„Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.“ - Ökumenische Jahreslosung 2015

 

Die Ökumenische Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen wählt ein paar Jahre vorher einen bestimmten biblischen Vers als Jahreslosung aus. Dabei wird bewusst versucht, Texte im Blick auf die heutigen Menschen und ihre Situation auszuwählen.

Also: „Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob“

… im Blick auf heutige Menschen und ihre Situation.

Die meisten Menschen nehmen andere an, akzeptieren sie oder laden sie ein, hören ihnen zu. Es wird mit anderen gespielt oder gearbeitet, zusammen gelacht oder geweint, sich gestritten und sich wieder versöhnt.

Und es gibt Menschen, die man nicht annehmen kann, mit denen man nicht zusammenarbeiten oder sich nicht wieder versöhnen kann.

„Nehmt einander an!“

Römer 15, 7 a!

Das hört sich so einfach an.

Und auch im Alltag begegnet nicht selten die Maxime, man müsse die Menschen so nehmen, wie sie sind. Der erste Bundeskanzler, Konrad Adenauer, soll den Satz, man müsse die Menschen so nehmen, wie sie nun einmal sind, um ein kleines, entscheidendes Sätzchen ergänzt haben: „Es gibt keine anderen.“

Die Menschen so nehmen, wie sie sind …

Bloß: wer kann das schon - die nahen und die fernen Nächsten so nehmen, wie sie sind!

  •  „Kannst du denn nicht ein Mal ...“
  • „Wie oft habe ich dir schon gesagt, ...“
  • „Musst du denn immer ...“.

Sätze, die so anfangen, zeigen, wie schwer es fällt, die andern so zu akzeptieren, wie sie sind.

Sätze, die so anfangen, zielen drauf ab, die Nächsten zu ändern.

Die andern mögen sich doch bitte integrieren - in das Bild, das ich mir von ihnen mache.

Meine Nächsten sollen bitteschön so sein, wie ich sie gern hätte.

Klappt das?

Selbst der Apostel Paulus, dem die Jahreslosung für 2015 vor fast 2000 Jahren einfiel, stöhnte mal an anderer Stelle:

„Ich wollte zwar lieber, alle Menschen wären, wie ich bin!“(1 Kor. 7,7)

Dieser Wunsch dürfte vielen vertraut sein. Die anderen sind aber nicht so wie ich.

Und so erkennt auch der Apostel Paulus irgendwie zähneknirschend an:

 „Ich wollte zwar lieber, alle Menschen wären, wie ich bin, aber … jeder hat seine eigene Gabe von Gott, der eine so, der andere so.“

Der 1891 verstorbene Radikal-Demokrat Friedrich Stoltze aus Frankfurt am Main - er unterstütze die gescheiterte demokratische Revolte von 1848 - formulierte einmal: „Un es will merr net in mein Kopp enei: wie kann nor e Mensch net von Frankfort sei!“

Übersetzt:

„Es will mir nicht in den Kopf rein: Wie kann nur ein Mensch nicht aus Frankfurt sein.“

Das könnte man auch von x sagen.

Oder von y. Oder, oder, oder.

Der Frankfurter Friedrich Stoltze meinte das natürlich ironisch. Im Zusammenhang heißt der Gedichtanfang:

 „Es is kaa Stadt uff der weite Welt, die so merr wie mei Frankfort gefällt,

un es will merr net in mein Kopp enei: wie kann nor e Mensch net von Frankfort sei!“

Ironisch beschreibt Stoltze eine Haltung, eine Einstellung.

Es will mir überhaupt nicht in den Kopf, dass Menschen anders sind als ich.

Dieses Gefühl dürfte vielen vertraut sein.

Auch wenn die meisten sich nicht so ausdrücken, wie jener Rentner, den das ARD-Magazin Panorama fragte, was er auf einer Pegida-Demonstration in Dresden denn bewegen wolle.

Der Rentner antwortete: „Na, was will ich denn bewegen? Dass ich gegen die Ausländer bin, dass so viele hier reinkommen. Das ist mein Grund, warum ich hier bin und die kriegen einen Haufen Geld. Ich bin Rentner, ich krieg eine kleine Rente und geh noch arbeiten, dass ich einigermaßen gut über die Runden komm.“

Eine andere Demonstrationsteilnehmerin, vielleicht Mitte fünfzig, meinte:

„Also ich möchte gerne... Ich bin nicht gläubig in dem Sinne, aber ich möchte gern, dass die Kirche im Dorf bleibt und dass wir nicht in irgendeine Moschee rennen müssen zu Weihnachten. Dass wir überhaupt dann noch Weihnachten feiern dürfen. Das wird ja schon witzig. Wahrscheinlich feiern wir das in 20 Jahren nicht mehr, weil wir dann so unterwandert sind und die Deutschen so wenig Prozent auf den Plan bringen. Haben wir nicht genug eigene Sorgen im eigenen Land? Nee. Da holen wir uns noch mehr rein.“

Eine andere Demonstrantin meint, sie sei „nicht dafür, dass hier der Islam eingeführt wird als Staatsreligion. Es soll jeder seine Religion haben und leben können, aber nicht unbedingt, dass das eine Staatsreligion wird.“

