Leben einräumen – Gemeinde als Refugium

 
© ÖVA zur Interkulturellen Woche/Bernd Lauter

 »Ich bin fremd gewesen, und ihr habt mich aufgenommen« (Matthäus 25,35).

Das sagt am Ende des Matthäusevangeliums der wiedergekommene Menschensohn beim Weltgericht. Er sagt es zu den Geretteten, zu denen, die Zuflucht gefunden haben, die geborgen sind in Gott.

»Ich bin fremd gewesen, und ihr habt mich aufgenommen.«

»Ach was«, sagen die so Gelobten da, »davon wissen wir ja gar nichts. Wann sollen wir dich als Fremden gesehen, wann und wo dich aufgenommen haben?« Christus – Richter, Weltenkönig, Menschensohn in einem – antwortet ihnen am Ende aller Zeiten:

»Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern (und Schwestern), das habt ihr mir getan« (Matthäus 25,40).

Zu irdischen Lebzeiten hat das Jesus selber eher nicht so erlebt. Schon die werdenden Eltern finden keine Herberge. In dem Stall, in den sie flüchten, muss die junge Mutter ihr Kind in einen Futtertrog legen, »… denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge« (Lukas 2,7).

Dann flieht die junge Familie vor Gewalt und Verfolgung nach Ägypten. Aber auch die Rückkehr war für Jesus niemals Heimkehr.

»Die Füchse haben Gruben und die Vögel des Himmels Nester, der Menschensohn aber hat nichts, wohin er sein Haupt legen kann« (Matthäus 8,20).

Das sagt der erwachsene Jesus, der Wanderprediger. Und das Johannesevangelium fasst seinen Weg und sein Leben lapidar so zusammen: »Er kam in sein Eigentum und die Seinen nahmen ihn nicht auf« (Johannes 1,11).

»Ich bin fremd gewesen. Ihr habt mich aufgenommen.«

Das sind zwei Sätze, die nicht unbedingt zusammengehören. So erleben das seit Jesu Zeiten und bis heute viele Flüchtlinge. Über 50 Millionen waren es weltweit im letzten Jahr. So viele Vertriebene hat es seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht mehr gegeben. Dabei sind die diesjährigen dramatischen Entwicklungen in Syrien und im Irak noch gar nicht berücksichtigt. Sie fliehen vor Krieg und Terror und immer öfter aus zerfallenden Staaten, wo sie niemand mehr vor Gewalt, Verfolgung, Menschenrechtsverletzungen beschützen kann. Oder schützen will. Und suchen darum anderswo Schutz, ein Dach über dem Kopf, eine zumindest vorübergehende Bleibe.

»… ihr habt mich aufgenommen.«

Viele von ihnen werden tatsächlich aufgenommen. In den meisten Fällen allerdings von Ländern und Menschen, die selber wenig bis fast gar nichts haben. 86 Prozent aller Flüchtlinge weltweit fliehen in benachbarte Entwicklungsländer. Nehmen wir Syrien: Von den 3,2 Millionen Menschen, die mittlerweile aus Syrien geflohen sind, hat der Libanon, ein kleines Land mit nicht mal 4,5 Millionen Einwohnern, 1,2 Millionen aufgenommen. Das ist mehr als ein Viertel der Bevölkerung; so, als hätten wir in Deutschland in den vergangenen beiden Jahren 20 Millionen aufgenommen. In der Türkei sind weit mehr als eine Million syrische Flüchtlinge gestrandet, in Jordanien knapp 700.000, und selbst der Irak und Ägypten haben jeder für sich allein mehr syrische Flüchtlinge aufgenommen als alle 28 Mitgliedstaaten der EU zusammen.

Eine Minderheit, wenn auch eine größer werdende Minderheit, versucht nach Europa zu kommen. Weil es keine legalen Möglichkeiten gibt, tun sie das auf immer gefährlicheren Wegen. Tausende sterben dabei. 25.000 Tote wurden seit dem Jahr 2000 an den europäischen Außengrenzen gezählt. Hinzu kommen die Ungezählten, die im Mittelmeer umgekommen sind, und in der Sahara, dem neuen Todesstreifen vor den Mauern Europas. Nirgendwo auf der Welt sterben so viele Flüchtlinge wie vor den Toren dieses immer noch reichsten Kontinents der Welt. 25 Jahre nach dem Mauerfall gibt es eine neue, ungleich größere Mauer rund um Europa. … Ihr habt mich nicht aufgenommen.

