„Warum hast Du mich verlassen?“ (Psalm 22) - Gedenkgottesdienst für die Toten an den EU-Außengrenzen

 
Predigt zur Einführung als Flüchtlingsbeauftragte am 16. November 2014
Pastorin Dietlind Jochims

Psalm 22

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne.
Am Tage rufe ich, doch du antwortest nicht,
ebenso in der Nacht, doch finde ich keine Ruhe.
Unsere Vorfahren hofften auf dich,
und da sie hofften, halfst du ihnen heraus.
Zu dir schreien sie und wurden gerettet
sie hofften auf dich und wurden nicht zuschanden
ich aber bin ein Wurm und kein Mensch
ein Spott der Leute und verachtet vom Volk
Alle, die mich sehen, verspotten mich,
sperren das Maul auf und schütteln den Kopf.
Klage es doch Gott!
Gott helfe dir heraus und rette dich.
Bist du nicht Gottes Liebling?
Du, Gott, hast mich aus meiner Mutter Leib gezogen;
du ließest mich geborgen sein an der Brust meiner Mutter.
Auf dich bin ich geworfen von Mutterleibe an
von meiner Mutter Schoß an bist du für mich Gott.
Sei nicht fern von mir, denn Angst ist nahe.
Niemand sonst hilft mir hier.
Ich bin ausgeschüttet wie Wasser,
alle meine Knochen haben sich voneinadner gelöst
mein Herz ist in meinem Leib wie zerschmolzenens Wachs
Meine Kräfte sind vertrocknet wie eine Scherbe
und meine Zunge klebt mir am Gaumen.
Du legst mich in des Todes Staub.
Gott, sei nicht fern, meine Stärke, eile, mir zu helfen.

Denn du hast nicht verachtet noch verschäht das Elend der Armen
und dein Antlitz nicht vor ihnen verborgen,
und als sie zu dir schrien, hörtest du's.
Die Elenden sollen essen, dass sie satt werden,
und die nach dir fragen, werden dich preisen.

„Die Gnade Gottes und die Leibe Jesus Christi und die Kraft dess Heiligen Geistes ist mit uns allen.“

Liebe Gemeinde, denkend, betend, nachdenkend, hörend, singend, gedenkend.....

Letzte Woche wurde in Deutschland gedacht und gefeiert. Der 25jährige Jahrestag des Falls der einen Mauer, der vielen Menschen ein Leben in mehr Freiheit ermöglicht hat, wurde erinnert und gewürdigt.

Viele andere Mauern und Zäune bestehen fort. Sie schotten Europa ab, sie machen die Grenzen unüberwindbarer, sie machen das Überqueren dieser Grenzen lebensgefährlich und viele bezahlen den Versuch, über Meere, Mauern und Zäune zu Freiheit und Sicherheit zu gelangen, mit ihrem Leben.

Zum Jahrestag des Mauerfalls wurde auch der Menschen gedacht, die damals ihren Wunsch nach Freiheit mit dem Leben bezahlt haben.

An sie erinnern am Reichstagsufer in Berlin sieben große weiße Holzkreuze. Kurz vor Beginn der Feierlichkeiten letzte Woche gab es große Aufregung:

Die Kreuze zum Gedenken an die Mauertoten waren verschwunden. Eine Gruppe bekannte sich zu dem Diebstahl. Die Kreuze, so sagten sie, seien unterwegs zu den Außengrenzen Europas. Symbolisch sollten sie dort an die vielen Menschen erinnern, die immer weiter und immer noch ihren Weg zu mehr Sicherheit und Freiheit mit dem Leben bezahlen.

Und tatsächlich tauchten kurz danach im Internet Bilder auf. Sie zeigten die Holzkreuze in Marokko an der Grenze zur spanischen Exklave Melilla und an den Grenzzäunen in Bulgarien und Griechenland.

Man kann über diese Aktion unterschiedlicher Meinung sein. Sie ist eine Provokation, ja. Aber sie stellt eine wichtige und richtige Frage:

Wie gedenken wir?

Vor unseren Augen, an den Außengrenzen Europas nimmt eine humanitäre Katastrophe ihren Lauf. Vielleicht braucht es eine Provokation, damit die Zeremonie des Gedenkens nicht zur bloßen Selbstvergewisserung wird.

Wie gedenken wir?

Haben wir etwas gelernt aus den Todesfällen an der innerdeutschen Grenze? Was bedeuten die Mauertoten? Was verlangen sie?

Sie sind Mahnung, sie sind Auftrag, sie rühren an den moralischen Kern unserer Zeit. Dass Mauern und Zäune und Grenzen nicht dazu da sein dürfen, um Menschen zu töten oder zu Tode kommen zu lassen, das könnte ein wirkliches Gedenken sein.

Gedenken bedenkt nicht nur die Vergangenheit.

