Gottesdienst der Bonner Evangelischen Migrations- und Flüchtlingsarbeit/Integrationsagentur

 
Predigt im Rahmen der IKW am 28.9.14 in der Kreuzkirche in Bonn

Predigt: Pfarrer Wolfgang Wallrich zu den Lesungen 1.Mose 12,1-3 und Matthäus 20,1-6
Liturgie: Pfarrer Gerhard Schäfer
Lesung: 1. Korinther 12,4-7 und 12-13
Musikalische Gestaltung: Vox Bona mit internationalen Liedern

                                            
1.Mose 12:1-3  / als Lesung  im Gottesdienst              
Und der Herr sprach zu Abraham: Ziehe hinweg aus deinem Vaterlande und aus deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in das Land, das ich dir zeigen werde; so will ich dich zu einem großen Volke machen und dich segnen und deinen Namen berühmt machen, das er zum Segensworte wird. Segnen will ich, die dich segnen, und wer dir flucht, den will ich verfluchen; und mit deinem Namen werden sich Segne wünschen alle Geschlechter der Erde.“ (Züricher Bibel)

Liebe Gemeinde,
die größten und wichtigsten Geschichten der jüdischen und von uns Christen übernommenen Bibel, die wir das Alte Testament nennen,sind Texte über und aus Flucht oder Verbannung, oder über das Verlassen der Heimat.                                                                                                                                                     
Das dazu genommene  Neue Testament enthält Geschichten eines nicht ansässigen Flüchtlingskindes und Wanderpredigers.
In der eigentlich „Beginn-Geschichte“ des Alten Testamentes ruft der Gott des ATs Jahwe  Abraham und Sarah zu: „Geht in ein Land, das ich Euch zeigen werde…“ und selbst der Geliebten Abrahams Hagar und seinem unehelichen Kind Ismael ist der Gott Israels  Fluchthelfer und Fluchtbegleiter….selbst Engel Jahwes kommen zur Hilfe.
Besonders den Vers 1.Mose 12, 2 gilt es zu lesen, wo Jahwe spricht :“ Segnen will ich, die dich segnen  - wer dir flucht, den will ich verfluchen.“             

Die weiteren Urgeschichten kennen Sie. Die erzählen von der Verschleppung eines Josefs nach Ägypten, wo der Weg der Israeliten nach vorübergehender Führungstätigkeit  bis in die Versklavung führte – bis Flucht und Auszug nach dem „Schilfmeerwunder“  unter Führung des „fast ab getriebenen“ Moses gelang.

Die Jahrhunderte spätere Verschleppung eines Teils des Volkes Israel nach Babylonien war für die Entstehung des Alten Testamentes folgenreich. Dort in der Gefangenschaft entstanden die elementarsten und wichtigsten Texte der hebräischen Bibel:  Erlebten die Verbannten in Babylon ein Land der Vielgötterei aus Sonne ,Mond und Sternen und Tieren – entstand bei ihnen die Schöpfungsgeschichte in 1.Mose 1.Kapitel:
Der „Ich bin der ich bin“  - Jahwe hat alles geschaffen und zuletzt den „theomorphen“ Menschen als Mann und Frau, wie es heißt: „nach seinem Bilde schuf er ihn".
Jesus, der im christlichen Neuen Testament beschriebene und genannte  Gottes Sohn muss schon als Neugeborener mit den Eltern Josef und Maria vor dem Kindermörder und Kaiser Herodes  nach Ägypten fliehen.  Und Jesus wurde ein „Besucher der nicht Dazugehörenden“. Jesus  preist den „ barmherzigen Samariter – der Ausländer war“ – beschreibt eindrücklich  „ich war nackt - ich war hungrig - ich war Flüchtling - ich war ohne Bleibe - ich war arm dran -   ich wusste nicht, wohin – ich war durstig“. 

Und dann sagt er:                                                                                                                                               
„Was Ihr einem von diesen nackten, hungrigen, flüchtenden, bleibelosen, ärmsten, nicht wohin wissenden, durstigen, im Mittelmeer verreckenden Menschen nicht getan habt, das habt ihr mir auch nicht getan“.

