Aus dem Wasser gezogen

 
Morgenandacht im Deutschlandfunk "Gedanken zur Woche": 11.10.2013

Da stehen sie, die drei Jungs – 15, 16 Jahre alt, in Lampedusa am Meer. Es ist erst ein paar Tage her, dass die Fischer sie aus dem Wasser gezogen haben, als ihr alter Kahn unterging. Ein Wunder, dass sie überlebt haben angesichts der vielen, die vergeblich mit den Wellen kämpften. Mehr als 300 Särge stehen am Strand – braune, rote, weiße Särge von Männern, Frauen und Kindern. Wir haben sie gesehen – und man mag sich gar nicht vorstellen, wie viel Tote am Meeresgrund liegen – ohne Sarg, ohne Rose. 20.000, sagen Menschenrechtsorganisationen – 20.000 Tote sollen in den letzten 25 Jahren vor Europas Küsten umgekommen sein. Vor einigen Wochen schon erinnerte der Papst auf Lampedusa daran.

Die drei aber haben überlebt. Und jetzt können sie zu Hause Bescheid sagen; die Reporterin hat ihnen ihr Iphone gegeben. Man meint sie zu hören, die Freudenschreie, die Glückstränen am anderen Ende. Elternliebe, die ihre Kinder loslässt, damit sie gerettet werden. Vor Hunger und Gewalt. Vor den Schergen der Diktatur. Kinder brauchen Zukunft, sie sollen leben.

Da stehen sie die drei, mit dem Iphone am Ohr und schauen noch einmal auf das Wasser. Kaum zu glauben, dass die Fischer sie da heraus gezogen haben – so wie einst Mose aus den Wellen gezogen wurde. Eine Tochter des Pharao hätte den Kleinen gesehen, als sie am Ufer spazieren ging, erzählt die Bibel. Einen schreienden Säugling in einem Schilfkörbchen auf dem Nil – ganz offensichtlich von den Eltern ausgesetzt. Ohne viel zu überlegen, ließ sie einen Diener ins Wasser springen. Der Korb war mit Liebe geflochten und das Kind warm gebettet. Da hatte jemand auf Rettung gehofft für sein Kind. Es war ein jüdischer Junge. Wie alle Söhne Israels hätte er sterben sollen – schon bei der Geburt. Das war der Befehl des Pharao. Seine Tochter aber zog das Kind aus dem Wasser und nahm es als ihr eigenes auf.

Dass Mose gerettet wurde, wird seine Mutter nie erfahren haben. Er aber hat seine Herkunft gespürt – und sein Volk nicht vergessen, erzählt die Bibel. Er wird ein Fremder im Palast, weil ihm klar wird, wie hoch der Preis ist für den Glanz. Wie viele starben für die herrlichen Bauwerke. Wer die Geschichte liest, kann die Verzweiflung nachvollziehen, die Wut, die Mose antreibt, seine Sehnsucht nach Freiheit. So wird das Kind im Schilfkorb zu dem Mann, der sein Volk in die Freiheit führt. Wer kennt sie nicht, die Bilder vom Durchzug durchs rote Meer. Wie Israel trockenen Fußes durch die Fluten geht. Und das Heer des Pharao in den Wellen versinkt. Der Auszug aus der Ägypten ist tief in unserer Kultur verankert.

Diese Bilder fielen mir ein, als ich jetzt die anderen sah: die 6 Meter hohen Stahlzäune, Stacheldraht – bewehrt, in den spanischen Exklaven von Marokko. Europas Grenze im Süden, von Außenposten gut bewacht. Vor kurzem haben 50 Menschen gleichzeitig versucht, hinüber zu kommen – mehr, als man mit Gewalt hätte zurück halten können. Und viele kamen an – verletzt, blutend, humpelnd, aber frei.

Und plötzlich finde ich mich auf der Seite des Pharao: Eine Europäerin, der es gut geht. Ich weiß, dass die Grenze auch meinen Wohlstand schützt – und dass er auf den Leiden anderer aufgebaut ist. Die Geflügelwirtschaft, die wir hier subventionieren, nimmt den Menschen dort ihre Farmen, die Lebensgrundlage. Und unser Lebensstil treibt den Klimawandel voran, der dort zu Dürren und Überschwemmungen führt. Ich weiß das. Wir alle wissen es. Was aber können wir tun?

In diesen Tagen hat Papst Franziskus etwas ganz Einfaches getan. Das Mindeste, das Selbstverständliche. Er hat die Kirchentüren geöffnet, die Klöster gefragt, ob sie Flüchtlingen eine Bleibe bieten können. Die Fischer ermutigt, die Menschen aus dem Wasser zu ziehen. Damit unterlaufe er das Gesetz, meinte Roger Klöppel, der Chefredakteur der Weltwoche am Montagabend bei „hart aber fair“: Da dachte ich an die Tochter des Pharao, die den Befehl ignorierte und das Selbstverständliche tat: sie zog das Kind Mose aus dem Wasser. Damit begann die Befreiungsgeschichte des Volkes Gottes. Und sie geht weiter – bis heute.

Cornelia Coenen-Marx
 

 

 
Jahr:
2013
Autorin:
Oberkirchenrätin Cornelia Coenen-Marx
Weitere Informationen:

Oberkirchenrätin Cornelia Coenen-Marx ist seit 2007 Sozialreferentin der EKD.
Cornelia.Coenen-Marx@ekd.de