Vorurteile unter Christen: Analyse und Handlungsmöglichkeiten

 
Generalsuperintendentin Heilgard Asmus

Im Land Brandenburg gibt es verglichen mit dem Land Berlin wenig Menschen aus anderen Ländern, die wir als Migranten bezeichnen, die eine befristete Aufenthaltsgenehmigung haben oder die Asyl suchen. Und trotzdem oder gerade deshalb gibt es im Bundesland Brandenburg Vorurteile auch unter Christen.

Wir verstehen uns als zivilgesellschaftliche christliche Bürgerschaft, das bedeutet, wenn wir über Vorurteile unter Christen reden, sehen wir immer den gesellschaftlichen Radius mit. Im Land Brandenburg gab es Anfang der 90er Jahre entwürdigende, schreckliche Taten von Rechtsextremen gegenüber Menschen mit anderer Hautfarbe. Es gab verletzte und gejagte Menschen, die zum Teil seit Jahren in den Orten lebten, immer waren sie deutlich als fremdländisch zu erkennen. Die Ressentiments ihnen gegenüber entluden sich zum Teil in nackter Gewalt. Die Politik hat Mitte der 90er Jahre endlich darauf reagiert. Der Ministerpräsident des Landes Brandenburg sagte öffentlich: »Wir haben das Problem des Rechtsextremismus unter uns und wir werden ihm begegnen, also aktiv werden.«

Es gibt seit 15 Jahren im Land Brandenburg das Aktionsbündnis gegen Gewalt, Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit, gegründet von den politisch Verantwortlichen, geleitet und gestaltet von vielen zivilgesellschaftlichen Organisationen, immer auch von der Evangelischen Kirche. Zurzeit hat das landesweite Aktionsbündnis 68 Mitglieder, wenige Einzelpersonen sind darunter, viele Vereine, Kirchgemeinden oder zivilgesellschaftliche Organisationen. Im Land gibt es in vielen Regionen inzwischen regionale Aktionsbündnisse, die über das landesweite Aktionsbündnis vernetzt sind, die finanziell und organisatorisch unterstützt werden bei den Aktionen in den Dörfern und Städten gegen Gewalt, Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit.

Wir haben von Zeit zu Zeit im Land Brandenburg und auch im Bundesland Berlin Aufmärsche von Freien Kameradschaften mit fremdenfeindlichen oder rassistischen Aufrufen. Sehr schnell agiert dann ein regionales Aktionsbündnis zusammen mit dem landesweiten Aktionsbündnis, um die Straßen und Plätze zu besetzen. Gegendemonstrationen, Volksfeste oder andere Veranstaltungen werden organisiert und gründlichst mit der Polizei vorberaten. Immer sind Kirchgemeinden beteiligt und meistens sind es Pfarrerinnen und Pfarrer, die in ihrem Dorf oder regionalen Verbänden den Anstoß geben, so dass viele aktiv werden.

Von einem Beispiel möchte ich erzählen.

Im Landkreis Märkisch-Oderland wurden im Juni/Juli 2010 für sieben Sonnabende in Folge Demonstrationen der Freien Kameradschaft Märkisch-Oderland angemeldet. Ich selbst habe als Vorstandsvorsitzende des Aktionsbündnisses sofort sieben Gegenveranstaltungen in den entsprechenden Orten angemeldet. Wir haben zusammen mit den kommunalen Vertretungen, mit den Vereinen vor Ort, mit den Kirchgemeinden für diese sieben Orte die unterschiedlichsten Veranstaltungen auf den Straßen, vor den Kirchen oder kommunalen Verwaltungen geplant und durchgeführt.                      

Es gibt dabei unterschiedliche Erfahrungen mit den Einsatzkräften der Polizei, mit der Mitarbeit von kommunalen Vertretungen oder Ortsbürgermeistern. Eine Hemmschwelle dabei ist immer noch die Zusammenarbeit oder das Betreten von Kirchen für Menschen, die in ihrem gewohnten Atheismus aus DDR-Zeit groß geworden sind. Aber diese Schwierigkeiten nehmen ab, weil der Wille, die Vielfalt in den Straßen zu zeigen, größer geworden ist. Als eine erste Zusammenfassung kann also gelten: im Land Brandenburg und im Land Berlin gibt es verstärkt öffentlich sichtbare Aktivitäten gegen jegliche Form von Fremdenfeindlichkeit oder rechtsextremistischen Veranstaltungen. Für das Land Brandenburg gilt, die DVU bzw. NPD ist im Landesparlament nicht mehr vertreten und nur in drei kommunalen Parlamenten gibt es NPD Mitglieder.

In einem zweiten Bereich will ich auf die Notwendigkeit der Zusammenarbeit von politischen und kirchlichen Vertretern zu sprechen kommen.

Das gemeinsame Handeln ist nicht trennbar bei Aktionen, es ist ein großes Selbstverständnis, dass gerade evangelische Christen mitarbeiten in den Härtefallkommissionen der Länder, im »Toleranten Brandenburg«, dem staatlichen Bündnis, bei Landrätekonferenzen und in vielen anderen Bereichen. Es ist ein anerkanntes Zusammenarbeiten, aufeinander zugehen und sich auch wechselseitig informieren über die Erkenntnisse, die es aus einzelnen Regionen gibt.

