Zuflucht ist ein Menschenrecht - Gottesdienst- und Andachtsmaterial zur VEM-Menschenrechtsaktion 2016

 

»Du sollst den Fremden lieben wie dich selbst«
3. Mose 19, 33f

Ein einziger Satz aus der Bibel birgt den ganzen Sprengstoff der gegenwärtigen Debatte in sich: Du sollst den Fremden, der bei dir wohnt, lieben wie dich selbst. Neben allen politischen, sozialen und kulturellen Menschenrechten, um die wir heute zu kämpfen haben, ist in der Tradition Israels(!) die jahrhundertealte Erfahrung mit Migration und Flucht auf diesen Satz zugespitzt. Es muss neuerdings leider extra betont werden, dass nach dem Willen der alten Kirche diese Tradition und diese Texte zum Kanon der Schrift gehören. Im Übrigen ist dies genau die Passage aus dem Alten Testament, auf die Jesus von Nazareth sich bezieht, wenn er das Gebot der Nächstenliebe radikalisiert. ER jedenfalls kannte die Schriften des Alten Testaments und hat sie in den Alltag getragen.

Levitikus 19 gehört zum so genannten Heiligkeitsgesetz. Wie Gott heilig ist, so sollen die, die ihm folgen auch heilig sein, ihm und seinem Lebenswillen in ihrem Alltag entsprechen. Wie er seinem Volk Frieden verheißen und geschaffen hat, so soll sein Volk Frieden schaffen für alle, die im Lande wohnen. Es geht um Fremde, um Flüchtlinge aus den angrenzenden Nachbarländern Israels, wahrscheinlich auch um Menschen innerhalb Israels, die durch interne Auseinandersetzungen und Rassismus in andere Landesteile flüchteten. Fremde sind sie, und sie sollen behandelt werden wie die Menschen aus dem eigenen Volk. »Lieben« meint hier nicht Sympathie, sondern gerechtes Handeln am Nächsten. Bislang haben Asylsuchende in Deutschland das Recht, das zum Leben Notwendige genauso wie deutsche Staatsangehörige zu erhalten. Das Bundesverfassungsgericht musste dies erst feststellen, die Politik war von sich aus nicht bereit, dies zuzugestehen. Doch der Bibelvers geht darüber hinaus.

In einem Bürgerdialog im Mai 2015 in Herne  wurden Flüchtlinge gefragt, was aus ihrer Sicht notwendig sei für ein gutes Leben in Deutschland. Das Wichtigste an diesem Nachmittag schien sehr einfach: »Wir möchten, das man uns anhört, dass wir im Gespräch sind mit den Leuten, die um uns herum leben.« Es wäre ein gewaltiger Schritt, wenn in unseren Kirchengemeinden Menschen einen Ort fänden, an dem sie gehört werden. Aus einer Kirchengemeinde wurde berichtet, dass rumänische Flüchtlinge zum Gottesdienst kamen – und keiner hat mit ihnen gesprochen.

Und noch etwas ist aus diesem Dialog hängengeblieben: »Wir wollen etwas tun, um den Menschen und dem Land, das uns aufgenommen hat, etwas zurückzugeben.« Der Wille zur Integration war mit Händen zu greifen, leider auch die Hindernisse, die deutsche Behörden und Vorschriften turmhoch aufbauen. Eine syrische Ärztin könnte hier arbeiten, sie ist gut ausgebildet und möchte nach einem Deutschkurs im Krankenhaus mitmachen. Es ist ihr verwehrt. Obwohl es kaum eine Klinik gibt, die nicht händeringend nach Ärzten sucht, bleibt Flüchtlingen der Weg verschlossen. Ähnliches hören wir immer wieder in den Beratungsstellen und bei der ARGE. Jede Freiwillige und jeder Flüchtlingsberater kann hier zahlreiche Beispiele erzählen.

Der tiefere Grund, warum ein Volk freundlich zu den Flüchtlingen sein soll, verbirgt sich in der litaneiartigen Wiederholung am Ende jeder Vorschrift: Ich bin der Herr. Nur in der Vorschrift zu den Fremden, Vers 34, steht noch eine Verstärkung: Ich bin der Herr, euer Gott!

