Der Widerstand der Hebammen „mit Migrationshintergrund“ 2. Mose 1, 7-21

 

" 7 die Israeliten (in Ägypten)  waren fruchtbar und vermehrten sich und wurden überaus stark. Das Land füllte sich mit ihnen. 8 Da trat ein neuer König die Herrschaft über Ägypten an…. 9 Er sagte zu seinen Leuten: "Passt auf! Das Volk der Israeliten ist zahlreicher und stärker als wir. 10 Wir müssen geschickt gegen sie vorgehen, damit sie nicht noch stärker werden! Sonst laufen sie in einem Krieg womöglich zu unseren Feinden über und kämpfen gegen uns und ziehen dann aus dem Land weg." 11 Deshalb setzten die Ägypter Aufseher ein, um die Israeliten mit Zwangsarbeit unter Druck zu setzen. Sie mussten die Vorratsstädte Pitom und Ramses für den Pharao bauen. 12 Aber je mehr sie die Israeliten unterdrückten, umso stärker vermehrten sich diese. Sie breiteten sich derartig aus, dass die Ägypter das Grauen vor den Israeliten packte. 13 Darum gingen sie hart gegen sie vor und zwangen sie zu Sklavendiensten. 14 Sie machten ihnen das Leben zur Hölle. Die Israeliten mussten in Schwerstarbeit Ziegel aus Lehm herstellen und harte Feldarbeiten verrichten. 15 Dann ließ der König von Ägypten die beiden hebräischen Hebammen Schifra und Pua zu sich rufen 16 und befahl ihnen: "Wenn ihr den hebräischen Frauen bei der Entbindung helft und seht, dass ein Junge zur Welt kommt, dann tötet ihn sofort! Mädchen dürft ihr am Leben lassen." 17 Aber die Hebammen fürchteten Gott und befolgten den Befehl des ägyptischen Königs nicht. Sie ließen die Jungen am Leben. 18 Da rief der König sie wieder zu sich und fragte sie: "Warum tut ihr das und lasst die Jungen am Leben?" 19 Sie erwiderten dem Pharao: "Weil die hebräischen Frauen nicht so wie die ägyptischen sind. Sie sind kräftig und haben ihre Kinder schon zur Welt gebracht, ehe die Hebamme zu ihnen kommt." 20 So vermehrte sich das Volk und wurde sehr stark. Gott tat den Hebammen Gutes. 21 Und weil sie Ehrfurcht vor ihm hatten, schenkte er ihnen zahlreiche Nachkommen.."  (2.Mose 1)

Ägypten schafft sich ab! Ausländer, Fremdlinge, die eine unverständliche Sprache sprechen, eine fremde Religion praktizieren, zu einem fremden Gott beten - sie erobern das Land wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben: nicht mit Waffengewalt, „sondern durch eine höhere Geburtenrate!“ (Sarrazin) Anders als die gebärunwilligen Ägypterinnen, bringen die Hebräerinnen Kind um Kind zur Welt, so dass „von ihnen das Land voll ward“. Die Identität der ägyptischen Gesellschaft steht auf dem Spiel – ja sogar die nackte Existenz! Bei einem Krieg werden die Fremden womöglich zu den Feinden überlaufen und „gegen uns kämpfen“. Die Einheimischen „packt das Grauen“.

 Trotz Überfremdungsangst aber werden die Israeliten nicht ausgewiesen. Das wirtschaftliche Interesse an leicht ausbeutbaren Arbeitskräften obsiegt. Man teilt den Israeliten die übelsten Arbeitsplätze zu, für die kein Ägypter zu haben ist. Zur Kontrolle werden ägyptische Aufseher eingesetzt, die sklavenähnliche Arbeitsbedingungen durchsetzen.

Aber die Vermehrung der Israeliten nimmt immer beängstigendere Formen an. Um dem Einhalt zu gebieten, entschließt sich der große Pharao, hebräische Hebammen persönlich anzusprechen und zur Kollaboration aufzufordern. Sie sollen neugeborene männliche Säuglinge töten. Das wird seitens des Pharao nicht ohne das Versprechen einer guten Belohnung geschehen sein, wenn die Hebammen mitmachen - und der Androhung fataler Konsequenzen bei Verweigerung der Mitarbeit.

