Predigt von Oberkirchenrätin Barbara Rudolph anlässlich der Eröffnung der IKW für die drei nordrhein-westfälischen Landeskirchen

 
Auf der Suche nach Gemeinsamkeiten
Beginn des Gottesdienst am Trauerort unmittelbar neben der Berger Kirche

Oberkirchenrätin Barbara RudolphRuth 1,1. Zur Zeit der Richter kam eine Hungersnot ins Land; da machte sich ein Mann aus Bethlehem in Juda mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen auf, um in den Gefilden Moabs als Fremder zu weilen.

So beginnt eines der kleinsten Bücher der Bibel: Das Buch Ruth. - Im fremden Land fühlen sich der Mann und seine Familie zuhause, die Söhne heiraten einheimische Frauen, Moabiterinnen.

Dann aber stirbt der Mann und später auch seine Söhne. Seine Frau, Naomi, bleibt allein zurück mit den beiden fremden Schwiegertöchtern. Sie sehnt sich nach der alten Heimat in Israel und bricht auf. Eine der Schwiegertöchter, Ruth, begleitet sie und geht mit:

Ruth 1,16: Wo du hin gehst, da will ich auch hingehen, wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott.

Die Rückkehr für Naomi ist nicht leicht, der Anfang für Ruth in der Fremde noch schwerer. Für die alte Schwiegermutter und sich selbst kämpft sie ums Überleben, was auf den Feldern nach der Ernte übrig bleibt, sammelt sie auf. Schwiegermutter Naomi kennt sich aus mit Tradition, Kultur, Rechtsprechung: sie berät die junge Frau.

Ruth 3,2: Ist Boas, dessen Knechten du auf dem Feld gefolgt bist, nicht unser Verwandter? Nun, heute Abend worfelt er die Gerste auf seiner Tenne. Darum wasche und salbe dich; zieh dich an und gehe zur Tenne hinunter, aber lass dich von ihm nicht erkennen, ehe er mit Essen und Trinken fertig ist. Wenn er sich hinlegt, merke dir die Stelle, wo er schläft; dann geh hin, decke den Platz zu seinen Füßen auf und lege dich dorthin: Er wird dir mitteilen, was du zu tun hast.“

In der Nacht spürt der Mann ein Frösteln und als er um sich blickt, sieht er eine Frau zu seinen Füßen liegen: „Wer bist du?“ Ich bin Ruth, deine Magd. Breite deinen Gewandzipfel über deine Magd, denn du bist mein Löser.“

Ruth 4: Am nächsten Morgen geht Boas zum Tor und lässt sich dort nieder. Zehn Männer sind als Zeugen da. Er löst Ruth aus.

In der Bibel heißt es dazu (Ruth 4,7): In einem Fall von Lösung oder Tausch gab es früher in Israel diesen Brauch, um jede Angelegenheit  gültig zu machen: der eine zog seinen Schuh aus und gab ihm den anderen. Dies war in Israel die Bestätigung vor Zeugen.

Boas erhält den Schuh vom nächsten Verwandten der Naomi mit den Worten: „Erwirb du für dich“ Er zieht seinen Schuh aus. Boas sagt im Tor zu den Männern: Ihr seid Zeugen: Ich bin der Löser.

Ruth wird Boas Frau, sie feiern Hochzeit, Ruth bekommt ein Kind, Obed, er wird einer der Vorfahren Jesu sein.

Liebe Gemeinde,

Ich habe mir erlaubt, die biblische Geschichte von Ruth im Zeitraffer zu erzählen, mit wörtlichen Zitaten und einigen besonderen Akzenten zwar, aber doch sehr verkürzt. Zum einen ist vielen die Geschichte sicher nicht ganz unbekannt, wollte man sie richtig erzählen, so verdiente sie eine viel ausführlichere Fassung, die den Rahmen dieses Gottesdienstes sprengen würde. Fast klingt sie ja wie ein orientalisches Märchen, eine Geschichte aus Tausend und einer Nacht.

