Predigt nach flüchtlingsfeindlicher Aktion in Dillhausen

 
am 4. Juli 2015 in Mengerskirchen-Dillhausen
Vorbemerkung:
Die Predigt ist eine Reaktion auf eine flüchtlingsfeindliche Aktion in Dillhausen einige Tage zuvor. Die Medien hatten hessenweit berichtet, dass die Täter vor dem Eingang eines für die Aufnahme von 15 Flüchtlingen vorgesehenen Hauses zwei Schweineköpfe abgelegt hatten. Um das Haus herum waren Schweineschwänze und Innereinen verteilt worden. Auf der Fassade und einem Fenster wurden drei Schriftzüge in roter Farbe mit den Worten „Go home“entdeckt. Ich hatte mich zu Beginn des Gottesdienstes schockiert über diesen bösartigen und schändlichen Angriff gezeigt.

Liebe Gemeinde!
Gestern Abend fand in (Mengerskirchen-)Winkels ein Erzählcafe mit einer Limburger Gruppe von Flüchtlingen statt, die an verschiedenen Ortes des Kreisesüber ihre jeweiligen Fluchterfahrungen berichteten. Ich nehme dies zum Anlass,eine Erzählpredigt über meine Erfahrungen mit Flüchtlingen zu halten.
Dabei gehe ich von dem erweiterten Familienbegriff Jesu aus und erinnere an die Bibelstelle, als seine Familie ihn als übergeschnappt nach Hause zurückholen wollte, und er sagte: „Wer den Willen meines Vaters tut, der ist für mich Bruder, Schwester und Mutter.“
 
Nun meine persönlichen Erfahrungen:

Vor zwei Wochen erhielt ich einen Anruf von Diana, die mit ihrer Familie von Sidney aus eine Europareise machte und dabei ein Ehepaar in Hofheimbesuchte, das wie ich einer PAX-CHRISTI-Gruppe angehörte, die freundschaftliche Kontakte mit den in der Kreisstadt

untergebrachten Flüchtlingen gepflegt hatte. Diana war vor mehr als 30 Jahren mit ihrem Mann und dem kleinenSohn als armenische Christenvor den Islamisten im Iran nach Deutschland geflüchtet,um von dort 1986 nach Australien auszuwandern. Sie haben den Aufenthalt in der Kreisstadt mit uns als eine glückliche Zeit empfunden!

Vor ein paar Tagen bekam ich eine e-mail, mit der ein ebenfalls geflüchteter Iraner mich zur Feier seines 60. Geburtstages einlud. Ihn kannte ich aus seiner Zusammenarbeit mit PRO ASYL. 2012 erhielt er die Verdienstmedaille des Landes Rheinland-Pfalz für seinen mehr als 20-jährigen Einsatz in der Flüchtlingsarbeit des Mainzer Malteser-Hilfsdienstes. Mich betrachtet er als seinen Vater.

Wir pflegten mit den Flüchtlingsfamilien, die in Hofheim untergebracht waren, sehr vielseitige Kontakte, haben Freud und Leid miteinander  geteilt, uns gegenseitig bei besonderen Anlässen zum Essen eingeladen, zusammen die großen Feste in einem Saal oder auf der Wiese gefeiert, haben zahlreiche „Taxi-Fahrten“ zu besonderen Terminen, zu Arztbesuchen und zum Einkaufen übernommen. Höhepunkte waren unsere drei Urlaubswochen in Feriendörfern von Schwarzwald und Odenwald. Da die Asylbewerber die Grenzen des Bezirks nicht überschreiten durften, mussten wir die Erlaubnis des Landrats einholen, die dieser versagte. Ich habe dann das Innenministerium oder das Verwaltungsgericht eingeschaltet. Bei einem unserer Treffen sagte ein eritreischer Flüchtling, der erst Monate nach seiner hochschwangeren in Hofheim angekommen war: „Ihr seid für uns Väter und Mütter, Schwestern und Brüder.“ Wir waren völlig perplex und mussten natürlich an die Worte Jesu von der alternativen Großfamilie denken.
 
Für meine Feier des Goldenen Priesterjubiläums in Hofheim hatten die afrikanischen Familien aus Eritrea die Gestaltung des Festes übernommen. Raymok, die ich als kleines Mädchen erlebt hatte, die jetzt als Bilanzbuchhalterin eines Konzerns tätig war und selbst bereits Mutter wurde, hielt die Festansprache. Dabei dankte sie der Gruppe vor allem dafür, dass wir ihnen als Kindern ein Leben vergleichbar mit den deutschen ermöglicht hätten. Zum Schluss verlieh sie mir den schönsten Ehrentitel, indem sie mich zum „deutschen Opa“ ernannte.

Am 3. Mai, liebe Gemeinde, fand die Sternwallfahrt der Kirchengemeinden von Mengerskirchen zum „Dillhäuser Kapellchen“ statt. Der Messe schloss sich ein Fest auf dem Sportplatz von (Mengerskirchen-)Probbach an mit Flüchtlingen und Migranten aus der Großgemeinde. Hierzu hatten neben den Kirchengemeinden u.a. die Zivilgemeinde, die Ortsbeiräte, Vereine und das Bildungsforum eingeladen(s. Artikel von A. Strieder). Mit den von ihnen zubereiteten Gerichten wollten die neuen Mitbewohner von Mengerskirchen ihren Dank für die

wohlwollende Aufnahme durch die Bevölkerung abstatten.Dies betrachtete ich als eindrucksvollen Beleg für den Hinweis des Bürgermeisters, der den flüchtlingsfeindlichen Vorfall in Dillhausen scharf verurteilt hatte, auf die „hohe Willkommenskultur
in Mengerskirchen. Damit verbinde ich nun die Erwartung, dass die Gemeinde, dass wir alle in der Lage und willens sind gerade auch mit der christlichen Vorstellung von der universalen Familie gegen alle negative Einstellungen anzugehen.