Es ist schon richtig: Trotz aller Zäune und Mauern kommen mittlerweile mehr Flüchtlinge nach Europa, auch nach Deutschland. Und das ist mit Herausforderungen für Länder, Kreise und Kommunen verbunden. Im globalen Vergleich allerdings ist das alles eher wenig, zu wenig. Wenn Europa wirklich will, dass Länder wie der Libanon oder Jordanien ihre Grenzen weiter für Flüchtlinge offen halten, dann reicht es nicht, nur Finanzhilfen dorthin zu schicken.

Dann muss Europa auch seine eigenen Grenzen öffnen. Europa muss sich von der Abschottungs- und Mauerpolitik verabschieden und legale Wege für Flüchtlinge schaffen. Gefahrenfreie Wege in den »Raum der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts«, der Europa immer sein wollte. Europa muss seine Grenzen öffnen und deutlich mehr Flüchtlinge aufnehmen.

Eine immense Aufgabe angesichts der aktuellen Weltunordnung! Eine Aufgabe, die mehr braucht als Geld. Für die ein Paradigmenwechsel notwendig ist: Von der Abschottung zur Aufnahme. Und dieser Paradigmenwechsel wiederum braucht einen Geisteswechsel. Die Flüchtlingsfrage ist auch eine geistliche Angelegenheit. Wir brauchen einen Wechsel der Geister. Eine Alternative zum Mauergeist, von dem Besessene ja trotz des 9. November immer noch glauben, man bliebe bewahrt und behütet, wenn man sich nur einmauert. Anstelle dieses hoffnungslos gestrigen Mauergeistes brauchen wir den Montags-Geist. Den Geist des Mutes, der Mauern und Grenzen überwindet. Wir brauchen eine neue Zufluchts- und Aufnahmekultur: in Europa, in Deutschland, in den Kommunen, in unseren Gemeinden.

Es gibt eine theologische Spur zu einer solchen Zufluchts- und Aufnahmekultur. Der möchte ich einen Moment lang folgen. Eine lange rabbinische Tradition spricht von Gott als »maqom«, als »Raum« oder »Ort«. Entstanden ist diese merkwürdige Vorstellung, die Benennung Gottes als Ort, im Exil, als das Volk Israel auf der Flucht war. Im Gottesnamen maqom nimmt das vertriebene Volk den Zion, den Tempel, den besonderen Ort der Gottesgegenwart, sozusagen mit ins Exil. Wie Jüdinnen und Juden vorher in den Tempel gegangen sind, um sich der Nähe Gottes zu versichern, so nehmen sie jetzt Zuflucht in diesem Raumnamen Gottes: maqom.

Gott ist nicht irgendwo in der Welt, die Welt ist nicht seine Wohnung. Vielmehr ist Gott die Wohnung der Welt. So könnte man diese Gottes- und Weltvorstellung beschreiben. Sie findet sich übrigens auch im berühmten 90. Psalm wieder, im ersten Vers: »Gott, du bist unsre Zuflucht für und für« (Psalm 90,1). In anderer Übersetzung: »Du bist die Wohnung für uns gewesen von Generation zu Generation.«

Eine andere Tradition beschreibt die gesamte Schöpfung so. Die Schöpfung ist nicht etwas außerhalb von Gott, nicht etwas, das er aus sich heraus geschaffen hätte. Die Schöpfung ist vielmehr in ihm, etwas, für das er in sich Raum geschaffen hat. Gott räumt Leben ein. Der Gott, der keinen Raum in einer irdischen Herberge findet, der von den Seinen nicht aufgenommen wird, der aus der Welt verdrängt wird, räumt dem flüchtigen Leben, räumt uns, seinen Geschöpfen, Wohnung bei sich ein. Im Johannesevangelium sagt Jesus zu seinen Jüngern: »Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen; wenn dem nicht so wäre, hätte ich dann zu euch gesagt: Ich gehe hin, um euch einen Ort zu bereiten?!« (Johannes 14,2).

Der Gottesname maqom lässt der Erfahrung der Flucht, der Entwurzelung und der Heimatlosigkeit nicht das letzte Wort. Für die, die in der uns bekannten Welt keinen Raum haben, keinen Ort, wohin sie ihr Haupt legen können, gerade für sie wird Gott zum Ort, der sie aufnimmt, der ihnen Lebensraum gewährt und schafft.

Und ist nicht genau das auch die Aufgabe der Kirchen und der Gemeinden in diesen Zeiten der Flüchtlinge, der Vertriebenen und Entwurzelten? Ist das nicht unsere vornehmste, Gottes Beispiel nachfolgende, Gott gleichsam imitierende Aufgabe? Dem flüchtigen Leben, den Flüchtlingen und Entwurzelten, Räume und Orte geben. Bei uns. In unserer Mitte.