Liebe Gemeinde,                                 
und was tun wir Deutschen – wir Christen – wir Evangelischen?                                         
Wir kommen aus dem Volk einer furchtbaren  Verursachung und Erzeugung von Flucht und Vertreibung  weltweit durch das Anfangen zweier Weltkriege und waren dann am Ende  selbst zu Millionen Flüchtlingen und Vertriebenen geworden.                         
Es endete mit einem geteilten Vaterland.                                                                 
Aus 16 Millionen wurde sogar ein neuer deutscher Staat, der mit Mengen von Stacheldraht und Selbstschussanlagen, dann noch mit einer Mauer mitten durch Berlin jegliche Fluchtmöglichkeiten ausschließen und oft genug „ausschießen“ wollte.                        

Wir waren „Fachleute“ sozusagen im „Erzeugen von Flüchtlingen“ und „Fachleute“ im „selbst Flüchtling sein“. Wir haben immer noch „Erinnerungsbilder“ von Mauern, Zäunen und Schleußern im eigenen Land. Fachleute sozusagen sind wir Deutsche im alttestamentlichen „Tun – Ergehen – Zusammenhang“, was heißt „was Du tust, kommt auf  Dich zurück“.                                                                                                                                       
Die „Evangelischen in Bonn“ waren vor dem 2.Weltkrieg und vor dem „Hauptstadtwerden“ eine kleine Zahl - Flüchtlinge und Vertriebene kamen  als Folge des Nazikrieges zu Hauf ins Rheinland und auch nach Bonn. Meine Frau zum Beispiel war noch mit 12 Jahren in Leipzig - gerade  im Katechumenunterricht – nach der abenteuerlichen Familienflucht ins Rheinland wurde sie mit Geschwistern und Eltern bei Freunden und Freundinnen hier untergebracht und dann in der Kreuzkirche konfirmiert. Ihr sächsischer Sprachton hat gut mit dem rheinischen Sprachton variiert und sie spricht jetzt schon lange Hochdeutsch.     
Spaß beiseite.                                     

Die „Neulinge“ aus dem Osten und die vielen dazugekommenen „Russland-Deutschen“, welch ein Wort – sprechen unsere Sprache. 
Das Motto der diesjährigen Interkulturellen Woche „Gemeinsamkeiten finden – Unterschiede feiern“ war deshalb leicht zu leben.     
Aber nun kommen viele neue Flüchtlinge aus aller Herren Länder mit uns fremden Sprachen.                                                        
Gut, wir Deutschen haben uns europäisch abgeschottet - Flüchtlinge und Asylsuchende müssen  in den Ländern bleiben, an dessen Grenzen sie angekommen sind.           Italien, die Türkei und Griechenland  nehmen Hunderttausende von Gestrandeten auf.                                                                 
Und das übrige christliche und humanistische Europa sieht hilflos zu wie im Mittelmeer ein riesiger Friedhof schwarzer Leichen ensteht.
Und die Rechten sind im Aufwind:  Kommen die neuen Flüchtlinge direkt in unsere Sozialsysteme?– Nehmen die uns was weg ?– Haben die am Ende die gleiche kleine Rente wie ich, der ich dafür eingezahlt habe? Schnappen die noch die wenigen Sozialwohnungen weg und verkleinern die Mittel der Städte für  deutsche soziale Ausgaben?