Aber: die Hebammen spielen nicht mit! Sie sind mutig und lassen die Kinder leben. Sie glauben an ihren Gott, der zu seinem Volk steht und der das Morden verbietet. Ihm sind sie verpflichtet.

Das ruft den Pharaoh erneut auf den Plan: er lässt die Hebammen kommen und stellt sie zur Rede. Diese aber handeln klug, lassen sich nicht auf eine aussichtslose Konfrontation mit der Staatsmacht ein, sondern erfinden eine Ausrede: Sie können ihre Aufgabe nicht erfüllen, weil die Hebräerinnen stark sind, naturwüchsig. Sie gebären rasch und unkompliziert, bevor die Hebamme kommt!

Das ist allenfalls eine Halbwahrheit. Aber geht es hier um das Festhalten an einem abstrakten moralischen Prinzip? Schifra und Pua schauen auf die konkrete Situation und bedienen sich ihrer moralischen Vernunft. In dieser Situation gibt es Wichtigeres als das Wahrheitsprinzip! Mit List und Tücke unterlaufen sie das grausame Ansinnen des mächtigen Pharao und retten Menschenleben.  Gott hat sie dafür belohnt, ihnen „Gutes getan“.

Eine Hoffnungsgeschichte! Die Hebammen haben Gott mehr gehorcht als den Menschen, haben mutig Widerstand geleistet gegen eine übermächtige Staatsgewalt und vielen das  Leben gerettet. Auch heute gilt es, dem Bösen zu widerstehen:

- nicht hinzunehmen, dass Muslime unter uns beleidigt und ausgegrenzt werden, nur weil sie eine andere Religion haben und höhere Geburtenraten; nur weil andere Muslime irgendwo auf der Welt zu Gewalt greifen und Menschenrechte verletzen - als ob sie das mitzuverantworten hätten;

- nicht hinzunehmen, dass Tausende von Flüchtlingen auf dem Weg nach Europa im Mittelmeer ertrinken oder in Folterstaaten abgedrängt werden. Zurecht hat Papst Franziskus in Lampedusa von einer „Globalisierung der Gleichgültigkeit“ gesprochen.

- nicht hinzunehmen, dass an den Finanzmärkten auf Preise für Nahrungsmittel spekuliert wird – was den Spekulanten satte Gewinne beschert, die Nahrungsmittelpreise aber in die Höhe treibt und den Hunger der Ärmsten der Armen weltweit verschärft.

Christen und Kirchen dürfen nicht wieder durch Schweigen versagen. "Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen", hat Dietrich Bonhoeffer 1935 zu den Vikaren seines Predigerseminars der Bekennenden Kirche gesagt. Die Kirchen in Deutschland sind ihm damals leider nicht gefolgt.  Und: Wie wird in hundert Jahren das historische Urteil über die Kirchen am Anfang des 21. Jahrhunderts ausfallen – über ihr Zeugnis im Angesicht von 25.000 Menschen weltweit, die täglich an Hunger und mangelnder medizinischer Versorgung sterben, während der Reichtum in anderen Teilen der Welt sprunghaft ansteigt und ausreichend Nahrungsmittel und Medizin für alle Menschen vorhanden sind!

Quelle: Amos, Heft 1/2014, S. 7f.

 
Jahr:
2015
Autor:
Wolf Dieter Just
Weitere Informationen:

Der Evangelische Theologe Dr. Wolf-Dieter Just ist Professor für Sozialethik und Sozialphilosophie. Nach Erreichen des Ruhestandalters 2006 ist er weiter mit Lehrveranstaltungen an der Evangelischen Fachhochschule Bochum und an der Fachhochschule Düsseldorf tätig. Er ist seit vielen Jahren in der Arbeit mit Flüchtlingen engagiert, Mitbegründer und Ehrenvorsitzender der Ökumenischen Bundesarbeitsgemeinschaft „Asyl in der Kirche“.

Quelle: Amos, Heft 1/2014, S. 7f.