche durch Israel fragen will.“ So Schalom Ben-Chorin. Das heißt, es ist gut, dass wir einander haben, und dass wir im Gespräch sind! Die Völker, die Religionen, die Weltanschauungen sollen sich gegenseitig fragen nach ihrer Hoffnung, nach ihrer Kraft, nach ihrer Liebe. Das kann jede Begegnung auch heute noch genauso wie zu jeder Zeit. Wer die Völker trennen will, der hat Angst vor den Fragen des anderen.

Zweitens: Was zusammen passt und was nicht, entscheidet nicht unsere Kultur, sondern entscheiden wir. Am See Genezareth haben Mainzer Archäologen eine der größten islamischen Paläste des frühen 8. Jahrhunderts ausgegraben. Dieser Palast ist deshalb eine Besonderheit, weil er weder alte Synagogen, noch alte Kirchen überbaut hatte, sondern sie in der Nachbarschaft gelten ließ. Bis heute gibt es gerade in Israel beeindruckende Beispiele von gelungenen Projekten, in denen Palästinenser, Juden und Christen im Frieden zusammen leben. Sie stechen heraus aus dem Alltag von Abgrenzung und Terror, aber es gibt sie und sie zeigen: es liegt an den Menschen, immer wieder an den einzelnen Menschen, ob Kulturen und Völker nebeneinander und miteinander leben können. Wer sagt, das passt nicht, der hat Angst vor den großen Möglichkeiten, die die reine Menschlichkeit uns anbietet.

Drittens: Wer genau hinschaut, der kann kein Volk erkennen, das nicht schon lange in einem ständigen Austausch, in einer ständigen Durchmischung mit anderen Völkern befindet. Mose war ein Hebräer, wuchs aber als Ägypter auf, heiratete schließlich eine Ausländerin. Salomo hatte Ehefrauen aus allen benachbarten Völkern. König Ahab heiratete die andersgläubige Isebel und brachte damit den Propheten Elia gegen sich auf, der alles kurz und klein schlug und am Ende sehr nachdenklich wurde. Im Stammbaum Jesu werden ganz bewusst die Stammväter mit ihren Frauen aus anderen Völkern und fremden Religionen genannt.

Und wie sieht es aus in unseren Familien?

Meine Schwester hat einen Engländer geheiratet und mein Bruder lebt mit einer Kolumbianerin verheiratet in Bogota. Meine älteste Tochter skypt mit einem Franzosen und der Freund meiner zweiten Tochter ist zur Zeit in Laos. Na toll! Mögen alle glücklich werden! Und ganz bestimmt ist die Welt nicht so einfach, wie wir es uns manchmal wünschen.

Aber bitte: Angst müssen wir uns nicht machen. In allen Völkern dürfen wir Gottes Plan und Gottes Gedanken suchen. Deshalb, so schwer, wie es manchmal auch fällt, Begegnung statt Trennung und Gespräch statt Grenzen.

Amen
Pfarrer Peter Gümbel