Hört man aber die Geschichte vor dem Hintergrund des Mottos der diesjährigen Interkulturellen Woche „Offene Gesellschaft“ und dem Untertitel „Gemeinsamkeiten finden, Unterschiede feiern“, dann verliert sie schnell ihren Märchencharakter, dann reichen auch die wenigen Auszüge aus, die alte orientalische Geschichte bis ins heute, bis nach Düsseldorf, bis in unser Bundesland und nach Europa auszudehnen.

Gemeinsamkeiten und Unterschiede:

Die Unterschiede springen ins Auge zwischen Ruth, der Migrantin aus Moab und Boas, dem Feldbesitzer aus Israel:

Sie Ausländerin – er Einheimischer.

Sie hat nichts – er ist Grundbesitzer.

Sie herausgerissen aus ihren Familienbanden – er in festen Familienstrukturen.

Sie ist vorsichtig, passt sich an, versucht niemanden zu verärgern – er ist couragiert, bestimmt, gibt Anweisungen.

Sie kennt sich nicht aus – er kennt alle Feinheiten des Rechts, der Tradition, der Regeln.

Sie bittet – er gewährt.

Sie braucht Hilfe, Rat, Unterstützung – er kann helfen, raten, unterstützen.

Sie eine Frau, er ein Mann.

Meistens ist es so: die Unterschiede springen sofort ins Auge, das erkennen wir ganz schnell und ohne Schwierigkeiten. Aber das Motto der Interkulturellen Woche lenkt uns zunächst einen anderen Weg, nicht die Unterschiede sollen wir finden, sondern die Gemeinsamkeiten.

Also machen wir uns auf den Weg, die  Gemeinsamkeiten zu finden:

Sie beide, Boas und Ruth, sind im selben Land, sie sind sogar auf demselben Feld tätig. Das Stück Erde verbindet sie. Beide arbeiten am elementaren Broterwerb, kein Luxus, sondern schlicht Mittel zum Leben. Sie arbeiten beide hart. Sie haben beide Menschen, für die sie Verantwortung tragen: Ruth zumindest für Naomi, die Schwiegermutter, Boas für seine Knechte, für seine Familie und am Ende auch für Ruth.

Und beide unterstehen demselben Rechtssystem, auch wenn der eine es sehr viel besser kennt als die andere, die eine darauf angewiesen ist, dass der andere es auch beachtet und zu ihren Gunsten auslegt. Schließlich: sie sind verwandt. Da kommt man erst einmal nicht drauf, bei einem Israeliten und einer Moabiterin, aber es ist so!

Die Gemeinsamkeiten sind viel größer, als man zunächst vermuten will, es lohnt sich, auf die Suche zu gehen, wir werden fündig. Diese Neugierde tut gut. Diese Neugierde fehlt oft in unserem Land. Gemeinsamkeiten finden heißt sie suchen.

Der Satz: „Alle Menschen sind Ausländer, fast überall.“ lässt sich auch umkehren: „Alle Menschen sind hier zuhause. Jedenfalls die, die hier leben“. Ich habe eine Freundin mit schwarzer Hautfarbe. Sie weiß nicht, wie oft sie gefragt wird: Wo kommen Sie her? Wenn sie antwortet: aus Rheinbach, dann folgt die nächste Frage: Nein, ich meine, wo sind Sie geboren? Dann antwortet sie wieder: in Rheinbach. Ich meine, kommt die nächste Frage: Wo kommt Ihre Familie her? Dann sagt sie: Ach so, die kommt aus Meckenheim.

Offene Gesellschaft? Noch nicht einmal einfach, wenn man hier geboren ist.

Es wird deutlich, wie das Motto dieser Woche mit Bedacht gewählt ist: Unterschiede finden ist einfach, sie liegen auf der Hand, Gemeinsamkeiten feiern, das ist naheliegend. Das Motto aber kehrt das Selbstverständliche um: Gemeinsamkeiten finden (mit denen, die anders sind), Unterschiede feiern (wo nur Probleme zu sein scheinen).

Wie kann das gelingen? Dass Menschen Gemeinsamkeiten finden jenseits des Gewohnten.

Und wie geht das? Dass Unterschiede nicht trennen sondern Grund zum Feiern werden?

