Rassismus - Fact-Sheet des Deutschen Caritasverbandes

 
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Es gibt keine menschlichen Rassen –

Der große Philosoph der Aufklärung Immanuel Kant schrieb im Jahr 1775: »Die Menschheit ist in ihrer größten Vollkommenheit in der ›race‹ der Weißen«1. Über lange Zeit hielt sich der Glaube, Menschen könnten in unterschiedliche Rassen unterteilt werden. Darauf aufbauend wurde teilweise gefolgert, dass diese Zugehörigkeit über Merkmale wie Intelligenz oder Mentalität entscheide und Menschen daher unterschiedlich viel wert seien. Jene Vorstellungen gipfelten im Rassenwahn der Nationalsozialisten und kosteten Millionen von Menschen das Leben. Aber auch sogenannte »ethnische Säuberungen« oder historische Phänomene, wie die Sklaverei oder die Apartheid, lassen sich auf ein rassistisches Weltbild zurückführen. Und immer fanden sich Wissenschaftler mit vermeintlichen Belegen für die naturgegebene Andersartigkeit von Menschen.

Längst sind diese Lehren als Pseudowissenschaft entlarvt – die moderne Forschung hat die Existenz von Rassen widerlegt und gezeigt, dass physiognomische Unterschiede (etwa Haut- oder Haarfarbe) als Anpassung an die jeweiligen Umweltbedingungen zu verstehen sind. Treffend bringt dies die Journalistin Dagny Lüdermann in der Zeit auf den Punkt: »Genetisch können sich […] ein Deutscher und ein Chinese ähnlicher sein als zwei Briten, die Tür an Tür leben.«2

… dennoch ist Rassismus einweit verbreitetes Phänomen, …

Heutzutage stellt der offene und gewaltsame Rassismus in Deutschland eine Ausnahme dar3. Rassismus darf allerdings nicht auf rechtsextreme Gewalttaten reduziert werden, vielmehr gilt es zu beachten, dass im Alltagsbewusstsein oftmals immer noch eine Denkweise anzutreffen ist, die Menschen anhand tatsächlicher oder zugeschriebener Eigenschaften in unveränderliche Gruppen einteilt. Bisweilen erfolgt dies bewusst – indem man ausgrenzt und herabwürdigt, festigt man die eigene Position und bestehende Machtverhältnisse – teils ist es »nur« Ergebnis mangelnder Kenntnisse und fehlender Sensibilität.

Diese latenten Formen zeigen sich etwa im institutionellen Rassismus (z.B. Ungleichbehandlungen auf dem Arbeitsmarkt, die sich nicht auf die Qualifikation zurückführen lassen) oder dem sogenannten Alltagsrassismus. Zwei Überlegungen zu alltäglichen Vorurteilen sollen diese ersten Ausführungen abschließen: Rassismus geht meist – aber nicht zwingend – mit Abwertung einher: Auch positiv gemeinte Äußerungen, wie »Schwarze haben den Rhythmus im Blut«, gründen auf dem Verständnis einer unveränderlichen Existenz von Rassen. Zum anderen muss Ausgrenzung und Abwertung nicht zwingend von Mitgliedern der sogenannten »Mehrheitsgesellschaft« ausgehen. Allerdings gilt es das Machtgefälle zu beachten, das mit Rassismus einhergeht. Es muss also stets gefragt werden, wer aufgrund welcher Machtstrukturen am meisten unter Rassismus leidet.

… das im Kontext weitverbreiteter Ideologien der Ungleichwertigkeit betrachtet werden sollte.

Mit Blick auf aktuelle Vorurteile und Ausgrenzungsformen scheint es sinnvoll, die Thematik in einen größeren Kontext zu stellen. Nach einem engen Verständnis umfasst Rassismus die Herabwürdigung aufgrund der Zuordnung zu einer (faktisch nicht existierenden) Rasse. So richtet sich die UN-Rassendiskriminierungskonvention von 1965 gegen die Diskriminierung aufgrund »der Rasse, der Hautfarbe, der Abstammung, dem nationalen Ursprung oder dem Volkstum«4. Im 21. Jahrhundert haben aber »biologistische Theorien von Abstammung und Vererbung« an Bedeutung verloren, vielmehr laufen rassistische Argumentationsmuster entlang von »Nationen«, »Ethnien« oder Religionen5. Entscheidend ist demnach die Konstruktion eines Gegensatzes zwischen »uns« und »den Anderen« beziehungsweise »innen« und »außen«6.

