"Stell dir vor, du brauchst Asyl" - Theaterspiel zu einem Jugendgottesdienst

 
Jens-Olaf Walter: Weltkarte Seminarteilnehmer (www.flickr.com)

„Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken. Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch; und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägypten.“ (3. Mose 19,33+34)

Dieses Theaterspiel wurde im Jahr 1993 (!) entwickelt, nachdem am 6. Dezember 1992 der Artikel 16 des Grundgesetzes geändert und das Recht auf Asyl eingeschränkt  worden war. Es ist erschreckend aktuell und kann (sicher mit einigen Änderungen) auch heute aufgeführt werden.
Vorbereitet wurde es von einem Jugendkreis (16-19 Jährige) und einigen afrikanischen Studierenden der Wormser Fachhochschule. Dazu kam ein Aramäer (syrisch orthodoxe Gemeinde). Zu Anfang gestaltete sich die Vorbereitung nicht ganz einfach, was sowohl die Form als auch den Inhalt betraf. Und so war der Diskussionsprozess für beide Seiten eine große Bereicherung. Noch nie hatten wir mit Ausländerinnen und Ausländern in solch offener Weise über Rassismus in Deutschland gesprochen. Sehr bald entstand eine herzliche Atmosphäre, die es möglich machte, sich diesem ernsten Thema mit Phantasie und Humor zu nähern. Es war das Anliegen der AfrikanerInnen, uns zu zeigen, dass sie sich in dem Falle, dass wir Europäer ihrer Hilfe bedürften, nicht in solcher Weise ausländerfeindlich verhalten würden, wie sie es jetzt bei uns erleben.

 

Die afrikanischen Studierenden kamen aus verschiedenen Ländern. Gemeinsam war ihnen die französische Sprache. Dass sie selbst die Rollen der AfrikanerInnen bzw. des Ägypters übernahmen, machte den GottesdienstbesucherInnen eine emotionale Identifizierung mit den Handelnden leichter. Was die geographischen und meteorologischen Behauptungen dieses Stückes betreffen, erheben wir natürlich keinerlei Anspruch auf Wissenschaftlichkeit.


Marcus und Anja sitzen an einem Tisch in einem Aufnahmelager für europäische Flüchtlinge. Ein aus Pappkarton gefertigter „Fernseher“ läuft. Die Ansagerin stellt sich hinter die Öffnung des „Bildschirms“.

Ansagerin:                Bonsoir, Messieurs -dames. Heute ist der 11. März 2023. Hier ist Radio Africane mit seiner Sendung für unsere europäischen Mitbürgerinnen und Mitbürger. Hören Sie nun die Nachrichten in deutscher Sprache.

                                    Nordeuropa. Infolge der Aufheizung der Erdatmosphäre schreitet die Schmelzung der Pole unaufhaltsam voran. Der Meeresspiegel ist bereits um 20 Meter gestiegen. Holland, Belgien und Norddeutschland sind vollständig überflutet. Ein großer Teil der Bevölkerung hat sich nach Süddeutschland retten können. Immer noch werden Menschen aus Hochhäusern geborgen. Eine spektakuläre Aktion wurde uns aus Köln gemeldet. Es berichtet unser Korrespondent Kofi Saraoua:

Kofi:                           Unsere afrikanische Rettungsmannschaft von der Organisation „Rettet Europa“ befreite mit Hilfe von Schlauchbooten 350 Menschen, die sich auf die Türme des Kölner Doms vor den Wassermassen geflüchtet hatten. Premierminister Kambo zeichnete die tapferen Männer und Frauen mit dem Landesverdienstorden in Gold aus. „Afrika“, so seine Worte, „beweist, dass es nicht Gleiches mit Gleichem vergilt. Jetzt, da die ehemaligen Kolonialherren und Ausbeuter in Europa in Todesnöten sind, ist kein Platz für Rachegedanken.“

Ansagerin:                Die Bilder von hungernden deutschen Kindern haben auf der ganzen Südhalbkugel eine Welle von Hilfsbereitschaft ausgelöst. Täglich treffen auf dem Münchner Flughafen Hilfsgüter aus Indien, Brasilien, Afrika und vielen anderen Ländern ein.

                                    Worms (hier sollte der Ort genannt werden, in dem dieses Anspiel aufgeführt wird). Die ehemalige Stadt am Rhein ist nun vollends Küstenstadt geworden. Hunderttausende von Flüchtlingen drängen sich in und um Worms in großen Lagern. Unser Kollege vom ägyptischen Fernsehen, Fuat Demir, überspielte uns den folgenden Bericht aus dem Krisengebiet.