Gedenken sieht die Gegenwart und Gedenken lehrt für die Zukunft

Gedenken ist eben nicht nur Erinnern.

Es ist Erschrecken und Scham und Aufwachen.

Der Toten gedenken heißt die Lebenden schützen.

Letztes Jahr, nach einer der Katastrophen vor Lampedusa, schien es kurz, als sei das Erschrecken nachhaltiger, als würde Europa aufwachen. Papst Franziskus kritisierte die Globalisierung der Gleichgültigkeit, fragte eindringlich: „Wo bist du, Europa“ und  „Wo sind deine Schwestern und Brüder?“

Italien startete das Seenottrettungsprogramm Mare Nostrum, das über 100000 Menschen in einem Jahr aus dem Meer rettete. Aber das Erschrecken ist wieder verhallt. Mare Nostrum wird beendet und das Folgeprogrammder Grenzsicherungsagentur Frontex, Triton,  legt die Priorität wieder deutlich auf Abgrenzung und nicht auf Rettung. Nur 30 Meilen um das europäische Festland herum wird patrouilliert. Gestorben wird im ganzen Mittelmeer.  

Die Grenzen werden undurchlässiger gemacht, aber alternative, sichere Fluchtwege für Menschen, die Schutz benötigen, werden nicht geschaffen.                                                                        

Wo Abwehr Vorrang hat vor der Rettung, da läuft etwas dramatisch falsch, hat der Menschenrechtskommissar der EU dazu gesagt.

Eine weitere Anknüpfung an das feierliche Gedenken letzte Woche: Es wurde in Berlin auch gedacht an diejenigen, die Menschen geholfen haben zu einem Leben in Freiheit.                                     

Die ein bisschen wie Mose waren, der das Volk Israel aus der Knechtschaft in Ägypten in die Freiheit geführt hat und dafür in die Bibel eingegangen ist als der Befreier, in seinem Tun von Gott begleitet und gesegnet.

Die Fluchthelfer, an die gedacht wurde, haben Menschen aus der ehemaligen DDR zur Flucht verholfen.Sie haben dabei Pässe gefälscht, Grenzen illegal überschritten und Gesetze gebrochen. Etliche von ihnen wurden für ihr mutiges Handeln als Helden gefeiert und mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Auch im Jahr 2014 gibt es solche Menschen. Sie wurden von ehemaligen Nachbarn gefragt, ob sie helfen könnten, Verwandte aus dem Krieg in Syrien nach Europa zu bringen - und sie haben geholfen. Dabei wurden Pässe gefälscht, Grenzen illegal überschritten und Gesetze gebrochen. 

Etliche Männer, Frauen und Kinder konnten so in Sicherheit gebracht werden.

Als Heldentat gilt diese humanitäre Hilfe allerdings nicht. Im Gegenteil. Einige der Menschenretter wurden von einem deutschen Gericht zu langen Haftstrafen verurteilt und sitzen in deutschen Gefängnissen.

Gute Fluchthelfer damals? Böse Schleuser heute? So einfach, denke ich, ist das nicht.

Wir mögen nicht so großmütig sein wie Gott, der die Flucht des israelischen Volkes aus Unfreiheit unter seinen Segen stellt. Aber Grenzen aufzurüsten und sichere Fluchtwege zu unterbinden, Lebensretter für viele Jahre in den Knast zu stecken, humanitäre Hilfe zu bestrafen, das verträgt sich sehr schlecht mit dem großen Feiern der Freiheit. Es verträgt sich genauso schlecht mit den Werten von Menschlichkeit und Schutz von Verfolgten, die Europa und unser christliches Abendland sich auf die Fahnen geschrieben hat.

Wie gedenken wir?   

Welche Verantwortung erwächst aus der Geschichte, aus unseren Geschichten für uns?

Dazu die Erinnerung an eine biblische Geschichte, eine der bekanntesten:
Alle Jahre wieder, kurz vor Weihnachten erinnern wir uns. Die Krippen werden ausgepackt, die Szenen geprobt. Maria und Josef klopfen an die Türen und finden nur schwer Einlass und ja, Jesus war doch auch ein Flüchtlingskind.

Es häufen sich bei uns die Anfragen, ob wir nicht eine Flüchtlingsfamilie, möglichst mit Baby, kennten, die als Illustration dieser Geschichte dienen könnte.

Weihnachten ist manchmal auch so ein Gedenken, das Gefahr läuft, das Erschrecken und das Aufwachen zu übergehen.

Der Schriftsteller Ilja Trojanow hat das einmal so gesagt:
„Wir führen gerne Worte wie Menschenrechte im Mund, wir haben es uns in Nischen der Humanität gemütlich gemacht; was unser System und unser Wirken verwerflich macht, blenden wir aus, rationalisieren es weg.“

Aber die Toten und die Verantwortung für die Lebenden lassen sich nicht weg rationalisieren.

