Nehmt einander an! - Predigt über Röm 15,7

 
© ÖVA zur Interkulturellen Woche/Bernd Lauter

Ich bin auf dem Weg zu einem Geburtstagsbesuch. Nun stehe ich vor dem Mehrfamilienhaus und mein Blick fällt auf das Klingelschild. Acht Parteien wohnen hier. Ich gehe die Namen durch auf der Suche nach meinem Geburtstagskind: »Günes, Nagy, Struthmüller, Okeke, Ngyuen, Menzel, Strajewski, Schuster«. Ja, hier lebt die ganze Welt unter einem Dach. Und was vielleicht vor einigen Jahren noch außergewöhnlich war, ist heute in vielen Städten und sogar in manchen Dörfern selbstverständlich. Dieses Klingelschild ist dafür ein gutes Bild.

Deutschland hat sich verändert im Laufe der letzten Jahrzehnte. Ist bunter, vielfältiger geworden, gesellschaftlich, aber auch religiös. Es hat etwas gedauert, aber irgendwann hat auch die Politik erkannt, dass wir so etwas wie ein Einwanderungsland sind.

Nicht, dass es vor 1975 monokulturell grau in den beiden deutschen Staaten zugegangen wäre, nein, dafür haben schon die zahlreichen so genannten »Gastarbeiter« etwa aus der Türkei oder den sozialistischen Bruderländern gesorgt. Aber doch hat sich in den letzten vier Jahrzehnten, seit es die Interkulturelle Woche gibt, viel verändert. Das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft, Sprache, Kultur, Religion ist heute vielerorts so »normal«, dass man fragen könnte, wofür die Interkulturelle Woche überhaupt noch nötig ist.

Nun zeigt sich aber auch in diesen Tagen nicht nur in Dresden oder Leipzig, dass noch viel zu tun bleibt. Neuere Studien haben gerade erst wieder aufgedeckt, dass eine Mehrheit der Deutschen Migration als das drängendste gesellschaftliche Problem sieht. Laut Eurobarometer lehnen 62 % der Deutschen Einwanderung aus Nicht-EU-Ländern ab.

Offensichtlich sind es nicht wenige, die aus Angst auf die Straße gehen. Angst vor dem Unbekannten, dem Fremden. Leute, die sich sorgen um den Einfluss religiöser Fanatiker oder einfach darum, dass sie selbst Gefahr laufen, den gesellschaftlichen Anschluss zu verlieren. Zusammen mit denjenigen, die unverhohlen ihre Menschenfeindlichkeit vor sich hertragen, bilden sie eine Protestbewegung, die vor allem in der Abgrenzung und Ausgrenzung einen gemeinsamen Nenner hat. Und auch wenn derzeit diese »Bewegung« nicht mehr so oft in den Medien auftaucht, diskutieren Fachleute und Politiker_innen intensiv, wie man zumindest den als legitim bezeichneten Ängsten begegnen könnte.

Wir von der Interkulturellen Woche haben da seit vier Jahrzehnten wenn nicht ein »Erfolgsrezept«, so doch einen großen Erfahrungsschatz gesammelt, wie man zumindest die Angst vor dem Unbekannten entkräften kann. Nicht durch noch so kluge Argumente oder entlarvende Statistiken, sondern: durch Begegnung. Mehr nicht, aber auch nicht weniger.

Alle von uns, die sich im Rahmen der Interkulturellen Woche in den Kommunen, Kirchengemeinden und Landkreisen engagieren, wissen, dass das manchmal gar nicht so einfach ist. Sich überwinden, aufeinander zuzugehen, ja einander annehmen als »Mitbürger« (wie die Woche lange Zeit hieß), als Nachbarinnen und Nachbarn, mitunter als Geschwister und sogar hin und wieder als Freundinnen und Freunde. Das erfordert schon einen gewissen Mut und natürlich Neugier. Aber wir wissen auch: Die Mühe lohnt sich!

Das gilt auch für Flüchtlinge. Ihre Zahl wächst. Auf lebensgefährlichen Wegen erreichen sie Deutschland und bitten um Schutz. Ihre Gründe sind so zahlreich wie die Konflikte, aus denen sie geflohen sind. Wie gut, dass ihnen in großen Teilen unseres Landes eine Welle der Solidarität und Hilfsbereitschaft entgegenkommt.

