Migration – Der neue Horizont des Lebens

 

Als Dr. Martin Luther mit der Reformation begann, hat er wahrscheinlich nicht gewusst, was daraus resultieren wird. Wahrscheinlich wollte er nur ein Stück des Kirchenalltags verändern. Nur ein Stück. Damit hat das, was wir heute die Reformation nennen begonnen.

Was hatte Luther gebraucht, um diese Veränderung herbei zu führen? Einen Traum? Eine Vision? Viel Mut? Ich glaube vor allem viel Mut. Wer etwas verändern will, muss nicht nur einen Traum oder eine Vision haben, sondern auch Mut. Wer gegen die herrschende Macht aufstehen will, muss mutig sein. Ja, ein bisschen Mut. Somit begann die Geschichte der evangelischen Kirchen in Deutschland und weltweit. Nun feiern wir bald 500 Jahre. Gott sei Dank.

Gedanken an den Migranten

Mich beschäftigt jedoch eine andere Geschichte. Nämlich das Schicksal der vielen Migranten, die nach Europa wollen. Was treibt die Migranten nach Europa? Ist es der Mut, etwas Neues anfangen zu wollen oder die Verzweiflung und Gefahren  in der Heimat? Warum geben tausende ihr Leben in die Hände von Schleusern und Schmugglern ab? Warum starten tausende die gefährliche Reise über das Meer und die Wüste nach Europa? Die Antwort zu diesen Fragen mag unterschiedlich sein. Laut  Migrationsbericht der UNO, gab es im Jahr 2013 mehr als 232 Millionen Migranten weltweit[1]. Millionen davon wurden vertrieben, anderen müssen flüchten oder sind von Naturkatastrophen entwurzelt. Im Vergleich ist die Anzahl von Migranten weltweit somit fast dreimal die gesamte Einwohnerzahl Deutschlands. Stellen wir uns einmal vor, die gesamten Einwohner Deutschlands mal drei sind ungewollt oder gewollt in aller Welt zerstreut? Laut Stefan Heinemann[2] ist „interkulturelle Begegnungen ein uraltes Phänomen“.  Die Menschen überqueren den Ozean und die Wüste um eine „grünere Weide“ bzw. „das verheißenes Land“ zu suchen, meinte Gemma Tulud Cruz[3]. Jedoch sind einigen Autoren der Meinung, dass „The Immigrant condition is riddled with hope, hardship, broken dreams, and measures of success[4]. Ich stimme dieser Aussage zu.

Sie sind Ebenbilder Gottes

Vier Dinge finde ich jedoch wichtig zu erwähnen. Erstens,  jeder der aufbricht und sich Richtung Westen bewegt, seien sie Vertriebene, Flüchtlinge oder Entwurzelte, egal ob sie hier ankommen oder nicht, ist ein Ebenbild Gottes. Imago Dei (Genesis 1,27). Wenn diese Menschen in der Wüste sterben oder in den Meeren ertrinken, stirbt Gott auch mit. Er leidet Hunger. Er bettelt um Essen. Für ein Stück Brot. Er ist obdachlos. Er wird von Straße zu Straße verjagt. Von Grenze zu Grenze abgeschoben. Er ist ein Spielball der Mächtigen. Christus, das Abbild Gottes sagte, „...Wahrlich, ich sage euch, was ihr einem dieser meiner geringsten Brüder getan habt, habt ihr mir getan“ (Matthäus 25,40).

Sie haben Träume

Zweitens, diese Menschen haben Träume. Sie möchten mit ihrem Leben etwas, was ihnen in ihrer Heimat verwehrt wurde, erreichen. Sie haben den Mut etwas Neues zu wagen. Sie wollten eine Veränderung in ihrem Leben herbeiführen. Es ist menschlich etwas Besseres im Leben zu wollen.

Sie sind stark

Drittens, sie sind die Stärksten, die Mut zeigen und nicht aufgeben oder in ihrer Verzweiflung resignieren. Sie haben nicht nur davon geträumt etwas Besseres im Leben zu haben. Sie versuchten tatsächlich, ihren Traum zu verwirklichen. In der Bibel steht „So ist auch der Glaube, wenn er keine Werke hat, in sich selbst tot“  (Jakobus 2,17). Sie haben ihre Ängste überwunden. Sie haben wie die Israeliten das Land von Milch und Honig gesucht. Laut Gemma Tulud Cruz[5] ist Migration, wie eine Reise, die man nur mit Mut und bleibendem Glauben begeht.  Migranten sind betende Menschen. Sie wissen, dass sie den Ozean und die Wüste und die Transitländer nicht überqueren können ohne Gottes Hilfe. Sie legen täglich ihr Leben in Gottes Hand, ohne dessen Hilfe, sie ihre Ziele nicht erreichen können. Diese Menschen wissen was Ohnmacht und Angst in der Wüste und auf den Meeren bedeutet. Aber sie wissen auch, was auf Gott vertrauen für Durchkommen bedeutet.

