Vielfalt vor Ort gestalten

 
Kommunen brauchen Unterstützung und Begleitung
Paola Fabbri Lipsch

Vielfalt gehört zu Deutschland, Kommunen wissen das gut. Es reicht ein Blick in Kitas, Schulen, in Sportvereine oder auf die Bürgerinnen und Bürger, die sich an die Verwaltung wenden, um zu begreifen, wie multikulturell unsere Städte geworden sind. Der inzwischen überall verwendete Satz »Integration geschieht vor Ort« deutet die damit verbundenen Herausforderungen an. Während Gipfel vornehmlich in Berlin stattfinden, Gesetze, Richtlinien und Aktionspläne überwiegend auf Bundes- und Landesebene beschlossen und verabschiedet werden, muss ihre Umsetzung im Wesentlichen auf lokaler Ebene erfolgen. Es sind an erster Stelle die Kommunen, die aus allgemein formulierten Zielen konkrete Maßnahmen ableiten und Veränderungen bewerkstelligen müssen.

Seit Inkrafttreten des Zuwanderungsgesetzes im Jahr 2005 werden die Kommunen stärker in die Verantwortung genommen als zuvor. Das Gesetz erklärt Integration explizit zur »kommunalen Pflichtaufgabe«. Das ist eine wichtige und notwendige Entwicklung, die – wenn sie denn ernst genommen wird – für die Kommunen bedeutet, aus der Logik der neben der eigentlichen Arbeit herlaufenden Integrationsprojekte auszusteigen. Es bedeutet, eine Gesamtstrategie zu formulieren und ihr konsequent zu folgen.

Natürlich müssen sich Kommunen nach wie vor um die Integration und Inklusion sozial schwacher Familien bemühen, seien sie mit oder ohne Migrationshintergrund. Auf sie kommt aber eine noch weitergehende Aufgabe zu: die Gestaltung eines räumlich adäquaten, offenen und kompetenten Umgangs mit der Vielfalt vor Ort. Das ist eine gute Gelegenheit, die in den meisten Kommunen immer noch gängige Praxis, durch einzelne Sondermaßnahmen mutmaßlich defizitäre Migrantinnen und Migranten zu integrieren, zu verändern. Es wird Zeit, vor allem Strukturen in den Blick zu nehmen: die durch die zunehmende Vielfalt ihres Klientels herausgeforderten – und zum Teil auch überforderten – öffentlichen Einrichtungen und die oft unangemessenen Infrastrukturen.

Dieser Perspektivenwechsel ist nicht von heute auf morgen zu bewerkstelligen. Vielmehr erfordert er einen Prozess der interkulturellen Öffnung, für den alle Beteiligten einen langen Atem brauchen. Ansätze kann man heute in vielen Kommunen finden. Wo entsprechende Integrationskonzepte oder Leitbilder erarbeitet wurden, wo Fortbildungen zur Förderung der interkulturellen Kompetenz von Mitarbeitenden in öffentlichen Diensten und Einrichtungen zum Standard gehören, wo darauf geachtet wird, dass mehr Menschen mit Migrationshintergrund eingestellt werden, wo Integration bei der Verwaltung als Querschnittsaufgabe angesiedelt ist, überall da sind erste wichtige Schritte gemacht. Beispielhaft sind einige deutsche Großstädte, wie z.B. München, wo die interkulturelle Öffnung in allen Referaten der Stadtverwaltung auf der Tagesordnung steht, oder die Stadt Wiesbaden, die unter anderem neue Einstellungskriterien erarbeitet hat, um die interkulturelle Kompetenz von Bewerberinnen und Bewerbern besser zu beachten. Auch viele mittlere und kleine Kommunen haben in den letzten Jahren große Schritte gemacht.

Als Wegweiser haben viele auf Handlungsempfehlungen zurückgegriffen, wie z.B. die im Jahr 2007 von den kommunalen Spitzenverbänden erarbeiteten »Zehn Empfehlungen für die Integration«; die Konzepte, Informationen und Daten des »Wegweisers für Kommunen« der Bertelsmann Stiftung; oder auch die »Handlungsempfehlungen und Gute-Praxis-Beispiele«, die die Schader-Stiftung als Ergebnis des Forschungs-Praxis-Projektes »Integrationspotentiale in kleinen Städten und Landkreisen« vor kurzem veröffentlicht hat. Die letzte Publikation stellt eine wissenschaftlich begründete und praxisorientierte Hilfe für die Weiterentwicklung der Integrationsarbeit in erster Linie im ländlichen Raum dar. Davon können aber auch Städte in Ballungsräumen durchaus profitieren. All diese Handlungsempfehlungen bieten eine gute Grundlage, um eine konsequente kommunale Vielfaltspolitik weiter zu entwickeln, die sich in erster Linie auf die Veränderung von Strukturen und Institutionen konzentriert.

Kommunen, die sich auf diesen Weg machen oder gemacht haben und vor lokal durchaus unterschiedlichen Herausforderungen stehen, brauchen professionelle Begleitung in Form von Coaching und Moderation. Es wäre darum wünschenswert, wenn Bund und Länder statt weiterhin einzelne, oft nicht nachhaltige Projekte zu finanzieren, Ressourcen bereit stellten, damit Kommunen in dieser Weise kontinuierlich extern begleitet werden.
»Integration geschieht vor Ort.« Das heißt heute: Vielfalt ist vor Ort. Was mit ihr geschieht, entscheiden aber nicht allein die Kommunen. Wo Städte die Vielfalt ernst nehmen, ihr Raum geben und sie gerecht gestalten wollen, brauchen sie Unterstützung. Gipfel, Maßnahmenkataloge und Aktionspläne sollten daran gemessen werden, ob sie den Kommunen diese Unterstützung tatsächlich gewähren.

 
Materialheft:
Gliederung 2012
Autorin:
Paola Fabbri Lipsch
Weitere Informationen:

Paola Fabbri Lipsch ist Beauftragte für Integration und Vielfalt der Stadt Neu-Isenburg und freie Journalistin beim WDR-Funkhaus Europa.

Kontakt:
Stadt Neu-Isenburg
Stabsstelle Integration und Vielfalt
Hugenottenalle 53
63263 Neu-Isenburg
paola.fabbri@stadt-neu-isenburg.de