Fuat:                          Unvorstellbare Zustände herrschen in Worms. Menschen kampieren in den Weinbergen. Die Straßen der ehemals wohlhabenden Stadt sind gepflastert mit hungernden Menschen aus ganz Nordeuropa. Afrikanische UNO-Soldaten müssen den kleinen Flughafen mit Waffengewalt sichern, weil es immer wieder zu Plünderungen der Hilfslieferungen kam. Inzwischen herrschen hier wie an vielen anderen Orten entlang der neu entstandenen Nordseeküste bürgerkriegsähnliche Zustände. Schlepperorganisationen haben begonnen, die Not der Flüchtlinge und der Bewohner der neuen Küstenstädte auszunutzen. Täglich verlassen überfüllte Boote Worms, um auf abenteuerlichen Irrfahrten die Menschen nach Afrika zu schleusen. Viele Schiffe kentern unterwegs, weil sie für die hohe See einfach nicht ausgestattet sind. Und die Fluten steigen, wenn auch mit der Zeit langsamer, aber doch stetig.

Ansagerin:                So weit der Bericht von Fuat Demir. Und nun zum Inland. Die Zahl der Menschen, die vor dem Wasser nach Afrika fliehen, reißt nicht ab. In diesem Monat haben wieder mehr als 900.000 Weiße Gastfreundschaft beantragt, sodass die Zahl der Europäer in unserem Land auf fast 5 Millionen angestiegen ist. Über die Stimmung im Land berichtet unsere Mitarbeiterin Delphine:

Delphine:                  Der Unmut über die Ausländer wächst. Das Innenministerium ließ verlauten, dass natürlich jeder, dem das Wasser bis zum Hals steht, Asyl beantragen kann. Doch müsse dem Asylmissbrauch strikt entgegengewirkt werden. Afrika sei immer ein gastfreundliches Land gewesen. Doch müsse dringend der Asylparagraph geändert werden, damit nicht immer mehr Europäer den sozialen Frieden in unserem Land stören. Vor allem müsse die Einreise über sichere Drittländer verhindert werden.

Anja:                          (schaltet den Fernseher aus) Was bin ich froh, dass ich da raus bin. Hier in Afrika sind wir wenigstens sicher.

Marcus:                     Meine ganze Familie ist noch in Deutschland. Ich konnte als einziger fliehen. Ob die noch am Leben sind?

Anja:                          Ich habe meine Leute in Mainz zum letzten Mal gesehen. Vor drei Jahren. Da war gerade Fastnacht. Und jetzt gibt es Mainz nicht mehr.

Marcus:                     Ach, hör’ bloß auf. Da kriege ich Heimweh.

Anja:                          Wärst Du lieber dort geblieben?

Marcus:                     Quatsch! Aber so sind wir doch vom Regen in die Traufe gekommen. Ich krieg’ noch einen Lagerkoller, wenn das so weitergeht hier.

Anja:                          (schwärmerisch) Einmal wieder ein Zimmer für sich allein haben. ... In diesem Schlafsaal ist ja keine Ruhe zu finden.

Marcus:                     Die Ostfriesen nebenan schnarchen immer so laut. Und die Kinder von den Hamburgern auf der anderen Seite ...  dieses dauernde Quengeln! Aber ich kann sie ja verstehen.

Anja:                          Ich habe übrigens gehört, dass wir jetzt bald arbeiten dürfen. Die Afrikaner beschweren sich, dass wir denen faul auf der Tasche liegen.

Marcus:                     Das muss man ausgerechnet uns Deutschen nachsagen!

Anja:                          So sind halt die Vorurteile. Sag mal: Was hast Du eigentlich früher für einen Beruf gehabt.

Marcus:                     Wirtschaftsinformatiker. Und Du?

Anja:                          Krankenschwester.

Marcus:                     Meinst Du, die lassen uns in unseren Berufen wieder arbeiten?

Anja:                          Nee, die erkennen unsere Ausbildung hier nicht an. Vom Block nebenan hat mir ein Holländer erzählt, wir sollen in der Wiederaufforstung arbeiten oder auf Bananenplantagen oder bei der Müllverarbeitung.

Marcus:                     Was?! So’ne Drecksarbeit?

(Uli kommt herein, mit einem Rucksack auf dem Rücken)

Uli:                             Hallo Leute! Bin ich hier richtig? Zentrale Aufnahmestelle Nkomo, Block F, Saal 77?