Ausgrenzung und Vorurteile …

Legt man ein solch weites Verständnis zugrunde, wird erst die gesamte Dimension des Problems deutlich:

• 55 % stimmen folgender Aussage zu: »Ich glaube nicht an die Integration von Ausländern, denn wir verstehen ihre Welt nicht und sie verstehen unsere nicht.«7

• 50 % erklären, dass sie nicht mit Türken in einem Haus wohnen möchten.8

• 26 % sind der Meinung, Menschen mit schwarzer Hautfarbe passten nicht nach Deutschland.9

• Für 57 % ist das Tragen sichtbarer religiöser Symbole am Arbeitsplatz nicht akzeptabel.10

Der Bielefelder Soziologe Prof. Dr. Wilhelm Heitmeyer definiert Rassismus in diesem Sinne als eines von zehn Einstellungsmustern gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Neben Rassismus fasst er darunter etwa auch die Islamophobie oder die Abwertung von Menschen mit Behinderung. Trotz gewisser Unterschiede stellen diese Haltungen allesamt »die Gleichwertigkeit und Unversehrtheit spezifischer Gruppen dieser Gesellschaft in Frage«. Der »gemeinsame Kern des Syndroms gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit ist somit die Ideologie der Ungleichwertigkeit«11.

… und warum sie gefährlich sind.

Entsprechende Äußerungen deuten nicht automatisch auf Rechtsextremisten hin. Nur ein Bruchteil derjenigen, die entsprechende Haltungen offenbaren, stimmt bei Wahlen für rechts-extreme Parteien. (Rechtsextreme) Gewalt wird von dieser Gruppe mit großer Mehrheit abgelehnt. Dennoch sehen sich Rechtsextremisten durch die öffentliche Meinung und ausgrenzende Integrations- und Ausländerdebatten legitimiert. So häuften sich im Anschluss an die Diskussionen um ein sich vermeintlich abschaffendes Deutschland die Übergriffe auf Moscheen. Von Juni 2010 bis Mitte Januar 2011 wurden allein in Berlin sechs Brandanschläge auf Moscheen und ein islamisches Kulturzentrum registriert.12

Daneben entfalten Vorurteile und Diskriminierung ganz unmittelbare Wirkung: Rassismus führt nicht nur zu temporärer Verletzung, Betroffene fühlen sich dauerhaft unterlegen, schlecht gebildet, anders und fremd. Sie werden damit zu dem, was schon immer von ihnen erwartet wurde. Diese Angleichung an die Konstruktionen und Zuschreibungen wird in aktuellen Diskursen als »Othering« bezeichnet.13

Letztendlich schaden Vorurteile, Ausgrenzung, Diskriminierung und Rassismus auf diese Weise der gesamten Gesellschaft, da das friedliche und solidarische Zusammenleben durch die Exklusion eines Teiles ihrer Mitglieder dauerhaft gefährdet ist.
Hingegen befördert ein Miteinander, in dem Vielfalt gelebt und erfahren werden kann und in dem die Potenziale aller Menschen genutzt werden, die gesellschaftliche Akzeptanz von Heterogenität und damit den sozialen Frieden.
Bevor Benachteiligungen abgebaut werden können, müssen sie als solche erkannt werden. Dazu bedarf es sowohl der Sensibilisierung als auch der Reflexion des eigenen Verhaltens. Erst dann können die kritischen Momente und Stellen erkannt werden, in denen Menschen Objekt von Vorurteilen, Ausgrenzung und Diskriminierung werden.

Stand: 11.10.2011


1 Immanuel Kant´s Werke, Gesamtausgabe in zehn Bänden, Bd. 9, Leipzig 1839, S. 328.
2 http://www.zeit.de/wissen/2010-08/genetik-sarrazin
3 Im Jahr 2010 wurden nach offiziellen Angaben 285 fremdenfeindliche Gewalttaten mit rechtsextremem Hintergrund verübt. Vgl. Bundesministerium des Innern (Hrsg.): Verfassungsschutzbericht 2010 – Vorabfassung, S.29. 4 Internationales Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Rassendiskriminierung
5  Hendrik Cremer: Was ist eigentlich Rassismus, in: Tangram 27 (6/2011), S. 101-104, hier S. 103.
6  IDA (Hrsg.): Was heißt eigentlich Rassismus?
7  Antidiskriminierungsstelle des Bundes: Diskriminierung im Alltag. Wahrnehmung von Diskriminierung und Antidiskriminierungspolitik in unserer Gesellschaft, Heidelberg 2008, S. 60. Grundgesamtheit der Studie ist die deutschsprachige Wohnbevölkerung ab 18 Jahren.
8  Ebd. S. 60.
9  Ebd. S. 60
10  Europäische Kommission: Diskriminierung in der Europäischen Union, Brüssel 2007, S. 72.
11 Institut für interdisziplinäre Gewalt- und Konfliktforschung, Universität Bielefeld:
http://www.uni-bielefeld.de/ikg/gmf/menschenfeindlichkeit.html
12 http://www.abendblatt.de/vermischtes/article1751566/Unbekannter-veruebtB...
13 Vgl. Anne Broden: Normalität des Rassismus. Messen mit zweierlei Maß, in: IDA-NRW (Hrsg.): Tagungsdokumentation des Fachgesprächs zur Normalität und Alltäglichkeit des Rassismus, S. 17-26, hier S. 24.

 
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