Herzlich willkommen – wer immer Du bist. - Anforderungen und Erwartungen aus muslimischer Sicht

 
Nurhan Soykan

»Herzlich Willkommen – wer immer Du bist.« – so lautet das Motto der Interkulturellen Woche, zu der die Kirchen alljährlich bundesweit aufrufen. Der Zentralrat der Muslime in Deutschland unterstützt diese Initiative seit Jahren. Es ist erfreulich zu sehen, mit welchem Engagement sich Kirchengemeinden, Kommunen, Verbände und Initiativen alljährlich zusammenschließen und aktiv gegen Rassismus und Ausgrenzung eintreten. Allzu oft wird in unserer Gesellschaft nur das Trennende formuliert, so zum Beispiel gerade im christlich-muslimischen Dialog. Jede Religion hat ihre Eigenheiten, jede Religion hat ihre Identität, die das Fundament bildet, auf der sie nach außen tritt. Bei allem, was Menschen im Glauben voneinander trennt: Statt das Divergierende zu sehen, sollten wir stärker das Gemeinsame erkennen.

Die Muslime glauben, dass die Verschiedenartigkeit und bunte Vielfalt der Menschen ein Zeichen Gottes ist. Die Menschen sind verschieden, damit sie einander kennen lernen mögen, sich gegenseitig austauschen und einen Dialog auf Augenhöhe führen. Maßstab und Bewertung aller Menschen ist also nicht ihre kulturelle, religiöse, soziale, nationale oder sonstige Zugehörigkeit, sondern ihre Rechtschaffenheit, so steht es jedenfalls im Heiligen Koran in Vers 13 (Sura 49).

Zu wenige von uns haben in der Vergangenheit hierzulande hingeschaut, verstanden und empfunden, dass die rassistischen Übergriffe auf andersgläubige Menschen, Moschee- und Synagogen-Attentate, Anschläge auf türkische Wohn- und Geschäftsstraßen nur die Spitze eines Eisberges sind. Ein Eisberg, der überdies in den letzten Jahren wuchs und mit ihm das fehlende Bewusstsein, dies gehe »mich nichts an« oder »dies sei alles nicht so schlimm«. Diese Anschläge richten sich im Grunde genommen gegen unsere gesamte Gesellschaft.

Albert Einstein hat einmal gesagt: »Die Welt ist viel zu gefährlich, um darin zu leben – nicht wegen der Menschen, die Böses tun, sondern wegen der Menschen, die daneben stehen und sie gewähren lassen«.

Und dass der Rassismus – der Naziterror ist nur eine furchtbare und extreme Form dieser Menschheits-Geißel – sich wie ein Virus in unsere Gesellschaft hineinfrisst und zunimmt, das belegen seit Jahren die Statistiken. Davor warnen seit geraumer Zeit namhafte Persönlichkeiten und wissenschaftliche Studien in unserem Land. Niemand darf und kann heute behaupten, dass dies alles überraschend passiert sei.

Wir brauchen jetzt die Stimmen der Kirchen, der Christinnen und Christen, aber auch aller Menschen guten Willens, Bürgerinnen und Bürger mit humanistischer Gestaltungkraft, die die Stimme der Solidarität, des Für-einander-Einstehens, des Mitgefühls für den Fremden, für den Nachbarn, für seine Mitbürgerin deutlich erheben. Unsere Gesellschaft braucht solche Visionen, die zu gestalterischer Kraft gedeihen und die schließlich unserem Land zum Besseren, zum Wohle verhelfen.

Denn fehlendes Verantwortungs- und Mitgefühl, ein sich immer stärker ausbreitender Egoismus, der zunehmend die Werte wie die Nächstenliebe, Hilfsbereitschaft und Empathie für den Schwächeren verdrängt, zerstört unsere Gesellschaft von innen heraus.

Jesus, der im Islam einen Ehrenplatz hat, wie auch der Prophet Mohammad und alle anderen Propheten – Friede sei auf ihnen allen – sind gekommen, den Frieden in der Gemeinschaft wieder herzustellen. Und so sollte auch unser Wetteifern dem Frieden mit Gott, mit unseren Mitmenschen und mit uns selber gelten.

Jesus – Friede sei auf ihm – würde uns heute raten, alle Anstrengungen zu unternehmen, damit wahre Gerechtigkeit geschieht, wo jeder Bürger eine echte und auch zweite Chance bekommt, er würde uns Barmherzigkeit vorleben, bis dass sich jeder wieder in der Obhut seiner Gesellschaft fühlt und er würde auch die Freiheit meinen, die im Stande ist, sich von den Fesseln materieller Abhängigkeiten zu befreien.

Wir brauchen jetzt mehr denn je ein stabiles politisches Berlin, damit unsere Gesellschaft nicht weiter auseinander driftet. Wir brauchen auch selbstbewusste Christen, die ihre Botschaft deutlicher als bisher den Menschen verstehbar machen und erklären, die sich für den Andersdenkenden und Andersaussehenden einsetzen und der Entsolidarisierung unserer Gesellschaft beherzt entgegen stellen.

»Herzlich willkommen – wer immer Du bist.«: Dieses Motto ist auch eine Einladung an uns Muslime. Viele Menschen muslimischen Glaubens, viele Menschen mit einer Migrationsbiographie, sind enttäuscht und irritiert über die mangelnde Bereitschaft der Gesellschaft in Deutschland, dauerhaft und nachhaltig gegen Rassismus vorzugehen. Viele ziehen sich zurück und geben es auf, auf andere zuzugehen und für eine Gesellschaft in Vielfalt zu werben. Der Zentralrat der Muslime ermutigt deshalb Muslime in Deutschland, sich aktiv an der Interkulturellen Woche zu beteiligen, z.B. auch über den vor Jahren von ihm ins Leben gerufenen Tag der Offenen Moschee. Öffnen wir im Rahmen der Interkulturellen Woche unsere Moscheen. Laden wir Christen zu Gesprächen ein und versuchen mit ihnen das Gemeinsame und nicht das Trennende hervorzuheben. Der Tag der offenen Moschee am 3. Oktober ist ein deutliches Signal, das immer mehr aufgegriffen wird. Es ist zugleich der Abschluss vieler Aktivitäten zur Interkulturellen Woche vor Ort.

 
Materialheft:
Gliederung 2012
Autorin:
Nurhan Soykan
Weitere Informationen:

Nurhan Soykan ist Generalsekretärin des Zentralrats der Muslime in Deutschland und war Mitglied im Ökumenischen Vorbereitungsausschuss.

Kontakt:
nurhan.soykan@zentralrat.de