Marcus:                     Ja, komm rein. Ich bin Marcus aus Köln.

Anja:                          Ich die Anja aus Mainz.

Uli:                             Und ich die Uli aus Worms. Endlich geschafft! Schön habt ihr’s hier! Richtig gemütlich. Wo ist denn mein Zimmer? Ach, und wo ist hier die Küche? Ich habe mir ein paar Kartoffeln organisiert. Die könnte ich uns kochen. Aber vorher brauche ich ‘ne Dusche.

Marcus:                     Geht nicht. Wasser ist abgestellt bis heute Abend. Selbst kochen dürfen wir nicht. Wir werden zentral versorgt. Und Du schläfst hier in dem Massenquartier im Bett 54. Einzelzimmer sind nicht vorgesehen.

Uli:                             Was? Ihr meint, hier mit den vielen Leuten? Männer und Frauen zusammen?

Anja:                          Genau.

Marcus:                     Komm, setz Dich erst mal hin. Wirst Dich schon dran gewöhnen.

Uli:                             Naja, Hauptsache erst mal in Sicherheit. Schlimmer als die Flucht bis hierher kann es gar nicht werden.

Anja:                          Wie bist du denn rausgekommen?

Uli:                             Mit ‘nem Schiff. Einem alten Rheindampfer aus Worms. Der war so voll, dass man sich beim Schlafen nicht ausstrecken konnte. Sind viele unterwegs gestorben. Cholera und so ...

Marcus:                     Hast Du Deinen Asylantrag schon gestellt?

Uli:                             Nee, da soll wohl gleich jemand kommen. Wie steh‘n denn so die Chancen?

Anja:                          Wart’s halt mal ab!

Alphonse:                  (kommt herein, ruft auf Französich:) Est-ce qu’il ya une Ulrike Müller?

Uli:                             Müller? Das bin ich!

Alphonse:                  (auf Französisch:) Venez! Nous devons prendre vos empruntes digitales et commencer le questionnaire pour votre demande. (Kommen Sie! Wir müssen Ihre Fingerabdrücke nehmen und die Befragung für Ihren Antrag führen.)

Uli:                             Was sagt der? Ich verstehe kein Wort.

Alphonse:                  (auf Deutsch:) So ging es mir vor etwa 30 Jahren, als ich bei Euch in Deutschland Asyl brauchte.

Uli:                             (etwas kleinlaut) Oh, Sie waren damals in Deutschland? Hm ... eh ... Hat’s Ihnen bei uns gefallen?

Alphonse:                  Sagen wir mal: Es gab auch nette Deutsche.

Uli:                             Und wie lange waren Sie in Deutschland.

Alphonse:                  Als das mit den Ausschreitungen gegen unsere Unterkünfte immer schlimmer wurde, bin ich aus Deutschland geflohen. Das war 2004. Aber jetzt haben wir eine Demokratie in unserem Land und können uns einigermaßen selbst versorgen. Geben Sie mal Ihre Hand her! Ich muss Ihre Fingerabdrücke nehmen.

Uli:                             (zieht empört ihre Hand zurück) He, was soll denn das? Habe ich mich etwa Tausende von Kilometern hierher durchgeschlagen, um dann wie eine Verbrecherin behandelt zu werden?

Alphonse:                  Sie sind also nicht mit dem Flugzeug gekommen?

Uli:                             Eh ... nein. Mit Bus, Schiff, zu Fuß ....Alles Mögliche. Mein ganzes Vermögen ist dabei draufgegangen. Einen Flug zu kriegen, das ist fast unmöglich.

Alphonse:                  (nimmt währen des Redens die Fingerabdrücke) Sie waren also zwischendurch in Spanien, nehme ich an.

Uli:                             Ja, sicher. Aber da waren schon so viele Flüchtlinge. Spanien ist selbst nicht reich genug.

Alphonse:                  Also ...(füllt ein Papier aus) Sie kommen aus einem sicheren Drittland. Damit steht Ihnen nach den neuen Gesetzen kein Asyl zu.

Uli:                             Was? Ja, was soll dann aus mir werden? Ich kann doch nicht zurück!

Alphonse:                  Sie kommen aus Worms?

Uli:                             Ja.

Alphonse:                  Worms ist noch nicht überflutet. Wir nehmen nur die auf, denen das Wasser bis zum Halse steht. Wir können nicht einfach jeden Scheinasylanten hereinlassen. Das macht unsere Bevölkerung nicht mehr lange mit.