Denn auch sie werden Teil der interkulturellen Gesellschaft, ob auf Dauer oder nur vorübergehend. Das hat die Interkulturelle Woche schon vor langer Zeit erkannt. Und so wird bereits seit 1986 in Deutschland auch der »Tag des Flüchtlings« während der Woche begangen. Angesichts der aktuellen Entwicklungen wird das wahrscheinlich immer wichtiger werden. Denn die vielen Initiativen und Aktionen, mit denen unzählige Ehrenamtliche Flüchtlinge unterstützen und aufnehmen, sind Teil einer Haltung, die Kritiker vielleicht als Gutmenschentum belächeln, die aber letztlich Ausdruck einer zutiefst mitmenschlichen Regung ist. Vielfalt bietet auch Schutz vor der Einfalt, besonders wenn sie gewalttätig ist und sich brutal durchsetzen will.

Vielleicht ist das Motto der diesjährigen Woche so etwas wie die Zusammenfassung der 40-jährigen Erfahrungen: Vielfalt ist tatsächlich das Beste gegen Einfalt. Begegnung wirkt tatsächlich am besten gegen Angst vor dem Unbekannten. So banal das vielleicht klingt, aber wie viele Menschen haben sich im Rahmen der Interkulturellen Woche kennengelernt? Bei Kochkursen und Leseabenden, bei Gottesdiensten und interreligiösen Feiern? Bei Exkursionen, Vorträgen und Sportveranstaltungen? Mittlerweile zählt die Geschäftsstelle jedes Jahr über 5.000 Veranstaltungen an fast 500 Orten, Tendenz steigend.

Ja, wir sind mit der Interkulturellen Woche gut in Übung, wenn es darum geht, aufeinander zuzugehen und miteinander diese interkulturelle Gesellschaft zu gestalten.

Dass die Initiative vor 40 Jahren einmal durch einen Akt ökumenischer Freundschaft von der evangelischen, der römisch-katholischen und der griechisch-orthodoxen Kirche ins Leben gerufen wurde, ist für ihre Bedeutung heute nicht mehr ganz so wichtig.

Aber für viele, die sich beispielsweise im Rahmen ihrer Kirchengemeinde dafür engagieren, kann es hin und wieder guttun, wenn sie sich folgendes bewusst machen:

Indem wir als Fremde aufeinander zugehen und uns miteinander bekannt machen, erfüllen wir die Aufforderung des Apostels Paulus: »Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.« Dieser Vers aus dem Römerbrief steht natürlich im Zusammenhang des Umgangs von Christ_innen in der Gemeinde. Er bildet den Höhepunkt einer Reihe von Ermahnungen an die Geschwister: Sie sollen ungeachtet all ihrer unterschiedlichen kulturellen und religiösen Wurzeln eine Einheit bilden, die Gott lobt und dem Heiland nacheifert. Spürbar, erlebbar gerade auch für Außenstehende.

»Nehmt einander an!« Treffender kann es der Apostel dann nicht formulieren. Einander annehmen, mit allen Unterschieden und auch Differenzen, gerade weil wir alle Menschen sind, ausgestattet mit Nöten und Hoffnungen und dem wohl universalen Bedürfnis nach Geborgenheit. Nehmt einander an, ja seht einander in die Augen, mit offenem Visier – ganz so wie Christus auf Menschen zugegangen ist. Egal ob jüdisch oder griechisch, egal ob Frau oder Mann, verheiratet oder alleinstehend, ob anerkannter Schriftgelehrter oder korrupter Behördenvertreter. Christus hat sie angenommen. Und die Begegnung mit ihm hat viele nachhaltig verändert.

Nehmt einander an! Treffender kann wohl auch die Interkulturelle Woche nicht überschrieben werden. Jahr für Jahr gibt es einen neuen Slogan, ein Motto, das mehr oder weniger versucht, pointiert und ein wenig provokativ die Herausforderungen der Einwanderungsgesellschaft zu fassen. Aber das eigentliche Motto, das Motiv hinter der Woche findet sich in genau diesem Vers aus dem Römerbrief. Nehmt einander an!

Das werden wir auch weiterhin tun! In der Hoffnung, dass diese Gesellschaft dadurch ein menschlicheres Gesicht bekommt für alle, die hier zusammenleben und im Vertrauen darauf, dass wir so dem Mann aus Nazareth ein wenig entgegenkommen. Amen.

 
Materialheft:
Gliederung 2015
Autor:
OKR Thorsten Leißer
Weitere Informationen:

Die Predigt wurde am 20. Februar 2015 im Rahmen eines ökumenischen Festgottesdienstes anlässlich des 40-jährigen Jubiläums der Interkulturellen Woche in St. Ursula in Köln gehalten.

Oberkirchenrat Thorsten Leißer ist Referent für Menschenrechte und Migration im Kirchenamt der EKD sowie Mitglied im ÖVA.

Kontakt: Kirchenamt der EKD
Referat Menschenrechte und Migration
Herrenhäuser Str. 12, 30419 Hannover
thorsten.leisser@ekd.de | www.ekd.de