Interkulturelle Öffnung und Ressourcenteilhabe in der Willkommensgesellschaft

 
Vicente Riesgo Alonso

Soziale Teilhabe von Migranten gründet auf der Bereitschaft und Fähigkeit des Individuums und seiner Community, sich in die Gesellschaft einzubringen sowie auf die Bereitschaft und Fähigkeit der Gesellschaft und all ihrer relevanten Institutionen, sich für die Teilnahme der Zugewanderten zu öffnen. Interkulturelle Öffnung aller gesellschaftlich relevanten Institutionen ist somit eine Grundvoraussetzung für die Integration und sollte nicht dem Zufall oder dem guten Willen der in ihnen handelnden Personen überlassen werden. Interkulturelle Öffnung gelingt dann, wenn sie ausdrücklich und formell gewollt und beschlossen, systematisch geplant und strategisch umgesetzt wird.

Interkulturelle Öffnung erfordert eine neue Optik und eine veränderte Logik in den Institutionen sowie neue Qualifikationen und Kompetenzen ihrer Mitarbeitenden. Die neue Optik erwächst aus der aktiven und kritischen Wahrnehmung des sich in einer Migrationsgesellschaft zunehmend verändernden und veränderten sozialen Umfelds, insbesondere auch in ethnisch-kultureller Hinsicht: neben dem bisher Bekannten gehören neue Gesichter, neue Namen und Familiennamen, neue religiöse Praktiken, andere Sprachen und Gebräuche zum Alltag und sind keine Ausnahmen mehr. Die neue Logik erfordert eine Veränderung der Einstellung gegenüber dem bisher Neuen und Fremden: das Fremde soll Eigen werden, Eingang in das Alte finden, damit die Institution Schritt halten kann mit der gesellschaftlichen Entwicklung und nicht selber allmählich in einer Art Parallelwelt stagniert. Um mit dieser neuen Realität im Sinne der institutionellen Ziele angemessen umgehen zu können, benötigen die in den Institutionen auf allen Ebenen Handelnden interkulturelle und sprachliche Qualifikationen und Kompetenzen, die in einer homogen gedachten Gesellschaft bzw. Institution nicht erforderlich schienen.

Interkulturelle Öffnung darf in diesem Sinne nicht auf die ehrenamtliche Mitwirkung von Migranten oder auf ihre Einstellung als Mitarbeiter in den unteren Positionen beschränkt bleiben, sondern erfordert, dass sich die gesamte Institution allmählich in ein reelles Spiegelbild der gesellschaftlichen Vielfalt verwandelt. Interkulturelle Öffnung soll gerade die mittleren und höheren Ebenen der Institution mit einbeziehen, in denen über die Verteilung institutioneller Ressourcen entschieden wird. Denn wenn Integration über soziale Teilhabe verwirklicht wird, dann bedeutet Integration auch immer die Bereitschaft zu einer neuen Teilung gesellschaftlicher und institutioneller Ressourcen. Da solche Veränderungen komplex, langwierig und nicht immer ohne Widerstände und konfliktfrei zu gestalten sind, ist zu deren Umsetzung ein entschlossenes und systematisches Vorgehen, in dem alle hierarchischen Instanzen involviert sind, erforderlich.

Die strategische – und nicht nur punktuelle – Kooperation mit Migrantenorganisationen kann als bewährtes Mittel zur Begleitung und Verstärkung von Prozessen der Interkulturellen Öffnung in den Institutionen angesehen werden. Durch diese Art der Zusammenarbeit entwickeln sich bei den mitwirkenden Personen in der Praxis die neue Optik, die neue Logik und die neuen Kompetenzen, die für die Interkulturelle Öffnung der eigenen Institution unverzichtbar sind.

Familien stärken und Erziehungskompetenz der Eltern fördern

Das Bildungssystem ist ohne Zweifel ein zentrales Handlungsfeld einer auf soziale Teilhabe und Nachhaltigkeit orientierten Integrationspolitik. Damit der Blick aber nicht ausschließlich auf die formellen Bildungsbereiche und – institutionen (Schule, Berufsbildung, Hochschule) gerichtet bleibt, muss die Integrationspolitik das gesamte Erziehungssystem und dabei vornehmlich die Familie in den Blick nehmen. Dies ist gerade angesichts der zunehmenden Segmentierung von Lebenswelten und Milieus in der aktuellen Gesellschaft umso bedeutsamer. Migrantenfamilien und deren Kinder leiden nämlich besonders stark unter den Entsolidarisierungs- und Individualisierungstendenzen, denn somit verschwinden immer mehr Bereiche, in denen im Alltagsleben Erfahrungen von Integration und sozialer Teilhabe ermöglicht werden.

Um dem entgegen zu wirken und die negativen Folgen dieser Tendenzen ausgleichen zu können, sollen vor allem – neben Maßnahmen zur Wiederbelebung des lokalen Sozialraums – Angebote und Maßnahmen entwickelt werden, die die Eltern und die Stärkung ihrer Erziehungskompetenzen in den Mittelpunkt stellen. Die Eltern sollen in ihrer persönlichen Autonomie und Verantwortung gestärkt und somit auch befähigt werden, sich sachkundig für den Schul- und Bildungserfolg ihrer Kinder einzusetzen. Dazu gibt es bereits erprobte Methoden und gute Praktiken, die von einigen Migrantenorganisationen entwickelt und jahrzehntelang mit sichtbaren Bildungserfolgen angewandt werden. Damit diese bewährten Methoden breiter bekannt gemacht werden und in die Integrationspolitik von Bund, Ländern und Kommunen Eingang finden, sollten die Richtlinien der öffentlichen Förderpolitik weiterentwickelt werden und viel stärker als bisher das Know-How, die Potentiale und die Ressourcen von Migrantenorganisationen berücksichtigen.

Zusätzliche Bilder
Aktivität des Bundes der Spanischen Elternvereine - Foto: Span. Elternverein
 
Materialheft:
Gliederung 2012
Autor:
Vicente Riesgo Alonso
Weitere Informationen:

Vicente Riesgo Alonso ist Fachberater des Bundes spanischer Elternvereine in der Bundesrepublik e.V.

Kontakt:
Bund der spanischen Elternvereine in der Bundesrepublik e.V.
Mainzer Straße 172
53179 Bonn
www.confederacion.de
aef-confederacion@t-online.de