Flüchtlingswege - Predigt am 22. Sept. 2013 in St. Nicolai zu Burg bei Magdeburg

 

Liebe Gemeinde,

es war ein Richter in einer Stadt, der fürchtete sich nicht vor Gott und scheute sich vor keinem Menschen. Es war aber eine Witwe in derselben Stadt, die kam zu ihm und sprach: Schaffe mir Recht gegen meinen Widersacher! Und der Richter wollte lange nicht. Danach aber dachte er bei sich selbst: Wenn ich mich schon vor Gott nicht fürchte, noch vor keinem Menschen scheue, will ich doch dieser Witwe, weil sie mir so viel Mühe macht, Recht schaffen, damit sie nicht zuletzt komme und mir ins Gesicht schlage.

Diese Geschichte hat Jesus einmal erzählt, und es ist das einzige Gleichnis, das mit einem Schlag ins Gesicht endet. Zumindest verbal, denn davor fürchtet sich der Richter  zum Schluss: vor einem Schlag ins Gesicht. Und die Furcht kann wohl jeder nachvollziehen. Kein Mensch möchte, dass ihm jemand in das Gesicht schlägt. Und das ist nicht nur wörtlich, sondern auch bildlich zu verstehen. Auch ein hartes Wort, eine abfällige Geste oder üble Nachrede kann wie ein Schlag ins Gesicht sein. Der Richter im Gleichnis braucht vielleicht nicht die Aggressivität der Witwe zu fürchten. Aber vor allen anderen schlecht gemacht zu werden, als unfähiger Richter dazustehen, Aufsehen zu erregen, wenn die Witwe seine Faulheit anprangert, das könnte sehr unangenehm werden. Wie ein Schlag ins Gesicht. Wohl dem, der das nicht erleben muss.

Leider können sich nicht alle Menschen so gut schützen, wie der Richter in der Geschichte. Wie ein Schlag ins Gesicht erleben Menschen mitten in unserer Gesellschaft, dass sie als Fremde behandelt, diskriminiert und ignoriert werden. Aufgrund ihrer Hautfarbe, aufgrund ihres Akzents, aufgrund ihrer Herkunft müssen sie Tag für Tag diesen Schlag ins Gesicht hinnehmen.

Zum Beispiel der 11 jährige Schüler Lewis Otoo aus Berlin. Als seine Physiklehrerin im Unterricht Experimente mit Schokoküssen macht, gebraucht sie selbstverständlich die Bezeichnung, die als Schimpfwort über Jahrhunderte alle dunkelhäutigen Menschen zu Menschen zweiter Klasse machte. Als Lewis sie darauf aufmerksam macht, fängt sie an, ihn zu schikanieren. Ein Schlag ins Gesicht für den dunkelhäutigen Lewis.

Oder zum Beispiel der 51 jährige Musiker Tsepo, der immer wieder den nervigen Satz hören muss: Kein Wunder, dass er so musikalisch sei, Musik liege ihm ja im Blut. Als ob alle schwarzen Menschen von Natur aus geborene Sänger oder Tänzer wären. Für ihn, der hart für seine musikalische Karriere geübt und gearbeitet hat, ist das immer wieder wie ein Schlag ins Gesicht.

Oder Apostolos Tsalastras, der in Oberhausen Stadtkämmerer ist und sich in letzter Zeit immer wieder anhören muss, dass ausgerechnet ein Grieche die Finanzen in Oberhausen verwalten würde. Dass er vor 49 Jahren in Deutschland geboren wurde, hier gelernt und studiert hat, scheinen manche bewusst zu ignorieren - das ist ein Schlag ins Gesicht.

Oder Sandrine Micosse-Aikins, eine Kunstwissenschaftlerin in Berlin, die aufgrund ihres Namens und ihrer Hautfarbe keine Wohnung findet,
oder Thuy Nguyen, die wie andere vietnamesisch stämmige Absolventen keinen Arbeitsplatz findet
oder schwarze Fußballer, die auf dem Fußballplatz beleidigt werden,
oder Sinti und Roma, die als Zigeuner bezeichnet werden und im gleichen Atemzug als Asozial abgestempelt sind, wie es Herman Höllenreiner seit 1945 erlebt, als er Auschwitz überlebte. Eine halbe Million Sinti und Roma überlebten den Terror der Nazis nicht.

Ein deutsches Nachrichtenmagazin brachte vorige Woche diese und noch weitere Fälle mitten aus unserem Alltag: immer wieder für die Betroffenen ein Schlag ins Gesicht.

