Ein »Zeitungeist« gegen die Schwachen

 
© Torsten Born/Pixelio

Deutschland ist ein Sozialstaat. Ein sicherlich nicht vollständiges, im Verhältnis zu den meisten anderen Ländern der Welt aber doch gut ausgebautes System staatlicher Zuwendungen sorgt dafür, dass den ärgsten Auswüchsen von Armut begegnet werden kann. Vermeidbare Missstände wie Hunger, Wohnraummangel und mangelnde medizinische Grundversorgung stellen einen Verstoß gegen den Grundsatz der Menschenwürde dar. Gewiss und unbestritten: Soziale Hilfe ist und soll stets subsidiär bleiben. Wer sich selbst ernähren und versorgen kann, muss es auch tun. Wo Hilfe aber nötig ist, muss sie geleistet werden. Diese Menschenwürde unterscheidet übrigens auch nicht zwischen ethnischer Herkunft, Geschlecht, Alter oder religiösem Glauben. Sie gilt für alle Menschen gleichermaßen.

Ist also hierzulande alles in bester Ordnung? Leider nicht. Ein zunehmend dominierender Zeitgeist – das Wort »Zeitungeist« wäre wohl angebrachter – trennt sich von dem Fürsorgegebot zu Gunsten einer kalten, menschenverachtenden Haltung, die dem Schwachen die Schuld für seine eigene Schwäche gibt. Da wird jeder Hartz-IV-Empfänger zum Schmarotzer, jedes Kind, das in der Schule nicht mithalten kann, zum Dummen. Solche Ressentiments richten sich häufig gegen Migranten, wobei das Wort »Migrant« inzwischen oftmals einen deutlich rassistischen Unterton hat. Ein »Migrant« – das ist im Sprachgebrauch der Menschenverächter fast schon gleichbedeutend diskriminierend gemeint wie »Türke«, »Araber«, »Russe«, »Schwarzafrikaner« oder »Moslem«, also ein abwertender Begriff für all diejenigen, die nicht in das gewohnte Bild der Mehrheitsgesellschaft passen. Von dem Vorurteil betroffen sind aber auch »echte« Deutsche, die das vermeintliche »Schandmal« der sozialen Schwäche tragen. Die alleinerziehende Mutter, die ihre Kinder selbst mit staatlichen Beihilfen nur mühsam über die Runden bringt, der Behinderte, der bei der Arbeitssuche auf eine Mauer der Ablehnung stößt, der Rentner, der sich nach mehr als 40 Jahren Beschäftigung und nun auf Grundsicherung angewiesen, überlegen muss, ob er sich sonntags Kaffee und Kuchen leisten kann. Allesamt sind sie »faul, unmotiviert und eben selber Schuld«. So werden die »Migranten« und eine bedrohlich an die Wand gemalte »bildungsferne Unterschicht« der Deutschen – so hat sie etwa Thilo Sarrazin in seinem populistischen Buch »Deutschland schafft sich ab« bezeichnet – zur Gefahr für den Wohlstand, für die braven und fleißigen Bürger erklärt, die arbeiten, Steuern zahlen und niemandem auf der Tasche liegen.

In Wirklichkeit aber ist es genau dieser Ungeist, der unsere Gesellschaft bedroht. Gewiss: Sowohl bei der Integration von Zuwanderern als auch im Bildungswesen gibt es seit Jahren erhebliche Probleme. Sie müssen systematisch angegangen werden. Und da zeigt die Politik seit vielen Jahren eine Besorgnis erregende Unfähigkeit längst bekannte Lösungswege anzugehen. Führungsstärke sieht anders aus!

Durch diese Versäumnisse sind viele der heute beklagten Probleme mindestens mit verursacht worden. Gewiss: der kleinen Minderheit von Sozialbetrügern, die das Sozialsystem missbrauchen und dadurch die wirklich Schwachen in Misskredit bringen, muss das Handwerk gelegt werden. Deswegen darf aber das Sozialsystem nicht abgeschafft oder die ohnehin Schwachen auch noch zu Rechtlosen werden. Gewiss: Eltern haben nicht das Recht, ihren Kindern eine angemessene Erziehung vorzuenthalten, die ihnen ein eigenständiges und eigenverantwortliches Leben ermöglicht. Aber es ist Aufgabe des Staates die Eltern zur eigenverantwortlichen Erziehung erst zu befähigen, statt sie zunehmend zu bevormunden. Unsere gesamte Gesellschaft, unser Wohlstand und unser Lebensstil fußen auf einer bejahenden Einstellung zur Erwerbstätigkeit. Nicht umsonst und zu Recht wird gerade in Gewerkschaftskreisen oft von einem Recht auf Arbeit gesprochen. Dazu gehört aber längst auch ein gerechter Mindestlohn.

Nur, und das ist nichts Neues: Mit Menschenverachtung und Stigmatisierung werden wir das Problem nur schlimmer machen. Wir dürfen nicht zulassen, dass Teile unserer Gesellschaft ausgegrenzt und zurückgelassen werden. Wir müssen mit den vermeintlich Schwächeren in unserer Gesellschaft in einen echten Dialog auf Augenhöhe treten und mit ihnen gemeinsam einen Weg aus unserer Krise entwickeln, statt sie zu bevormunden. Sie verdienen den gleichen Respekt, mit dem wir dem erfolgreichen Unternehmer, dem Arzt oder Universitätsprofessor begegnen würden. Am Umgang mit den Schwächsten einer Gesellschaft misst sich bekanntlich erst der wahre Zivilisationsgrad einer Kultur. Hierbei ist nicht nur die große Politik gefordert, sondern auch die Religionsgemeinschaften, die Wirtschaft, die Gewerkschaften, die Kommunen und andere Einrichtungen des öffentlichen Lebens. Es ist aber auch jeder Einzelne von uns in seinem persönlichen Lebensbereich gefordert. Mag mitmenschlicher Umgang und Solidarität allein die Herausforderungen unserer Gesellschaft nicht lösen, so stellt er doch eine Voraussetzung dafür dar. Man muss wahrlich kein Tora-Gelehrter sein, um das im 3. Buch Mose enthaltene Geboteinzuhalten: »We-ahawta le-Ra’echa kamocha«. Zu Deutsch: Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst.

 
Materialheft:
Gliederung 2012
Autor:
Stephan J. Kramer
Weitere Informationen:

Dieser Beitrag wurde der Publikation »Forum Migration, November 2011« entnommen.

Stephan J. Kramer ist Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland K.d.ö.R

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