Sie haben Hoffnung

Letztens, sie sind voller Hoffnung. Sie haben ihre Ängste überwunden und begaben sich auf den Weg in ein unbekanntes Land. Was sie antreibt ist die Hoffnung auf eine bessere Zukunft in der Freiheit. Die Bibel sagt, dass „Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; die Größte aber von diese die Liebe“. (1 Korinther 13,13).

Was ist unsere Antwort

Diese Geschichte spielt sich heute vor unseren Augen ab, während wir 500 Jahre Jubiläum der Reformation planen. Welche Antwort haben wir? Nehmen wir die Herausforderung der Not zu begegnen an? Fassen wir Mut um anzupacken? Sowie Luther damals. Sind wir bereit die Mächtigen aufzufordern, dem Bruder und der Schwester, den Ebenbildern Gottes die Hand auszustrecken? Sie aus der Not heraus zu ziehen? Sind wir bereit zu teilen mit denen, die nichts haben? Sind wir bereit, die Perspektive zu wechseln? Sind wir dazu bereit, unseren Horizont zu erweitern? Greifen wir die Chance, die sich hier bietet um uns für das Imago Dei einzusetzen? Oder möchten wir weiter tatenlos zuschauen?  Hoffentlich sind wir nicht wie Papst Franziskus[6] einmal in Lampedusa befürchtete, „eine Gesellschaft die vergessen hat wie man weint oder Barmherzigkeit zeigt“ geworden. Jesus Christus spricht: „...Wahrlich, ich sage euch, was ihr einem dieser meiner geringsten Brüder getan habt, habt ihr mir getan“  (Matthäus 25,40).

[1] Vgl. Peschke, Doris; Über Grenzen, Aufnahme von Migrantinnen und Migranten in Europa, http://www.ahzw-online.de/download/73_75_Ueber_Grenzen.pdf. Download am 18.06.2015.

[2] Heinemann, Stefan;  Interkulturalität – Eine aktuelle Herausforderung für Kirche und Diakonie, Seite 15, ©2012 Neukirchener Verlag, Neukirchener Verlagsgesellschaft mbH, Neukirchen-Vluyn.

[3] Tulud Cruz, Gemma; An Intercultural Theology of Migration – Pilgrims in der

Wilderness, Seite 2, © 2010 by Koininklijke Brill NV, Leiden, The Netherlands.

[4] Afe, Adogame; The African Christian Disapora, New Currents and Emerging Trends in World Christianity, Seite 16, © 2013 Bloomsbury Academic, London.

[5] Tulud Cruz, Gemma; An Intercultural Theology of Migration – Pilgrims in der

Wilderness, Seite 2, © 2010 by Koininklijke Brill NV, Leiden, The Netherlands.

[6] Papst Franciskus; Homily, 8. July 2013 in „Arena“ Sport Camp, Lampedusa,   https://w2.vatican.va/content/francesco/en/homilies/2013/documents/papa-francesco_20130708_omelia-lampedusa.html. Download am 28.07.2015.

 
Jahr:
2015
Autor:
Pastor John Uzuh
Weitere Informationen:

Kontakt:
Pastor John Uzuh
Gemeinde aller Nationen - 
All Nations Christian Church e.V.
c/o Grevenerstr. 210
48159 Muenster
www.ancc-gan.org

John Uzuh, 1969 in Nigeria geboren, zog 1992 nach Deutschland, wo er am Theologischen Seminar Beröa Erzhausen/Darmstadt studierte und später im Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden (BFP) zum Pastor ordiniert wurde. 2009 kam er nach Münster und leitet dort die International Gospel Church. 2013 begann er Missionswissenschaft und Internationale Diakonie an der Fachhochschule für Interkulturelle Theologie (FIT) in Hermannsburg zu studieren. Im Juni 2014 gründete er an seinem Wohnort Münster die Gemeinde aller Nationen – All Nations Christian Church. Er versteht sich als Brückenbauer.