Flucht und Migration. Bausteine für einen Gemeindeabend

 
im Rahmen der Kampagne "Weite wirkt" - "Reformatorische Impulse in der Einen Welt und für die Eine Welt 2016"

„Wir haben hier keine bleibende Stadt“ (Hebräer 13,14a). Das mögen in Frankreich auch die Frauen und Männer gedacht und gesagt haben, als Ludwig XIV. im Oktober 1685 das Edikt von Nantes widerrief, das den Protestanten Religionsfreiheit zugesichert und zum Ende der Hugenottenkriege geführt hatte. Sie flohen v.a. in die Schweiz, Niederlande und nach Preußen. Mit ihnen verlor Frankreich einen Großteil der gebildeten und wirtschaftlich starken Menschen. Die Flüchtlinge brachten durch Wissen, handwerkliche Fähigkeiten oder Besitz Wohlstand in die Aufnahmeländer. 

So führte die Ansiedlung reformierter Flüchtlinge aus den Niederlanden in Wesel zu einem Aufschwung und letztlich zu einer erneuten, lokalen Reformation: Das bis dahin lutherische Wesel wurde reformiert. In den niederrheinischen Orten Geldern, Kleve und Moers bewirkte die Ansiedlung niederländischer (d.h. reformierter) Glaubensflüchtlinge zu einem industriellen Aufschwung (Textilfabriken). Im ostfriesischen Emden wurde neben der bestehenden Diakonie die „Diakonie der Fremdlingen Armen“ eingerichtet, die es bis heute (d.h. fast 400 Jahre!) gibt.

Die Bekämpfung des Protestantismus in den Niederlanden führte zur Flucht der Protestantinnen und Protestanten in benachbarte Länder und zur Gründung von Flüchtlingsgemeinden, z.B. in Emden, Emmerich, Goch, Wesel, Rees, Neuss, Köln, Aachen, Frankfurt am Main, Heidelberg, Frankenthal. Der Versuch, die Flüchtlingsgemeinden vor Zerfall zu bewahren, führte 1568 zum sog. „Weseler Konvent“ und nach weiteren Treffen zur Emder Synode 1571. Deren Beschlüsse beinhalten Grundlagen für die presbyterial-synodale Kirchenordnung, die für viele evangelische Kirchen auf der Welt gilt. Dieser Aufbau der Kirche und dass alle Mitglieder sich an Entscheidungen beteiligen können, prägt noch heute die Struktur demokratischer Staaten.  

Bausteine für eine Gemeindeveranstaltung

Einstimmung
Zum Einstieg könnten Materialien ausliegen oder verteilt werden, die für „Unterwegssein“ stehen, wie abgelaufene/neue Wanderschuhe, geographische Karten, GPS-Gerät, Koffer, Rucksack, Pässe, Nationalflaggen, Flug- oder Bahntickets …

Mögliche Lieder

  • „Du stellst meine Füße auf weiten Raum“ von C. Bittlinger
  • „Stellst meine Füße, Gott, auf weiten Raum“ von B. Schlaudt 
  • „Meine engen Grenzen“ im eg West Nr. 600
  • „Der Himmel geht über allen auf“ im eg West 611
  • „Ins Wasser fällt ein Stein“ in eg West 659
  • „Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer“ in eg West 663

Bibelverse

  • „Du stellst meine Füße auf weiten Raum“ (Psalm 31,9b)
  • „Wir haben hier keine bleibende Stadt“ (Hebr 13,14a)
  • „HERR, du bist unsere Zuflucht für und für“ (Psalm 90,1)
  • „Geht hin in alle Welt und macht zu Jüngern alle Völker“ (Matthäus 28,16)
  • „HERR, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist“ (Psalm 36,6)
  • „Alles, was dir vor die Hände kommt, es zu tun mit deiner Kraft, das tu“ (Prediger 9,10a)
  • „Schicke dein Brot übers Wasser, finden wirst du es nach langer Zeit“ (Prediger 11,1)
  • „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht“ (Jesaja 9,1)
  • „Der HERR hat dein Wandern durch diese große Wüste auf sein Herz genommen“ (5. Mose 2,7b)
  • „Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen“ (Matthäus 25,35c)

Bibelarbeit zu …

  • Gott ruft Abraham (1. Mose 12)
  • Josef flieht mit Maria und Jesus nach Ägypten (Matthäus 2,13-23)
  • David flieht vor Saul (1. Samuel 19 ff)
  • Elia flieht vor König Ahab (1. Könige 19)
  • Jakob wandert aus nach Ägypten zu seinem Sohn Josef (1. Mose 46f)
  • Israel flieht aus Ägypten / der Exodus (2. Mose 12 ff)
  • Jakob flieht vor seinem Schwiegervater (1. Mose 31)
  • Elimelech verlässt wegen Hungersnot seine Heimat (Rut 1ff)

Die Teilnehmer können die Position von unterschiedlichen Personen aus den Geschichten einnehmen und reflektieren:

A

  • Ich muss weg. Was bedeutet es, die Heimat zu verlassen?
  • Was erwarte ich am neuen Ort, was hoffe ich?
  • Was nehme ich mit, was lasse ich zurück? (an Gegenständen, Ideellem…)
  • Was bringe ich am neuen Ort ein?

B

  • Da kommen Neue, Unbekannte. Was macht diese Tatsache mit dem eigenen Ort?
  • Welchen Einfluss dürfen Neuzugänge auf bisherige Traditionen/Gepflogenheiten haben?
  • Wo sitzen „die Neuen“ auf dem Markt/im Tempel?
  • Wie verhalten sich die Alteingesessenen?
  • Welche Rechte gelten für alle? Welche nur für die Alteingesessenen? Welche nur für die Neuen?
  • Inwieweit verändert sich der eigene Ort?
  • Wie verhalte ich mich?