Das ist nicht so einfach und selbstverständlich. Viele von Ihnen wissen das, nur zu gut, wie latenter oder offener Rassismus, Klischees oder Vereinfachungen, Gesetze und Vorschriften unsere Gesellschaft vergiften können. Aber es gibt das Grundgesetz mit seinem wunderbaren Anfang „Die Würde des Menschen ist unantastbar!“. Und das gilt. Und es gibt die Bibel mit ihrem wunderbaren Anfang: Gott schuf dem Menschen nach seinem Bilde. Und darum ist es gut, dass die Interkuturelle Woche an die Werte erinnert, die unsere Gesellschaft Menschen- und Lebens-freundlich machen und ein Motto hat, das vom Finden und Feiern spricht.

Am Ende der Geschichte von Ruth und Boas steht jedenfalls eine große Feier, die beiden feiern Hochzeit. Der Weg bis dahin ist kompliziert und verschlungen. Wie viele Flucht- und Migrationswege heute auch noch: Monate, manchmal Jahre unterwegs, über viele Stationen kommen Menschen in unserem Land an. Sie brauchen eine Willkommenskultur. Darum ist die Geschichte so hilfreich und ermutigend, weil sie heute Menschen auf ihren komplizierten und verschlungenen Wegen begleiten kann und uns zeigt, wie wirkliche Willkommenskultur aussieht.

Denn was passiert da genau? Lange Zeit war mir der Boas nur ein lieber hilfsbereiter Mensch, der sich rührend um die Ausländerin kümmert, seinen Knechten verbietet sie zu belästigen und sie anweist, besonders großzügig ihr gegenüber zu sein. Und als er erfährt, dass er über die Familie ihres verstorbenen Mannes mit ihr verwandt ist, schenkt er ihr noch mehr Getreide und sagt: Lohn werde dir zuteil vom Gotte Israels, unter dessen Flügeln dich zu bergen du gekommen bist. Ja, so denke ich, so geht man um mit einem Wirtschaftsflüchtling, mit einer Armutsmigrantin, mit einer Ausländerin, die durch Familiennachzug ins Land gekommen ist und vom bestehenden Sozialsystem profitiert.

Aber dann habe ich die Geschichte noch einmal neu entdeckt, im gemeinsamen Lesen mit einer Juristin aus Malaysia. Sie hatte besonderen Spaß daran, die mitunter fremden Gesetze und Regeln in Israel und in dieser Geschichte aufzuspüren. Sie ist z.B. dem nachgegangen, was es heißt, ein „Löser“ zu sein – ein seltsamer Begriff: Löser, auf hebräisch „Goel“. Das ist der nächste Verwandte, der nach dem Tod eines Ehemannes die Witwe zur Frau nimmt. Er sorgt nicht nur für sie, sondern schenkt ihr auch Nachkommen und eröffnet ihr und dem Verstorbenen damit eine Zukunft.

Heute ist das eine nicht mehr vorstellbare Regelung, aber es war damals eine hervorragende Sozialversicherung für Witwen.

Das nächste, das die Juristin feststellte, war das Tor: Im Tor sitzen Männer (nie Frauen), die das Recht haben, Recht zu sprechen, zehn Männer ist eine vollständiges Gericht, wie zehn Männer auch einen vollständigen Gottesdienst ausmachen.

Und die alte Regelung, dass ein Löser einen Schuh auszieht und weitergibt? Das kommt uns heute sehr skurril und unverständlich vor. Aber ich behaupte, das ist noch verständlicher als manches deutsche Formular und manche europäische Regelung, denen sich Flüchtlinge oder Migrationspiloten gegenüber sehen. Manchmal kann man nicht alles verstehen, bleibt das fremde Recht, die anderen Regeln, einfach fremd und anders.

Die malaysische Juristin jedenfalls war auf Boas zunächst gar nicht gut zu sprechen. Im Gegenteil, sie fand ihn unmöglich. Und warum? Er ist großzügig, aber Ruth hat vielmehr zu bekommen als einen Scheffel Gerste, sie hat einen Rechtsanspruch auf den Löser, auf ein gesichertes soziales Leben als Ehefrau. Er befiehlt sie dem Schutz seines Gottes an, aber er ignoriert das Gebot Adonais, der von sich sagt: Ich bin ein Gott der Witwen und Waisen. Er nimmt sie vor seinen Knechten in Schutz, aber eigentlich sollte sie seine Ehefrau sein und den Knechten befehlen können. Ruth kennt ihre Rechte nicht, und wenn sie sie kennen würde, könnte sie sie nicht durchsetzen, im Tor hätte sie keinen Platz. Und er informiert sie nicht über ihre Rechte. Sie ist einfach nur dankbar, dass sie überleben kann.