Man könnte das als blanken Unsinn abtun, als fremdenfeindliche Ressentiments. Man könnte argumentieren. Mit Argumenten jedoch kommt man solchen Ressentiments nicht bei. Auch moralische Appelle „Nehmt einander an!“ dürften erfolglos sein. Es geht um Gefühle. Der Rentner hat das Gefühl, diese fremden anderen kriegen etwas, wovon er zu wenig hat: Geld. Seine eigene finanzielle Lage empfindet der Rentner - vielleicht zu Recht! - als schwierig. Und diese Fremden kriegen Geld! Die Mittfünfzigerin hat das Gefühl, Muslime haben etwas, was ihr fehlt: Religion. Sie ist nicht gläubig „in dem Sinne“, will aber in keine Moschee rennen, um Weihnachten zu feiern. Ich vermute, die Islamfeindlichkeit, die Islamophobie, hängt neben vielem anderen damit zusammen, dass viele Menschen die eigene Religion als äußerst brüchig erleben - „nicht gläubig in dem Sinne“.

Bei Muslimen wird etwas vermutet, was einem selbst fehlt: Frömmigkeit, Verwurzelung in der eignen Religion. Den Rentner, der das Gefühl hat, zu kurz zu kommen, und die Frau, die Angst hat vor der Religion der anderen, wird der moralische Appell aus Römer 15,7a  „Nehmt einander an!“ nicht beeindrucken. Genau das können sie nicht: die anderen annehmen.

Deshalb: Wer Römer 15,7a sagt -„Nehmt einander an!“, muss auch Römer 15,7b sagen:

„ ...wie uns Christus angenommen hat!“

Um andere, um fremde, um einander annehmen zu können - und ich vermute - auch um sich selbst annehmen zu können, braucht es etwas ganz anderes, einen gnädigen Blick von ganz woanders als von uns selbst her, von den eigenen Ansprüchen und Maßstäben her.

Nein: nicht wir nehmen uns selbst an, wir werden angenommen. Nicht wir sehen uns plötzlich in einem andern Licht, wir werden gesehen. Von einem, der uns nicht an unsrer Leistung misst. Oder an unsrer finanziellen Lage. Oder an unserm Aussehen! Wir werden gesehen. Von einem, der uns als die Menschen sieht, die wir tatsächlich sind.

Wer Römer 15,7a sagt: „Nehmt einander an!“, muss auch Römer 15,7b sagen:

„ ...wie uns Christus angenommen hat!“

Und wie nimmt er seine Menschen an?

Den Schrei des verlorenen und wieder gefundenen Sohnes nimmt er an:

 „Vater, ich bin nicht mehr wert, dein Kind zu heißen, hilf mir!“

Diesen Schrei nimmt er an, dieses Ringen nach Lebensatem, die Ehrlichkeit dieses Sohnes, der in die Fremde gegangen und dort gescheitert ist, die Ehrlichkeit sich selbst und dem Vater gegenüber die nimmt er an. Offensichtlich nicht das Beharren auf der eigenen Lebenslüge.

...

Wie nimmt der Christus seine Leute an? Verschwenderische Zärtlichkeit nimmt er an, der Christus, von der Frau in Betanien MK 14,3-9 zum Beispiel, die die Alabasterflasche mit teuerstem Öl nahm, um ihn zu salben. „Sie hat eine schöne Tat an mir getan.“ Sagte er zum Protest der Jünger über die sinnlose Verschwendung - an Geld, an Öl, an Zärtlichkeit. Sparsame Berechnung nimmt er offensichtlich nicht an.

Den „reichen Jüngling“ übrigens nimmt er nicht an. Obwohl er ihn „lieb hatte“. Wohl aber die Ehebrecherin, die Sünder und kleinen Zöllner, die sagen: „Ich kann nicht mehr, jedenfalls nicht mehr so wie bisher“, die nach einem anderen Leben hungern und dürsten, die nimmt er an: als bedürftige Menschen.

„Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.“

Wenn ich mich selber angenommen weiß, mit meinen Stärken und mit meinen Schwächen, mit meinem Scheitern und meinen Erfolgen, meiner Angst und meiner Zuversicht, wenn ich mich selber angenommen weiß, kann ich andere annehmen, brauche ich anderen nicht zu neiden, was sie haben.

Andere annehmen - das kann, wer sich angenommen weiß und getragen von einer Macht, die wirklich nicht von dieser Welt ist.

Die Faltkarte zur Jahreslosung 2015 zeigt acht Menschen: zwei Bio-Deutsche, drei Menschen aus Syrien, eine Frau mit russischen Wurzeln, einen Schweizer und einen Jungen, der in Ghana zur Welt kam. Sie berühren sich. Und lassen sich berühren.

Berührungen werden die Erde erwärmen.

Sie fassen sich an und nehmen sich an.

Sie stehen auf einer Hand, einer Himmels-Hand, die sie trägt. Dieser himmlische Boden, auf dem sie stehn, gibt ihnen den Mut und die Kraft, einander anzunehmen.

Und wie komme ich zu der Gewissheit, getragen zu sein?

Dietrich Bonhoeffer formulierte einmal:

„Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!“

Wer so betet, schwingt sich in die Jahreslosung 2015 ein.

 
Jahr:
2015
Autor:
Pfarrer Peter Oldenbruch
Weitere Informationen:

Peter Oldenbruch ist Inhaber der Pfarrstelle für Flüchtlingsarbeit der EKHN

Kontakt: peter.oldenbruch@propastoral.de