Jugendliche aus Familien mit Migrationsgeschichte und Berufsausbildung: kein Selbstläufer!

 
Für mehr Innovation in der Ausbildung
Wilfried Kruse

Viele Jahre lang wurde beklagt, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund kaum eine Chance hätten, in eine Berufsausbildung zu gelangen: die Zahlen belegten ihren geringen Anteil, vor allem in der ungeförderten Dualen Ausbildung. In der gesamten langen Periode, in der Ausbildungsplätze gegenüber der Nachfrage knapp waren, konnten Betriebe aus einer hohen Zahl von Bewerbern auswählen; Jugendliche mit Migrationshintergrund waren anteilig deutlich weniger dabei. Auf die Gründe will ich hier nicht eingehen; sie sind oft erörtert worden.

Seit einiger Zeit nimmt die Zahl der Bewerberinnen und Bewerber für eine Berufsausbildung ab und es bleibt eine zunehmende Zahl von Ausbildungsplätzen unbesetzt. Dies liegt sicherlich auch an dem – in manchen Regionen – deutlichen Rückgang bei den Schulabgängerzahlen, aber es liegt auch am veränderten Bildungsverhalten.

Bei den Betrieben macht sich seit einiger Zeit bemerkbar, dass gerade viele der schulisch gut vorgebildeten »herkunftsdeutschen« Jugendlichen Abitur und Studium einer Berufsausbildung vorziehen. Da sich aber die Anforderungen in vielen Berufen zwischenzeitlich erhöht haben, sehen die Betriebe kaum Spielraum, sich hinsichtlich der Voraussetzungen, die Bewerber mitbringen sollen, deutlich nach unten zu bewegen.

Die Hoffnung aber, dass nun leistungsstarke und sozial kompetente Jugendliche mit Migrationshintergrund von selbst und »massenhaft« in diese Lücke drängen würden, ging und geht nicht auf – und vor allen Dingen nicht ohne Weiteres. Denn diese Jugendlichen zeigen ein ähnliches Bildungsverhalten wie ihre »herkunftsdeutschen« Mitschülerinnen und Mitschüler, vielleicht sind sie sogar noch pointierter auf Abitur und Studium orientiert als diese. In dieses Bildungsverhalten gehen Aspirationen ganzer Generationen von Einwanderern ebenso ein wie eine unter Einwanderern oftmals größere Distanz zum deutschen System der dualen Berufsausbildung und Facharbeit.

Hier setzen eine Reihe von Betrieben und Kammern mit auch oder insbesondere an Jugendliche mit Migrationshintergrund adressierten Kampagnen an. Schlüsselbegriffe sind hierbei Willkommenskultur und Attraktivität. Manche dieser Kampagnen, insbesondere, wenn sie auf einer systematischen und längerfristigen Kooperation zwischen Schulen und Betrieben aufbauen, sind durchaus erfolgreich: das Berliner Vorhaben »Berlin braucht dich!« ist hierfür ein gutes Beispiel.

Die Nagelprobe aber wird sein, ob auch die Ausbildungserfolge gesichert und perspektivreiche Übergänge in Beschäftigung erreicht werden können. Eine der Voraussetzungen hierfür ist eine behutsame, aber hartnäckige interkulturelle Öffnung der Berufsausbildung und deren Fortsetzung im Rahmen einer betrieblichen Diversity-Politik.

Wenn man also stärker als bisher ungeförderte betriebliche Berufsausbildung für Jugendliche mit Migrationshintergrund öffnen will1, dann ist es aus unserer Sicht unumgänglich, die Ansätze von Willkommenskultur, Attraktivität und interkultureller Öffnung weiter zu verstärken, aber insbesondere dafür Sorge zu tragen, dass die betriebliche Arbeitswelt zu einem attraktiven und herausfordernden Erfahrungsfeld für Schülerinnen und Schüler wird, damit Berufsausbildung überhaupt zu einer Option wird, die sie ernsthaft ins Kalkül ziehen und dementsprechend mit Interesse und Engagement verfolgen.