Mein nächster Punkt befasst sich nun mit der Frage »Vorurteile unter Christen«, was sagt die Analyse, wie sind die Handlungsmöglichkeiten.

Mir ist dieses Thema enorm wichtig, gerade weil nicht so offensichtlich wird, weil man genauer hinschauen und hinhören muss und wahrnehmen, was da an Stimmungen in unseren Gemeinden ist, was evangelische Christen an Vorurteilen äußern, wie sie ausgrenzen, darauf machen wir auch im Aktionsbündnis aufmerksam. Die Kirchenleitung und die Landessynode haben sich seit Mitte der 90er Jahre immer wieder damit befasst und die verschiedensten Entschließungen veröffentlicht.

Sie sind unter www.ekbo.de zu finden.

In der Handreichung »hinsehen, wahrnehmen, ansprechen« stellen wir fest: Rechtsextreme Einstellungen werden verharmlost. »Der bedrohte Afrikaner war selber schuld, warum musste er auch abends auch durch unseren Ort schlendern.« Es ist mutig, solche ganz »normalen« alltagsrassistischen Aussagen von ganz »normalen« evangelischen Christen aufzuschreiben und sichtbar zu machen. Mit vielen Veranstaltungen und Werbungen ist diese Handreichung in unserer Kirche bekannt geworden, auch andere Landeskirchen haben sie bei uns bestellt. Eine Zweitauflage ist längst vergriffen. Wir merken daran: wo wir aufmerksam machen wollen auf Einstellungen, die dem Rechtsextremismus, Antisemitismus oder der Fremdenfeindlichkeit zuzurechnen sind, brauchen wir Informationen. Die thematische Begleitung von Pfarr- und Mitarbeiterkonventen und die thematische Arbeit in Synoden ist im besten Sinne eine Bildungs- und Aufklärungsarbeit.

Im Mai 2009 hat die Synode der EKBO in einem Beschluss formuliert: »Rechtsextremismus, Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit sind mit dem christlichen Glauben nicht vereinbar«, deutlicher geht es wohl nicht. Aber die Frage bleibt: wie kann man diese Einstellungen ändern?

Das ist mein letzter und vierter Punkt des Vortrages.

Eine Möglichkeit, Einstellungen zu ändern, ist sicher, immer wieder das Thema in die öffentliche Wahrnehmung einzutragen über Aktionen, über das Wort. Eine weitere Möglichkeit sehe ich darin, Begegnungen zu schaffen und eine dritte Möglichkeit will ich ein wenig ausführlicher aufnehmen. Wir haben Handlungsmöglichkeiten: Die Kirchenleitung der EKBO hat im November 2011 folgende Empfehlungen beschlossen: »Der Erfahrungsaustausch zu den Themen, gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und zivilgesellschaftliches kirchliches Engagement soll in allen Sprengeln der Landeskirche, in den Konventen und Kreissynoden verstärkt geführt werden.« Die Kirchenleitung empfiehlt, dass sich weitere Evangelische Schulen um den Titel »Schule ohne Rassismus« bewerben.

Sie bekräftigt, dass eine Kandidatur für kirchliche Gremien mit einer Mitgliedschaft in einer rechtsextremen Organisation und mit rechtsextremem Gedankengut unvereinbar ist. Die Kirchenleitung erklärt ihre Solidarität mit den Menschen, die sich dem Rechtsextremismus in den Weg stellen. Engagierte haben Anspruch auf Rückendeckung und Beratung durch kirchliche Stellen auf allen Ebenen.

Information aller Mitarbeitenden ist ein wichtiger Schritt, in den Orten unserer Kirche stärker wahrnehmen zu lernen, was es für Einstellungen unter Christen gibt. Zusätzlich wird für die evangelischen Kindertagesstätten an einer pädagogischen Handreichung gearbeitet, die das Thema »Ausgrenzung und Menschenfeindlichkeit« kindgerecht aufarbeiten wird.

Mir ist es wichtig, dass in unserer Kirche »Vorurteile unter Christen« nicht mehr verschwiegen werden, sondern dass sie angesprochen werden und auf den verschiedensten leitenden Ebenen, wie den Kreissynoden und den Landessynoden, durch Information und Material für die einzelnen Gemeinden zugänglich gemacht werden.

Wir müssen unsere Vorurteile besser kennenlernen, um in der kommenden Zeit zu verstehen, wie Fremdenfeindlichkeit und rechtsextreme Einstellungen angesprochen und möglicherweise verändert werden können.

 
Materialheft:
Gliederung 2012
Autorin:
Generalsuperintendentin Heilgard Asmus
Weitere Informationen:

Wir dokumentieren den Vortrag von Generalsuperintendentin der Ev. Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz im Sprengel Potsdam, Heilgard Asmus, den sie in der Arbeitsgruppe »Vorurteile unter Christen: Analyse und Handlungsmöglichkeiten« im Rahmen der bundesweiten Vorbereitungstagung zur Interkulturellen Woche am 10. Februar 2012 in Nürnberg gehalten hat.

Kontakt:
Generalsuperintendentur Potsdam
Gutenbergstraße 71/72
14467 Potsdam
GenSupPotsdam@ekbo.de