Und wer gestern aufmerksam über das Eröffnungsfest der Interkulturellen Woche ging, konnte mit Betroffenen und Ehrenamtlichen weitere Beispiele aus unserer Stadt sammeln. Da leben einzelne Flüchtlinge schon seit 20 Jahren im Asylbewerberheim hier in Burg und ihnen wird kein Ausweg gebahnt. Da wird die dezentrale Unterbringung, die Flüchtlingsfamilien nach 6 Monaten zusteht, verweigert. Da droht einem jungen Mann aus Afghanistan die Abschiebung. Ein Schlag ins Gesicht, nicht nur für die Flüchtlinge, sondern auch für uns, denn das sind Entscheidungen unseres Landkreises.

Kein Mensch kann sich damit abfinden, mit dem Schlag ins Gesicht durch Worte, Gesten und Entscheidungen. Der Richter in dem Gleichnis von Jesus versucht sich zu schützen. Die Witwe dagegen hat vielleicht schon unzählige Schläge in ihrem Leben hinnehmen müssen. Das ist ungerecht, zutiefst ungerecht. Darum nimmt Jesus die Witwe, die um ihr Recht kämpft, als Beispiel, nicht aufzuhören diese Ungerechtigkeit zu benennen, dagegen einzutreten, sich nicht mit der Ungerechtigkeit abzufinden. Weil der Richter am Ende sehr gut weiß, dass die Witwe um ein Recht kämpft, dass jeder, auch er als Richter, für sich in Anspruch nehmen möchte, darum wird ihr Anliegen am Ende auch erhört.

Doch wie weit sind wir davon noch entfernt, angesichts der Not und des Elends von Flüchtlingen weltweit? Da werden Menschen in Zentralafrika von Schlepperbanden zur Flucht überredet mit dem Versprechen, in Europa für die ganze Familie arbeiten gehen zu können. Und dann werden sie auf dem Weg wie Geiseln behandelt, über Jahre werden die Familien erpresst, bis sie schließlich rechtlos und mit traumatischen Erfahrungen in europäischen Abschiebegefängnissen landen. Da verkaufen afrikanische Fischer ihre Boote, weil sie wegen Überfischung seit Jahren keinen Gewinn beim Fischfang mehr machen können, und voller Flüchtlinge erreichen diese Nussschalen oft nicht das rettende Ufer. Da zahlen Iraner und Afghanen riesige Geldsummen um über die Bergpässe nach Europa geführt zu werden, und die Schlepper sehen sich nicht einmal um, wenn die Flüchtlinge hinter ihnen zusammenbrechen. Da muss eine Familie aus Syrien 7 Tage im Unterboden eines LKWs verbringen, bis sie endlich mitten in der Nacht auf einem verlassenen Rastplatz rausgeschubst wird. Da bekommt der vietnamesische Familienvater für sich und seine Familie eine Arbeitserlaubnis und wird Imbissbetreiber und kann sich sein Professorentitel an die Wand hängen. Das sind Flüchtlingswege, wie sie heute tagtäglich passieren.

Hat das Benennen des Unrechts, das Anprangern und Anklagen dagegen eine Chance? Für Jesus ist es zuerst eine Frage des Glaubens. Die Witwe, die um ihr Recht kämpft ist für Jesus ein Bild für den Menschen, der nicht aufhört, an Gottes Gerechtigkeit zu glauben und Gott um seine Hilfe zu bitten!

Zweitens ist es eine Frage des Hier und Jetzt. Die Witwe und der Richter im Gleichnis lösen nicht die Ungerechtigkeit der Welt - aber das Unrecht gegenüber der Witwe. Das heißt, wo wir Flüchtlingen begegnen, da kommt es auf unsere Haltung an, da können wir dafür eintreten, dass Worte und Gesten nicht wie ein Schlag ins Gesicht sind. Den alltäglichen Rassismus im Kopf zu bekämpfen, das sollte immer eine Chance haben.

Und drittens ist es eine Frage unserer Identität. Sind nicht Jesus und seine Eltern selbst Flüchtlinge gewesen, politisch Verfolgte, die in Ägypten Asyl bekamen? Was wäre geschehen, wenn Ägypten damals gesagt hätte: Kein Platz für Flüchtlinge aus Palästina! Spiegelt sich nicht in jedem Flüchtling auch die Geschichte Jesu und der Heiligen Schrift wider?

Flüchtlingswege, wer immer sie geht, sind auch unsere Wege, denn wir haben nur die Wahl, uns für Recht und Gerechtigkeit einzusetzen, wie die Witwe im Gleichnis, oder gleichgültig abzuwarten, bis uns die Ungerechtigkeit, vor der wir die Augen verschließen, wie ein Schlag ins Gesicht trifft. Amen

Pfr. Peter Gümbel