Anders ausgedrückt: Wer Flüchtlingen Raum gibt gleichberechtigt unter uns zu leben, ist nah am Herzen Gottes. Israel war Flüchtling in Ägypten und hat einen Neuanfang machen können unter den Völkern, zu denen es kam. 1945 haben Millionen Flüchtlinge in Europa Aufnahme gefunden, in den 1990er Jahren haben wir Hunderttausende aufgenommen. Hinter dem »Ich bin der Herr, dein Gott« verbirgt sich die Einsicht, dass in den Flüchtlingen Gott selbst zu uns unterwegs ist.

Auch wenn es im politischen Raum zuweilen anstrengend ist, wir haben allen Grund, anzunehmen, dass wir nur mit den Flüchtlingen Gottes Gebot und seine Menschlichkeit verstehen und erfüllen: Wir sind gemeinsam sein Volk. Noch ist nicht klar, ob nicht aus dieser Gemeinsamkeit auch eine neue Kirche entsteht, die Menschen aus tiefer Überzeugung nahesteht, eine Kirche aus Menschen aller Nationen. Es bleibt eine Hoffnung, eine Vision, aber auch eine Aufgabe, die es heute neu zu entdecken gilt. Wie gesagt, ein einziger Satz, der die ganze Dimension der Aufgabe enthüllt.

Lieder für Gottesdienst und Andacht

  • So jemand spricht: ich liebe Gott, EG 412
  • Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens, EG 416
  • Du hast vereint in allen Zonen, EG Rheinland/Westfalen/Lippe 609
  • Wenn das Brot, das wir teilen, EG Rheinland/Westfalen/Lippe 667

EG: Evangelisches Gesangbuch

Gedicht von Kurt Marti
denen wir lieber
aus dem weg gehen
sind dein weg
die wir lieber
nicht sehen möchten
sind dein blick
die wir lieber
nicht hören möchten
sind deine stimme
so ist das
und so:
bist du
(»so ist das« »Urgrund Liebe« Radius, 1987 p. 29f)

Gebet
Wir danken dir für jedes Zeichen der Zuwendung für die vielen Flüchtlinge unter uns,
mit der du deine Barmherzigkeit in Menschenherzen sichtbar werden lässt;
auch für alle Gemeinden, die ihre Häuser und ihre Hände
in diesen Wochen zum Kirchenasyl öffnen.

Wir bitten dich in diesen Tagen im Streit um das Recht dieses Schutzes,
das staatliches Handeln in deinem Namen begrenzt:
Lass uns in dieser alten Form des Schutzes für die Schutzlosen
deinen Auftrag erkennen und uns stark werden im Einsatz für Menschlichkeit
inmitten der vielen unmenschlichen Argumente.
Stärke die, die sich um Schutz von Menschen bemühen,
mit der Kraft deiner Barmherzigkeit,
mach die Häuser, in denen dein Name verehrt wird,
zu einer festen Burg gegen alle Willkür und Drohungen,
aber auch zu einer offenen Tür für Gespräche und Dialoge,
in der auch das Recht des Staates zur Debatte steht,
durch den wir alle geschützt werden wollen.

Gib, dass wir uns alle bewähren in dieser Zeit,
in der Menschen durch Elend, Krieg und tiefe Not vertrieben,
Schutz suchen und bei uns ankommen.
Stärke die vielen Initiativen vor Ort,
die nicht nur das Recht der Rechtlosen durchsetzen wollen,
sondern durch Zuwendung und Nähe,
im Kleinen wie im Großen, deinem Namen Ehre machen.

Segen
Gott gebe Euch Frieden
wenn Ihr den Weg Jesu geht
zu den Menschen, die er liebt
Ohne Unterschiede
Jesus Christus gebe euch den Mut,
zu tun, was er uns getan hat.
Sein Heiliger Geist bewahre euch
in angefochtenen Zeiten
und stärke Euch auf dem Weg,
den ihr in Gottes Namen geht.

Zusätzliche Bilder
Logo der VEM-Menschenrechtskampagne 2016 unter dem Motto „Zuflucht ist ein Menschenrecht“.
 
Jahr:
2015
Autor:
Martin Domke, Eine Welt Zentrum Herne
Weitere Informationen:

Hinweis: Unter www.ewz-herne.de sind wöchentlich Fürbitten zum Zeitgeschehen zu finden. Im Archiv finden sich auch eine Reihe Fürbitten zum Thema Flucht und Flüchtlinge in der gegenwärtigen Debatte.
 

Kontakt zum Autoren:
Martin Domke
Eine Welt Zentrum Herne
Overwegstr. 31, 44625 Herne
Telefon: 02323/994970
mdomke@kk-ekvw.de
www.ewz-herne.de
http://facebook.com/ewzherne