Matthäus 20,1-16a/ als Lesung im Gottesdienst

„Das Reich des Himmels: Ein Gutsherr zog am Morgen aus, um Männer zu finden, die gegen Lohn in seinem Weinberg arbeiteten; und als er sie fand und handelseinig mit ihnen wurde – ein Denar für jeden Tag – schickte er sie zu seinem Garten. Um die dritte Stunde ging er wieder hinaus und sagte zu den Männern, die auf dem Markt herumstanden und keine Beschäftigung hatten: „Kommt,  geht auch ihr in meinen Weinberg; ich will euch geben, was geben, was Recht ist“, und die Männer gingen hin. Auch um die sechste und neunte Stunde ging der Gutsherr wieder hinaus und machte es genau wie vorher; und als er um die elfte Stunde immer noch Männer fand, die herumstanden, sagte er zu ihnen: „Was steht ihr den ganzen Tag herum, ohne was zu tun?“ Die Männer antworteten ihm: „Uns hat niemand Arbeit gegeben.“ Da sagte der Herr: “Kommt, geht auch ihr in meinen Weinberg“.                                                                                                                                                                     
Später, als es Abend wurde, sagte der Gutsherr zu seinem Verwalter: „Ruf die Arbeiter und zahle ihnen den Lohn: den letzten zuerst, den ersten zuletzt“. Da kamen  die Arbeiter, die in der elften Stunde eingestellt wurden, und erhielten ihren Lohn: jeder einen Denar; und als die ersten an der Reihe waren, glaubten sie, Ihr Lohn wäre höher, doch als auch ihnen nur ein Denar ausgezahlt wurde, wurden sie unwillig und murrten über den Gutsherrn:“ Hej, die letzten hier haben nur eine einzige Stunde gearbeitet, und dennoch hast du ihnen das gleiche gegeben wie uns, die wir die Last des Tags getragen haben und die Hitze aushalten mussten.
Da sagte der Gutsherr zu einem von ihnen: “Hör, Freund, ich tu dir kein Unrecht. Sind wir nicht handelseinig geworden? Ein Denar für den Tag: so war es ausgemacht zwischen uns! Also nimm dein Geld und geh! Ich aber will den letzten hier das gleiche geben wie dir. Darf ich mit meinem Geld nicht tun, was ich will?  Oder blickst du so böse, weil ich großzügig bin?  
Die Letzten: die Ersten, die Ersten: die Letzten – so wird es sein“ (Übersetzung nach Walter Jens)

Liebe Gemeinde,

Eine wunderbare Geschichte oder ?
Tagelöhner waren damals nach Bedarf angeforderte und damit billige Arbeitskräfte, die ein Arbeitgeber dingen konnte.
„Was steht ihr hier den ganzen Tag faul herum?“, fragt der Hausherr die scheinbaren Müßiggänger, um hören zu müssen: “Arbeit hat uns keiner gegeben!  Deswegen stehen wir den ganzen Tag hier, was kein Vergnügen ist“. Das ist bis heute das stillschweigende oder auch laut im Munde geführte Vorurteil, dass ohne Arbeit zu sein auf Trägheit und Bequemlichkeit zurückzuführen sei. 

Der Arbeitgeber nimmt aber wohl die Maxime des Gottesreiches in sein Denken und Handeln auf : Der Arbeitgeber handelt nach einer neuen Devise „Nicht Du bekommst, was Dir zusteht- sondern Du bekommst, was Du brauchst!“ und hat anders als gängige kapitalistische Maxime „Den letzten beißen die Hunde“ das Jesuswort „Die Letzten werden die Ersten sein“  zur Wirtschaftsdevise gemacht.
Jesus selbst hatte ja ein „Nicht jedem, was ihm zusteht, sondern jedem, was er braucht“ gelebt.
So sähe jedenfalls ein „Sozialstaat“ nach Jesus von Nazareth  aus.
Denn der Himmel will auf die Erde, will ins Alltägliche kommen und da etwas zu bedeuten und zu ändern haben. Aus Zuschauern werden Beteiligte. 
Wir als Kirchen,  als Gemeinden und Christen sind gefragt wie wir uns für den „Sozialstaat Jesu“ einsetzen.
Die Güte des Herrn ist eine Dreingabe, ein Mehr, das nicht nur auf Recht beruht, sondern  eine Überhöhung des Rechts ist.
Gott wirbt um eine neue „Weitung“ unserer Wahrnehmung der Wirklichkeit.                          
Mit Jesu Gleichnis schwenkt die Frage der Gerechtigkeit auf Güte um.
Er war ja die Gerechtigkeit und Güte selbst.
Vielleicht war es das größte aller Wunder Jesu, dass nach seinem Tod sein Geist aus seinen Jüngern, geborenen Angsthasen,  Menschen des Mutes, des Glaubens und des Zeugnisses werden ließ. Sie überlieferten dieses Gleichnis einer grenzenlosen Güte und behaupteten, es gebe nur noch einen Maßstab: zu sehen, was Menschen nötig haben. Es werden viele fremde Menschen in unseren kirchlichen Weinberg kommen                                                                                                                     
Lasst uns sehen und geben, was nötig ist.

Amen

Kontakt:
wolfgang.wallrich@gmx.de