Uli:                             (regt sich auf) Scheinasylant? Ich will Ihnen mal was sagen: Sie haben ja gar keine Ahnung, wie das ist. Wenn man nicht weiß, wo man die nächste Nacht verbringen kann, wenn man Hunger hat, wenn man Angst vor Plünderern hat, wenn Du im wörtlichen Sinn den Boden unter den Füßen verlierst.

Alphonse:                  Oh  -  ich weiß sehr wohl, wie das ist, wenn man fliehen muss. Und ich weiß auch, wie das ist, wenn man auf die Hilfe anderer angewiesen ist und sie nicht kriegt. Ihr Europäer seid ja selbst Schuld! Ihr habt Eure Umweltkatastrophe selbst verursacht mit Eurer Industrie, mit Eurem Wohlstand. Unsere Regenwälder habt Ihr gerodet. Das Klima hat sich gerächt. Tja  -  und damit sind wir wieder in der Gegenwart. Aus humanitären Gründen werden Sie nicht abgeschoben. Sie bekommen eine vorläufige und befristete Aufenthaltserlaubnis.

Uli:                             Gott sei Dank!

Alphonse:                  (reicht ihr verschiedene Dinge)Hier sind Ihre Essens- und Kleidermarken. Das ist ein kleines Taschengeld. Sie dürfen vorläufig die Stadt nicht verlassen und nicht arbeiten. Abends müssen Sie um 20.00 Uhr im Heim sein.

Uli:                             Meine Familie ist auch hier in Afrika. Kann ich nicht mit denen zusammen in ein Lager kommen?

Alphonse:                  Vielleicht... Stellen Sie einen schriftlichen Antrag. Den bekommen Sie in der Stadt bei der Ausländerbehörde.

Alphonse:                  Wie weit ist denn das?

Alphonse:                  Sechs Kilometer etwa, oder sieben.

Uli:                             Was? Wie soll ich da hinkommen? Das bisschen Taschengeld reicht doch kaum für’s Busfahren.

Alphonse:                  Das ist Ihre Sache. Sie haben doch Zeit und gesunde Beine. Ihr Deutsche beschwert Euch immer so schnell. Wir waren damals viel geduldiger. Nach ein bis drei Monaten werden Sie übrigens auf die verschiedenen Stammesländer verteilt. Sie bekommen auch Bescheid, wenn Sie arbeiten dürfen. Ich wünsche Ihnen alles Gute! Bonsoir!

Uli:                             Halt! Ich hätte da noch eine Frage: Eh ... ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll. Gibt es hier so etwas wie die Rechtsradikalen damals bei uns in Deutschland? Eh ... ich meine so eine Art afrikanischer Neonazis, Skinheads, die die Weißen angreifen und so.

Alphonse:                  Wissen Sie, die Deutschen sind nicht gerade beliebt bei uns. Das ist schon richtig. Aber bei uns ist noch kein Weißer auf offener Straße verprügelt worden, ohne dass Passanten eingriffen. Keins der Lager hat bisher gebrannt. Wir Afrikaner haben damals bei Euch Europäern gelernt, dass ein Land verkommt, wenn es die Gastfreundschaft vergisst. Hass macht hässliche und böse Menschen. Nein  -  rechtsradikale Schläger haben wir nicht. Gastfreundschaft ist eins der höchsten Güter in unserem Land.

 

 
Jahr:
2015
Autorin:
Pfarrerin Doris Joachim-Storch
Weitere Informationen:

Das Anspiel ist im Heft: „Nicht erschrecken vor dem Grauen der Nacht“ Gottesdienstmaterial zum Ende der Ökumenischen Dekade zur Überwindung von Gewalt, hrsg. Vom Zentrum Verkündigung 2010 (ab Seite 128) abgedruckt. Das ganze 160 Seiten starke Heft gibt es für 10 Euro in einer Druckversion, bestellbar im Onlineshop des Zentrum Verkündigung der EKHN unter der Kategorie "Weitere Praxismaterialien" (Onlineshop) oder auch kostenlos als Download (PDF). 

Kontakt:

Pfarrerin Doris Joachim-Storch
Referentin für Gottesdienst
Zentrum Verkündigung der EKHN
Markgrafenstr. 14
60487 Frankfurt
Tel. 069-71379-117
doris.joachim-storch@zentrum-verkuendigung.de
www.zentrum-verkuendigung.de