Fachtage zum Thema Rechtsextremismus

 
ein Erfahrungsbericht aus dem Deutschen Caritasverband

Seit Monaten ist das Thema Rechtsextremismus in aller Munde. Politik, Medien und Sicherheitskräfte bemühen sich, Licht ins Dunkel um die Mordserie der rechtsextremen Terrorzelle zu bringen. Von allen Seiten wird über Strategien und Möglichkeiten der Prävention diskutiert.

Zuvor wurden die Gefahren des Rechtsextremismus lange Zeit eher verharmlost. Die aktuelle Diskussion sollte nun eine flächendeckende Auseinandersetzung mit diesem Thema einleiten – vor Ort besteht häufig erheblicher Sensibilisierungs- und Fortbildungsbedarf.

Rechtsextremismus ist nur scheinbar weit weg. In allen Bundesländern sind rechtsextreme Aufmärsche und Gewalttaten zu beklagen. Verlässt man den Bereich des organisierten Rechtsextremismus und wendet sich rassistischen Äußerungen zu, wird diese allgemeine Betroffenheit noch deutlicher: Oftmals geäußerte Sätze wie »Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg« knüpfen direkt an die Parolen der Rechtsextremisten an.

Hier gilt es anzusetzen – dies bestätigt auch der Blick auf ein Projekt beim Deutschen Caritasverband, das ein verbindliches Problembewusstsein für Rassismus und Rechtsextremismus entwickeln soll: Großes Interesse besteht dann, wenn Anknüpfungspunkte an die tägliche Arbeit aufgezeigt werden. Dies ist eine erste Erkenntnis – weitere Erfahrungen, die in Workshops und Fachtagen mit Fachkräften der Kinder- und Jugendhilfe gemacht wurden, sollen im Folgenden skizziert werden:

Über Symbole, Codes und Erscheinungsformen informieren

Der »Klassiker« bei Fortbildungen zum Thema Rechtsextremismus ist die Auseinandersetzung mit Symbolen und Codes der Szene. Hier taucht die unvermeidliche 18 (steht für Adolf Hitler) auf – vielen Teilnehmern bieten sich aber auch neue Erkenntnisse: Der »Stiefelnazi« mit Glatze und Bomberjacke ist ein fast verschwundenes Relikt der 90er Jahre und die Kleidermarke Lonsdale unterstützt antirassistische Projekte. Stattdessen nennen sich Rechtsextremisten inzwischen »Autonome Nationalisten« und schrecken auch vor »linker Symbolik« nicht zurück.

Fazit: Die Zuordnung ist schwieriger geworden – mit den längst überholten Erkenntnissen des vorvergangenen Jahrzehnts kommt man nicht mehr weit.

Modernisierungstendenzen aufzeigen

Warum kam es zu jenen Veränderungen? Auch darauf sollte in Veranstaltungen eingegangen werden. Um weitere Teile der Bevölkerung anzusprechen, wurde der Versuch gestartet, die Attraktivität der Szene zu steigern. Dies erfolgt durch die beschriebene Modernisierung des Erscheinungsbildes, außerdem agieren Rechtsextremisten unter dem Deckmantel des »Kümmerers« und verbinden scheinbar soziales Engagement wie Kinderfeste oder Beratungsangebote mit altbekannten Parolen. Vielen ist diese Facette des Rechtsextremismus unbekannt – ebenso wie die Bemühungen der Rechtsextremisten im Web 2.0 Fuß zu fassen.

Fazit: Auch die Ewiggestrigen modernisieren ihre Strategien (nicht Inhalte!) – gerade deren vermeintlich soziales Engagement ruft oftmals Unsicherheit hervor.

Rassismus in der gesellschaftlichen Mitte problematisieren

Die Zahl derer, die menschenverachtende Positionen befürworten, übersteigt die Zahl der offenen Rechtsextremisten um ein Vielfaches. Hier ist große Vorsicht geboten. Immer wieder muss darauf hingewiesen werden, dass auch scheinbar alltägliche Stammtischparolen das friedliche und solidarische Miteinander gefährden und den Rechtsextremismus mit der gesellschaftlichen Mitte verbinden. Gerade rassistische Parolen finden hohe Zustimmungswerte.

Fazit: Die kritische Auseinandersetzung mit Vorurteilen ist ein wichtiger Bestandteil eines Workshops – zeigt sich hier doch die Verantwortung jedes Einzelnen.

Aktionsmöglichkeiten und Gegenstrategien erarbeiten

Neben gezielten Informationen erwarten die Teilnehmer von einem Fachtag meist ganz konkrete Hinweise: einen »Werkzeugkoffer« mit unterschiedlichen Methoden sowie praktische Impulse. Spätestens am Ende des Tages sollten die Teilnehmer daher Gelegenheit erhalten, eigene Konzepte und Strategien gegen Rechtsextremismus zu erarbeiten und zu diskutieren. Erfahrungsgemäß werden an dieser Stelle neben öffentlichkeitswirksamen Aktionen, wie beispielsweise der Teilnahme an Demonstrationen, vor allem präventive Ansätze genannt. In Anlehnung an bewährte Projekte und Methoden lassen sich positive Werte wie Respekt und Demokratie vermitteln. Auf diese Weise kann es gelingen, Menschen gegen einfache Parolen von rechts stark zu machen.

Fazit: Entscheidend ist, dass von einem Fachtag konkrete Einflüsse auf die Praxis ausgehen – dies erreicht man nur durch eine Aktivierung der Teilnehmer.

Ein abschließender Hinweis:

Für Veranstaltungen und Workshops zum Thema Rechtsextremismus findet man in allen Bundesländern – etwa über die Beratungsnetzwerke des Bundesprogramms – fach- und methodenkompetente Referentinnen und Referenten. Bisweilen werden Honorarkosten gar über staatliche Förderprojekte finanziert – nutzen Sie diese Angebote!

 
Materialheft:
Gliederung 2012
Schlagworte:
Autor:
Raphael Bolay
Weitere Informationen:

Kontakt:
Raphael Bolay
Deutscher Caritasverband e.V.
Projekt – »Caritas aktiv für Respekt und Demokratie – gegen Rechtsextremismus«
Referat Kinder- und Jugendhilfe
Karlstr. 40
79104 Freiburg i. Br.  
raphael.bolay@caritas.de