Flüchtlinge besuchen und einladen

Laden Sie z.B. Flüchtlinge ein, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen. So können beide Seiten einander kennenlernen.

Leitfragen

Aus welchen Gründen sind die Menschen umgezogen oder ausgewandert? Wen oder was bringen sie mit? Wie hat sich ihr Leben verändert? Welches religiöse und kulturelle Gepäck und welche Gewohnheiten haben sie abgelegt oder neu gewonnen? Was vermissen sie?

Anhand dieser Leitfragen können Jugendliche und Erwachsene mit und ohne Migrationshintergrund ihre eigene Familien- und Migrationsgeschichte erzählen.  

In einem zweiten Schritt kann geschaut werden, welche Auswirkungen der Zuzug von Menschen auf den eigenen Ort hatte bzw. hat. Leitfragen dazu können sein: Wie war/ ist das mit der Unterbringung von Zugezogenen? Fanden/finden sie Arbeit und wenn ja, welche? Wie wurden/werden sie aufgenommen? Wie begegnete/begegnet man ihnen?  Wieso gelingt Integration an einem Ort und an einem anderen nicht?

Auseinandersetzung mit der Historie

Denkbar wäre auch eine Beschäftigung anhand der oben genannten Leitfragen mit Beispielpersonen oder –orten aus der Reformationszeit, z.B. die Städte Wesel, Emden, Genf (siehe oben) bzw. Personen mit ausdrücklichem Fluchthintergrund wie Johannes a Lasco, Johannes Calvin.

An manchen Orten finden sich beeindruckende Aussagen von Flüchtlingen über den Ort oder Bilder. So steht z.B. über dem Ostportal der Großen Kirche in Emden folgender Satz: „Godts Kerck vervolgt, verdreven, heft Godt hyr Trost gegeven“, 1660. [Gottes Kirche verfolgt, vertrieben, hat Gott hier Trost gegeben] Dazu sieht man ein in Stein gehauenes Bild eines Schiffes.

Vielleicht gibt es auch an dem Ort Ihrer Kirchengemeinde bekannte Personen aus der Geschichte oder andere Bezüge, die darauf warten, entdeckt zu werden!

Literatur und weiterführende Links:

  • Reihe: Orte der Reformation, Evangelische Verlagsanstalt Leipzig
  • Migration heute: Fehrenschild, Sabine: „Am Anfang war es schwer.“ Migrantinnen erzählen aus ihrem Leben, SÜDWIND-Institut, download: www.suedwind-institut.de
  • Das Themenpaket „Vertreibung, Flucht, Asyl“ (EKiR) und das Dossier „Flucht und Asyl“ (EKvW) informieren über das Engagement der Landeskirchen für Geflüchtete. Es zeigt außerdem, wie Kirchengemeinden auf die Lebensverhältnisse von Flüchtlingen in ihren Kommunen reagieren. Download: www.ekir.de, www.ekvw.de  
  • Gemeinde-Impuls: Flucht, mit vielen Ideen für die Gemeindearbeit, Kindernothilfe, www.knh.de
  • Filmtipp: „Fremd ist der Fremde nur in der Fremde“ – Filme zum Thema Migration Die neun Filme dieser DVD beleuchten aus ganz unterschiedlichen Aspekten das Phänomen der Migration. Herausgegeben vom EZEF, www.ezef.de  Ausleihe, s. „Filmabend“ (S. 76)
  • Lernkiste: Die Marokko-Kiste des GMÖ enthält zum Thema „Flucht und Migration“ zahlreiche Hintergrundinformationen, Gottesdienstentwürfe, Filme, Arbeitsmaterial, einen Unterrichtsentwurf, pädagogische Materialien. Sie kann beim GMÖ Niederrhein und beim Kirchenkreis Jülich ausgeliehen werden. www.gmoe.de

Quelle: http://www.weite-wirkt.de/fileadmin/weitewirkt/daten/Dokumente/Weite_Wir... - Seite 37/38

 
Jahr:
2015
Autorin:
Frauke Laaser
Weitere Informationen:

Die Kampagne „Weite Wirkt - Reformation und die Eine Welt“ wird verantwortet von den Evangelischen Landeskirchen in Rheinland, Westfalen und Lippe. Sie ist Teil der Reformationsdekade der Evangelischen Kirche in Deutschland anlässlich des 500. Reformationsjubiläums 2017. Die Projektträger sind die Evangelische Kirche im Rheinland (EKiR), die Evangelische Kirche von Westfalen (EKvW) und die Lippische Landeskirche (LLK). Die Kampagne wird inhaltlich und finanziell unterstützt von Brot für die Welt - Evangelischer Entwicklungsdienst sowie von der Vereinten Evangelischen Mission. Sie richtet sich an alle kirchlichen wie kommunalen Partnerschaftsprojekte und Kooperationen auf den Ebenen von Land, Kreisen und Städten unter Einbeziehung von Bildungseinrichtungen in NRW.

Kontakt:

zur Kampagne "Weite wirkt" in den drei Evangelischen Landeskirchen in Rheinland, Westfalen und Lippesiehe: http://www.weite-wirkt.de/#Kontakt

zur Autorin:
Frauke Laaser

Gemeindedienst für Mission und Ökumene (GMÖ) - www.gmoe.de
GMÖ Niederrhein
Westwall 37, 47798 Krefeld
Telefon 02151 62680
niederrhein@gmoe.de