Es ist nicht zu überhören, das Rufen aus dem alten Psalm „Warum hast du mich verlassen?“

Es gibt die Erinnerung, dass es einmal anders war und anders sein soll:

Es gibt die Erinnerung an einen Gott, der hilft.

An einen Gott der Schwachen und Verfolgten.

An einen Gott, der auf der Flucht zur Seite steht.

Aber jetzt?

Die Verzweiflung darüber, dass dieser Gott nicht da zu sein scheint. Warum? In der Feindseligkeit der Welt und der Menschen wird die Abwesenheit Gottes vermutet. Warum hat die Welt mich vergessen? Warum kommt keine Hilfe? Warum hat Gott mich verlassen?

Schon das Hören dieser Gebete, des Schreiens tut weh.
Aber sie sind wichtig.

Der Theologe Fulbert Steffensky versucht eine Erklärung.
Warum ist es wichtig, solche Gebete und Geschichten zu hören?

„Man kann seine Ohnmachtsgefühle nicht zum Maßstab machen. Die Leute haben ja Gesichter und ein Recht, dass ihre Geschichte erzählt wird.“ Der Schmerz darüber kann auch produktiv sein. Er ist „gegen das narkotische, ungestörte Lebensgefühl“ wichtig.
Wer sich von den Geschichten verstören lässt, dessen Moral kann sich auch bilden, dessen Zorn.  
Das ist das Produktivste, was wir haben gegen die haltlose Friedfertigkeit, in der wir leben, während die Welt brennt.“

Unser Erschrecken und unsere Scham, der Zorn und unser Aufwachen. 

Gott wird als abwesend erfahren in der Feindseligkeit der Welt.Aber Gott wird auch umgekehrt erfahrbar  in unserem Handeln:  Wenn wir uns in unserem Tun erinnern an den Gott, der hilft, den Gott der Schwachen und Verfolgten, der auf der Flucht zur Seite steht, dann wird er spürbar in unserer Welt.

Das hoffe und glaube ich. Und das gibt mir Kraft.

Möge unser Gedenken in diesem Sinn die Toten würdigen und die Lebenden schützen.

Amen.

„Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.“


Fürbitten:

Gott, du hörst das Schreien der Menschen, die sich auf den Weg gemacht haben zu einem Leben in mehr Frieden und Sicherheit und die nie angekommen sind.

Wir bitten dich: Halte du sie, die wir nicht geschützt haben, in deiner bergenden Hand.

(Kyrie)

Gott, du hörst das Weinen und Klagen der Mütter und Väter, die auf ihre Kinder warten, deren Spur sich verliert im Meer, in der Wüste, in der Ungewissheit.

Wir bitten dich: Lass sie spüren, dass du bei ihnen bist.

(Kyrie)

Gott, du bist Gott der Lebenden und der Toten. Du siehst unser Gedenken an die Toten.

Du siehst, was wir tun können zum Schutz der Lebenden.

Wir bitten: Gib dem Gedenken und dem Schutz Richtung, gib uns Richtung. Hilf uns auf.

(Kyrie)

Gott, du siehst uns: Woher auch immer wir kommen, aus Afghanistan, Deutschland, dem Iran, Tschetschenien, Somalia, Syrien, du siehst deinen Glanz in unseren Gesichtern.

Wir bitten: Lass uns in unserem Zusammenleben Zeugen sein deiner Menschenliebe und deiner Menschenfreundlichkeit.

(Kyrie)
 


Ort: Hauptkirche St. Jacobi, Hamburg

 
Jahr:
2014
Autorin:
Pastorin Dietlind Jochims
Weitere Informationen:

Gottesdienst mit

  • Hauptpastorin Astrid Kleist, Hauptkirche St. Jacobi
  • Pastorin Dietlind Jochims, Flüchtlingsbeauftragte der Nordkirche
  • Oberkirchenrat Andreas Flade, Dezernent der Nordkirche für Mission und Ökumene
  • Pastorin Christa Hunzinger, Europareferentin im Zentrum für Mission und Ökumene der Nordkirche
  • Pastorin Margrit Sierts, Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Eimsbüttel
  • Birke Kleinwächter, Uta und Dietrich Gerstner, Brot & Rosen. Diakonische Basisgemeinschaft
  • Kirchenmusikdirektor Rudolf Kelber, Hauptkirche St. Jacobi
  • Eva Itzlinger, Dirigentin / Graz mit einem „Requiem-Projektchor“

Kontakt:
Evangelisch-Lutherische Kirche in Norddeutschland
Arbeitsstelle Ökumene - Menschenrechte - Flucht - Friedensbildung
Pastorin Dietlind Jochims
Shanghaiallee12, 20457 Hamburg
phone: +49 40 369002-62, fax:      +49 40 369002-69
www.nordkirche.de
dietlind.jochims@oemf.nordkirche.de