Naomi zuhause weiß um die Rechtsprechung in Israel, sie kennt die Pflicht des Boas, aber ihr sind die Hände gebunden. Sie sind zwei Frauen ohne Chancen. Ohne Chancen? Nein, die alte Frau, die sich nicht mehr aus dem Haus bewegen kann, zeigt Findigkeit und Beweglichkeit, wenn es gilt, Boas in eine Lage zu bringen, seinen Pflichten nachzukommen. Dass Ruth dabei in eine äußert gefährdete und prekäre Lage kommt, als sie sich nachts dem Schlafenden nähert, dass alles hätte auch schief gehen können, dass es ihr Untergang hätte sein können, das ist das Risiko der beiden Frauen. Ein Risiko, das viele Menschen eingehen: wenn man sich nur noch an einen Strohhalm klammern kann, wenn es nur noch das eine Boot übers Meer gibt, wenn nur noch ein Zaun zu überwinden ist, wenn das Überleben ohne Papiere erträglicher wird als das Leben in der aufgegebenen Heimat.

So verworren und verschlungen der Weg der beiden ist, ihr Recht durchzusetzen und ein Leben in Menschenwürde zu erlangen, es ist nur einer von den vielen, vielen Wegen, die Migranten und Migrantinnen gegangen sind, gehen und noch gehen werden. Wie viel Raffinesse einer Naomi, wie viel Wagemut und Demut einer Ruth und dann letztlich und endlich wie viel Entschlossenheit und juristische Kenntnis eines einheimischen Boas ist nötig, damit ein Menschenleben gerettet wird. Und zum Glück gab es in Israel Gesetze, die das Leben der Gefährdeten schützte. Ja, so gelingt es: Gemeinsamkeiten finden und Unterschiede feiern.

Wo kommt eigentlich Gott in dieser Geschichte vor, frage ich mich zum Schluss. Zwar spricht Ruth am Anfang von ihm, Boas erwähnt ihn und Naomi beruft sich auf ihn, aber er bleibt eigenartig im Hintergrund.

Ruth aber, die sich aus Liebe in die Fremde begibt und sich mit ihrem ganzen Körper riskiert, erinnert mich an den Weg Christi. Und Boas, der Gute und Großzügige, dem man das Recht abtrotzen muss, erinnert mich daran, wie ich manchmal mit meinem Gott ringe. Und Naomi, so kann ich mir den Heiligen Geist vorstellen, hoffnungsvoll und kenntnisreich, voller Ideen und ein wenig verrückt, zielstrebig und um die Ecke gedacht. In solchen Menschen begegne ich Gott. Jedenfalls wird Ruth eine Stammmutter Jesu sein und wird im Neuen Testament in seinem Stammbaum als eine der wenigen Frauen genannt.

Am Ende des kleinen Buches Ruth gibt es eine große Feier, eine Hochzeitsfeie. Im Neuen Testament ein Bild für das Himmelreich. Noch, habe ich das Gefühl, noch sind wir  nicht im Hochzeitssaal angekommen. Aber an einem Sonntag wie diesem finden wir schon Gemeinsamkeiten und feiern die Unterschiede, der Himmel steht offen und wir haben eine Vision von einer offenen Gesellschaft, in der jeder nicht nur Großzügigkeit erfährt sondern auch Recht bekommt. Wir sehen schon die Lichter und hören die Musik.

Amen.

Predigt von Oberkirchenrätin Barbara Rudolph anlässlich der Eröffnung „Interkulturelle Woche“ am Sonntag, 21. September 2014, 10 Uhr, in der Berger Kirche, Berger Straße 18b, 40213 Düsseldorf

Quelle: Evangelische Kirche im Rheinland www.ekir.de