»Ich bin fremd gewesen, und ihr habt mich aufgenommen.«

Aufnehmen: Das griechische Wort, das im Original verwendet wird, lautet συνάγω, versammeln. Von diesem Wort kommt auch die »Synagoge«, die Versammlung der glaubenden und lernenden Gemeinde. Beim Aufnehmen geht’s also nicht nur ums Registrieren und Unterbringen. Es geht um mehr als Tisch und Bett und Essen. Es geht um das Hineinnehmen des Anderen in die versammelte und lernende Gemeinde. Das kann ganz buchstäblich heißen, dass eine Gemeinde einen Schutzsuchenden aufnimmt. Dass sie einem Flüchtling Kirchenasyl gewährt, dem durch eine Abschiebung unmenschliche Lebensumstände oder Menschenrechtsverletzungen drohen. Das tun zurzeit zahlreiche Kirchengemeinden und eröffnen Menschen damit neue Lebensperspektiven. Sie haben sie aufgenommen.

Das Aufnehmen, das Hineinnehmen der Anderen ins Eigene, hat aber noch eine andere Dimension und Wirkung. Es verändert auch die Aufnehmenden selbst. Das habe ich – wie selten, muss ich sagen – vor kurzem gespürt, als ich mit Menschen aus Gemeinden zusammensaß, die Flüchtlinge im Kirchenasyl haben. Da war eine angesichts der vielen Herausforderungen und Probleme, die mit einem Kirchenasyl verbunden sind, erstaunliche Zuversicht im Raum. Ein schwer erklärbarer Optimismus. Eine Mischung aus Angerührtsein und aufrechtem Gang. Und eine geradezu körperlich spürbare geistliche Konzentration. Da konnte man und frau leibhaftig spüren, dass das Aufnehmen der anderen auch uns selbst neue Perspektiven – Lebens- und Glaubensperspektiven – eröffnen kann.

Und genau darum geht es meines Erachtens bei der neuen Aufnahmekultur, die wir so dringend brauchen. Es geht darum, dem Leben der Anderen im Eigenen Raum zu geben und sich dadurch auch selbst verändern zu lassen. Das gilt für jede und jeden Einzelnen. Das gilt auch für die Gemeinde und für die Kirche als Ganzes. Kirche, griechisch »ekklesía«, bedeutet wörtlich: die Herausgerufene. Wenn die Kirche bleiben will, was sie ist, darf sie nie bleiben, wie sie ist. Die protestantische Tradition nennt sie darum: »Ecclesia semper reformanda«. Eine Kirche, die sich angesichts neuer Herausforderungen immer wieder erneuern und verwandeln muss.

»Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, uns auf die Seite der Entwurzelten zu stellen.«

Dieser Satz des Ökumenischen Rates der Kirchen stammt aus dem Jahr 1995. Dieses »Jetzt« ist also schon 20 Jahre alt. Der Apell aber ist aktueller denn je:

»Wir rufen die Kirchen in aller Welt auf, ihre Identität, Integrität und Berufung als Kirche des Fremden neu zu entdecken … Wir sind die Kirche Jesu Christi, des Fremden« (Matthäus 25, 31-46).

In dieser »Kirche des Fremden« erträume ich mir Gemeinden als Refugien und Zufluchtsorte für alle. Für die, die keinen Platz, keinen Ort, keine Perspektive haben. Und für die, die nach neuen Perspektiven suchen, für sich, für die Gesellschaft, für das Zufluchtsland Deutschland, für Europa, für den einen bewohnten Erdkreis. Die Gemeinde als Ort, wo dieser Grenzen und Mauern überwindende Montagsgeist weht. Wo Menschen einander Leben einräumen. Wo Menschen teilen und nicht herrschen. Wo sich die geringen zusammen mit den geringsten Schwestern und Brüdern Jesu gemeinsam auf den Weg machen in eine unbekannte Heimat. In eine Heimat, die mancher und manchem in die Kindheit geschienen haben mag, an jenen Gott-Ort jedenfalls, an dem wir dann wieder zu hören bekommen:

»Ich bin fremd gewesen, und ihr habt mich aufgenommen.«

Und wo alle sagen werden: Ja, so war das.

 
Materialheft:
Gliederung 2015
Autor:
Pfarrer Andreas Lipsch
Weitere Informationen:

Pfarrer Andreas Lipsch ist Interkultureller Beauftragter der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Leiter des Bereichs Flucht, Interkulturelle Arbeit und Migration in der Diakonie Hessen sowie stellvertretender Vorsitzender des ÖVA.

Kontakt: andreas.lipsch@diakonie-hessen.de