Aber dies ist noch nicht ausreichend. Denn: Dass in Zukunft die Zielgruppe auch auf jene Jugendlichen ausgedehnt werden muss, die schlechtere Voraussetzungen mitbringen, ist angesichts des sich abzeichnenden Fachkräftemangels und des beobachtbaren realen Bewerbungsverhaltens mehr als wahrscheinlich. Nur eine längere und intensivere Vorbereitung bringt diese Jugendlichen, die sich in der Regel in noch größerer Distanz zur Arbeitswelt bewegen, dazu, sich ernsthaft mit der Perspektive Ausbildung zu beschäftigen.

Auch hier gilt: nicht schon ein größeres Angebot an Ausbildungsplätzen erzeugt bei diesen Jugendlichen automatisch einen »Run« auf Ausbildung.

Schulen und Betriebe benötigen für diese Zielgruppe dringender als zuvor die Kooperation mit erfahrenen Trägern. Denn hier müssen bisher ungewöhnliche Wege gegangen werden. Insbesondere müssen Brücken zwischen lebensweltnaher und auch alternativer Jugendarbeit und den »offiziellen« Wegen von Berufsorientierung und Berufsberatung gebaut werden. Denn die üblichen und eingespielten Formen der Berufsorientierung passen in verschiedener Hinsicht für viele dieser Jugendlichen nicht. Sie sind aus Sicht der Jugendlichen oftmals mit negativen Erfahrungen von Ausgrenzung und Scheitern verbunden.

Ein gutes Beispiel, wie alternative Ansätze aussehen könnten, ist das Jugendtheaterfestival des Jugendtheaterbüros in Berlin-Moabit2, das alternative Theaterarbeit mit Jugendlichen »aus dem Kiez« (die meisten von ihnen mit – oftmals arabischem – Migrationshintergrund) mit Berufsorientierung verknüpft. Eine solche Kombination aus formeller Teilnahme an Angeboten zur Berufsorientierung und freiwilliger, eher durch Bedürfnisse und Interessen gesteuerter Erweiterung, Vertiefung oder Fortführung ist meist nicht gegeben, gehört hier aber gewissermaßen zum Konzept.

Gerade für einen solchen Ansatz ist die Verankerung im Quartier besonders wichtig. Dabei geht es nicht nur um die Nähe zur Lebenswelt der Jugendlichen, die hier eine besondere Rolle spielen sollen, sondern auch um die Mobilisierung der Potenziale von Zusammenhalt und Integration, die das Quartier bietet. Sinnvoll erscheint es, dass Berufsorientierung und der Übergang Schule-Arbeitswelt zu einem wichtigen gemeinsamen Handlungsfeld auf Quartiersebene werden.

Es versteht sich von selbst, dass diese Überlegungen kein Plädoyer für Sonderfördersysteme für Jugendliche mit Migrationshintergrund sind. Vielmehr geht es darum, den Fokus Migration so systematisch auf das gesamte Übergangsgeschehen zu richten und in kommunaler Koordinierung auf eine Weise zu platzieren, dass es im Ergebnis zu einer bewussten interkulturell sensiblen Übergangsgestaltung kommt.

1 Wilfried Kruse: Berlin braucht dich! – über den öffentlichen Dienst hinaus? Eine Recherche zu Integration und Dualer Berufsausbildung, Berlin 2010
2 Wilfried Kruse: Bühne, Quartier, Berufsorientierung: Wie sich ein alternatives Jugendtheater bewegt, in: Bergmann/Lange (Hrsg): Eigensinnige Geographien. Städtische Raumaneignungen als Ausdruck gesellschaftlicher Teilhabe, Wiesbaden 2011

 
Materialheft:
Gliederung 2012
Autor:
Dr. Wilfried Kruse
Weitere Informationen:

Dr. Wilfried Kruse ist im Forschungsbereich »Arbeit und Bildung in Europa« in der Sozialforschungsstelle Dortmund tätig und Koordinator der »Arbeitsgemeinschaft Weinheimer Initiative«.

Kontakt:
Sozialforschungsstelle Dortmund
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