Die Predigt im Gießener Friedensgottesdienst zum Abschluss des „V. Interreligiösen Stadtrundganges“ am 28.9.2014

 
In einer interreligiösen Aktion wurde die „Wanderfriedenskerze“ von Peters und Tuchscherer, Malin Lange von Amnesty International sowie Michail Leschenko von der Jüdischen Gemeinde Gießen und Hocein El Houtch von der Islamischen Gemeinde entzündet.

Predigt des evangelischen Pfarrer Bernd Apel, Geschäftsführer des „Rates der Religionen“, über die Herausforderung für alle Religionen, ihrem jeweiligen Gewaltpotential entgegen zutreten bzw. ihrem jeweiligen Friedenspotential zu vertrauen. Gott könne nur über den einzelnen Religionen stehen.

„Wir haben eine Wahl“

Liebe Mitchristinnen und Mitchristen,
liebe Freundinnen und Freunde aus anderen Religionen und Weltanschauungen,
liebe Friedensuchende,

eine klare Wahl bekommen wir da vorgelegt am Ende unseres Bibeltextes. Mose hatte zuvor seinem Volk das ganze Gesetz Gottes erinnert, dessen Gebote wie dessen Verheißungen, in diesem 5. Buch Mose. Und Segen wie Fluch treten uns in diesem Wort ganz nahe. Haben wir es nicht im Mund im Herzen, was Gott von uns will? Wählt das Leben! Und das heißt doch im Jahr 2014: Steht auf, für den Frieden gegen den Krieg, für die Vielfalt und gegen die Einfalt, für die Versöhnung und gegen den Hass.

Ach, wenn das so einfach wäre, guter Mose - das wenden die Rationalisten ein, die politisch Verantwortlichen, die klugen Analysten und wohl auch die, die am Waffenhandel verdienen wollen. Das Leben ist doch nicht nur schwarz oder weiß, Kompromisse sind eine nötige Kunst und es gibt eine Wirklichkeit zwischen „Ja“ und „Nein.“

Und vielleicht, wahrscheinlich sogar sitzen diesen Gedanken auch in uns, in uns religiösen und spirituellen Menschen, nagen an unserem Gewissen, treiben uns um im Ringen um Richtig oder Falsch. In diesen Zeiten, in denen die Welt einmal mehr zu brennen scheint, spüren wir auch die Mehrdeutigkeit unserer Religionen. Sie haben das Potential zum Friedenstreiben wie zum Kriegstreiben. Sie stehen nicht über dem Missbrauch und der Korruption des Namens Gottes.

Für uns Christen z. B. ist die Erinnerung an den Beginn des I. Weltkriegs vor 100 Jahren auch die Erinnerung an Waffensegnungen und daran wie junge Männer in den Tod geschickt wurden, auf deren Koppelschlössern „Gott mit uns!“ Und auf denen der Franzosen „Dieu avec nous!“. Und auf denen der Briten „God with us!“ Auf wessen Seite war denn Gott da? Also: sollten wir nicht besser schweigen, achtungsvoll schweigen angesichts der Opfer, und nicht so oft und nicht so vollmundig von Gott sprechen? Das kann eine begründete Haltung sein!                   

Denn zu unserem Gefühl einer eigenen gewissen Ohnmacht gehört ja auch die

Ohnmacht der Religionen gegenüber der Lautstärke von politischen Parolen und dem Talkshowgeplapper der Medien. Realistisch müssen wir sagen: was ist eine mahnende Botschaft des Papstes gegen Tausende von „Likes“ für rechte Stammtischparolen? Was ist hier unser einer Gottesdienst gegen tausendfach angeklickte salafistische Videos im Internet? Und wie viel in Jahren aufgebautes Vertrauen zwischen den Religionen geht kaputt durch eine einzige Bombe auf Gaza oder Tel Aviv, auf Mossul oder auf Maalula. Die Stimmen von uns Juden, Christen, Muslimen, Buddhisten, Hindus, Bahai, von uns Menschen hier ohne Bischofsamt oder Abgeordnetenmandat oder Promi-Status - was zählen die schon?

Doch, sie zählen und wir zählen, so verstehe ich unseren Bibeltext. Weil auch wir 70 Menschen in dieser Kapelle eine Wahl haben: Wir können sie treffen und um Gottes und der Menschen willen nicht schweigen. Wir können, und ich denke, wir sollen es aussprechen in dieser kriegslüsternen Zeiten, unter Waffengeschrei und Horrormeldungen: Gott hat keine Religion. Er steht über denen, die seinen Namen missbrauchen oder korrumpieren.

Gott ist Barmherzigkeit. Und er will nicht den Tod, sondern das Leben der Menschen. Wir haben eine Wahl, so wie damals und wie immer neu das Volk Israel. Wir haben eine Wahl, uns entweder an den massenhaften Tod und massenhaftes Unrecht zu gewöhnen oder aber ihm zu widersprechen, auch im Namen unserer Religionen.      

Ja, religiös zu sein, auf Gott zu vertrauen wie immer wir ihn nennen, das macht uns an sich weder schon zu guten Menschen noch zu Experten für die Weltlage. Wir stehen nicht über den Konflikten und können uns auch nicht bequem heraushalten, wenn wir nachher diese Kapelle wieder verlassen haben. Wir müssen Stellung beziehen, wir können uns irren; wir müssen uns genauso informieren und abwägen wie alle anderen Frauen und Männer auch. Und auch wir können schuldig werden durch unser Tun wie durch unser Lassen.

Aber religiös zu sein, auf Gott zu vertrauen, das könnte heißen: mit heißem Herzen und mit kühlem Kopf darauf zu setzen, dass er uns frei geschaffen hat, und uns zugleich lockt, dass wir das Leben wählen. Und wenn er das für Dich und mich will, für all die anderen auch will, dann kann er nicht nur der Gott der Juden oder der Christen oder der Muslime sein. Dann gibt es nur ihn oder die Götzen des Todes. Dann ist er Gott, der letzte und höchste Einspruch gegen unsere menschliche Angst vor dem Tod. Dann ist er, Gott, der letzte und höchste Fürspruch für unsere menschliche Hoffnung auf das Leben.

Zu seinem Bild hat er uns geschaffen und uns den Atem des Lebens eingehaucht. Wir können, mit welchem religiösen oder weltanschaulichen Hintergrund auch immer, uns davon Würde und Kraft geben lassen. Und in Gießen und überall vom Frieden reden für ihn eintreten. Ja, in diesem Sinne: „Immanu-El“ - Gott mit uns. 

Amen.

Pfr. Bernd Apel: Predigt „Wir haben eine Wahl“

Ort: 28.09.2014, Kapelle auf dem Alten Friedhof Gießen

Kontakt:
Rat der Religionen im Kreis Gießen
Geschäftsführung: Pfr. Bernd Apel (Ev. Kirche)
Bergstr. 74
35418 Buseck
Tel. 06408-6108666
bernd.apel.oeku@ekhn.de