Das Zukunftsfundament aber wird fehlen

 
Die griechisch-orthodoxe Kirchengemeinde Prophet Elias organisiert einen Hilfskonvoi für Bedürftige in Griechenland. Foto: Stephan Morgenstern/laif

Als die wirtschaftliche Krise in Griechenland begann, konnte niemand ahnen, dass es zu einer enormen Auswanderungswelle führen würde. Eine Welle, die mit der Auswanderung der sechziger und siebziger Jahre zu vergleichen ist. Laut Angaben der griechisch-orthodoxen Metropolie von Deutschland klopften im Jahr 2011 ca. 42.000 Griechen an den Pforten der griechisch -orthodoxen Kirchen in Deutschland.

Viele sind zurückgekehrt, andere sind weitergezogen. Manche versuchen ihr Glück erneut und erneut. Es ist wirklich traurig, wenn man sich die Situation der Menschen in Griechenland anschaut. Nicht nur der Staat ist hochverschuldet, sondern jeder einzelne Grieche hat sich in den letzten Jahren verschuldet. Mit dem Verlust der Arbeitsstelle oder mit den enormen Lohnkürzungen, besonders im öffentlichen Bereich, sind Unternehmer und Arbeitnehmer zahlungsunfähig geworden. Immer mehr Menschen verlieren ihre Existenz und leben unterhalb der Armutsgrenze. Viele kehren mit ihren Familien in die ländlichen Herkunftsorte ihrer Vorfahren zurück und versuchen es mit Ackerbau oder Viehwirtschaft. Die meisten Griechen leben aber in den Großstädten. Es gibt für den einfachen Bürger Griechenlands keine Zukunft mehr. Die Schlangen an den täglichen Suppenküchen werden immer länger. In den Großstädten organisiert fast jede Kirchengemeinde und darüber hinaus zahlreiche andere Hilfsorganisationen Armenspeisungen. Kleidung und Decken werden verteilt und immer mehr Menschen landen auf der Straße.

Mit der Auswanderung verliert das Land eine ganze Generation. Junge Menschen, meistens gut ausgebildet und hochqualifiziert, sehen keine Zukunftsperspektive mehr in Griechenland. Als einzige Möglichkeit bleibt das Ausland. In die USA, nach Kanada, Australien, Neuseeland, Europa, Dubai und sogar in die Türkei.

Im Vergleich zu den Auswanderungen der vergangenen Jahrzehnte ist aber zu betonen, dass damals Arbeitsverträge gesichert waren, heute wandert man auf gut Glück aus. Damals haben Griechen aus ländlichen Regionen, die als unqualifizierte und billige Arbeitskräfte angeworben wurden, ihr Glück in den deutschen Fabriken oder in den belgischen Kohle-Bergwerken gesucht. Heute wandern Akademiker aus – Ärzte, Juristen, Ingenieure, Menschen mit guten Fremdsprachenkenntnissen. Das ist für die Zukunft Griechenlands verheerend. Das Land wird sich irgendwann einmal womöglich wirtschaftlich stabilisieren können, das Zukunftsfundament wird aber fehlen.

Die Krise und die Auswanderung stellen die griechisch-orthodoxen Kirchengemeinden in Deutschland vor eine große Herausforderung. Täglich kommen Menschen an und suchen in unseren Kirchengemeinden Rat und Unterstützung. Zwei existenzielle Fragen werden gestellt: Wo finde ich eine Arbeit und wo finde ich eine Wohnung? Darüber hinaus sucht man den Kontakt zur Gemeinde. Man möchte sich ein Stück Heimat bewahren.

Man kann drei Gruppen von griechischen Einwanderern unterscheiden: Zu der ersten Gruppe gehören Menschen, die entweder Verwandte in Deutschland haben oder sogar früher selbst hier gelebt haben. Diesen ist zumindest für den Anfang eine Bleibe gesichert. Mit ihren Deutschkenntnissen haben sie am deutschen Arbeitsmarkt am ehesten eine Chance.

Die zweite Gruppe sind junge Akademiker und Fachleute, die zwar einen für deutsche Verhältnisse schlecht bezahlten Arbeitsplatz gefunden haben, nun aber dringend eine Wohnung finden müssen.

In der dritten Gruppe handelt es sich um Menschen, die in der Heimat alles verloren haben, keinerlei Ausbildung besitzen und plan- und ziellos nach Deutschland kommen in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Diese hoffen genauso wie die Migranten der sechziger Jahre, dass sie bald in ihre Heimat zurückkehren können.

Bei allen drei Gruppen stellt die Sprache die größte Barriere dar. Viele Griechen sprechen sehr gutes Englisch, Französisch oder Italienisch aber kaum Deutsch. Des Weiteren ist eine Kirchengemeinde, die keine Kirchensteuern bezieht und sich ausschließlich aus freiwilligen Spenden finanziert, in ihren Kräften überfordert. Es fehlt an einer Vernetzung der potentiellen griechischen Arbeitnehmer. Außerdem besitzen die wenigsten Griechen in Deutschland Mietwohnungen, die man vermitteln könnte. Kaum ein Vermieter möchte einem Ausländer ohne Job eine Wohnung vermieten, auch wenn die griechisch-orthodoxe Kirche für ihn bürgt. Außerdem sind unsere Gemeinden auf ehrenamtliche Mitarbeit angewiesen und es ist schwer für die monatlich 20 bis 30 griechischen Neuankömmlinge, Helfer zu finden, die mit ihnen die verschiedenen Ämter abklappern, bei der Arbeitssuche helfen oder wichtige Dokumente übersetzen. Noch schwieriger ist es bei den aussichtslosen Fällen. Oft können wir den Einwanderern, die keine Chance in Deutschland haben, nicht anders helfen, als das Geld für einen Rückflug zu sammeln. Allein im Januar 2012 musste eine unserer Gemeinden 1.500 Euro für Tickets bezahlen. Es ist bedrückend, wenn Kirchen Familien mit kleinen Kindern zurückschicken müssen.

Wie können wir, die Kirchen, diesen Menschen am besten helfen? Wie könnte man sich am besten organisieren, um dem wachsenden Ansturm zu begegnen? Erste Gespräche mit den Schwesterkirchen haben gezeigt, dass in einem begrenzten Rahmen, der sich aber ausweiten könnte, zumindest im Bereich der Sozialberatung, mit Unterstützung zu rechnen ist. Auch einfache Gemeinden, Mitchristinnen und Mitchristen zeigen sich solidarisch. Es fehlt aber noch an organisierten Strukturen. Wie können wir den Staat, die Länder und die Gemeinden hier mit einbinden?

Einzelne Aktionen gibt es bereits: So werden z.B. Deutschkurse von Ehrenamtlichen angeboten. Ein Netz für Wohnungssuche entsteht derzeit in einigen Gemeinden. Spendenaktionen und Hilfskonvois wurden gestartet, um den Notleidenden in Griechenland zu helfen. Deutsche und Migranten, Menschen verschiedener Religionen bekunden den leidenden Griechen ihre Solidarität.

Das alles ist aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein …

 
Materialheft:
Gliederung 2012
Autor:
Archimandrit Athenagoras Ziliaskopoulos
Weitere Informationen:

Archimandrit Athenagoras Ziliaskopoulos ist Geistlicher der griechisch-orthodoxen Metropolie von Deutschland und Pfarrer der Prophet Elias Gemeinde in Frankfurt/M. sowie Mitglied im ÖVA.

Kontakt:
Kirche des Propheten Elias zu Frankfurt am Main
Solmsstr. 1
60486 Frankfurt / M.
thourion@yahoo.de