Der Gott der anderen

 
Dr. Ursula Schoen. Foto: Ilona Surrey

Frankfurt-Rödelheim in der Weihnachtszeit: In der Cyriakuskirche, der Kirche auf der Insel, gab es eine Krippenausstellung. Von Taschenformaten bis zu lebensgroßen Figuren, von Papier und Pappe bis zu wertvollen tropischen Hölzern reichte die Bandbreite der dort ausgestellten Kunstwerke. Am meisten überraschte eine Krippe aus Grönland, bei der die heilige Familie in echten Fellen gekleidet war. Die Geburt Jesu ist nicht nur eine stimmungsvolle deutsche Weihnachtsfeier, dies zeigte die Ausstellung, sie wirkt in alle Kontinente und Kulturen hinein und in ihnen weiter. Und so standen in der Cyriakuskirche ein schwarzes Kind in der Krippe neben dem uns vertrauten »holden Knaben« von zarter Blässe und seiner Mutter Maria, der schönen Frau im blauen edel fallenden Mantel.

Jede einzelne dieser Darstellungen vermittelte auf ihre Weise die Botschaft: Unser Gott ist kein ferner Gott! Die Eingangsworte aus dem Johannesevangelium »Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns …« (Joh 1,14) haben sich bewahrheitet. In Jesus Christus hat Gott in dieser Welt menschliche Gestalt angenommen und ist uns nahe gekommen. Er teilt unseren je eigenen Alltag, den der Armen und Schutzlosen – wie an einer aus wenigen Holzstücken roh gebastelten Krippe zum Ausdruck kam – und den Alltag von denen, die tüchtig und tätig sind, wie die provenzalische Dorfgemeinschaft mit unterschiedlichen Berufsgruppen zeigte.

Die Frage, was christlicher Glauben eigentlich ist, und wodurch er ausgedrückt werden kann, lässt sich von den politischen und sozialen Realitäten eines Landes, von den kulturellen Traditionen, die Menschen verbinden, oft nur schwer lösen. Die Kirchen der »Weißen« in Südafrika etwa waren auf Grund der Apartheid lange Zeit von denen der »Schwarzen« streng getrennt. – Ohne das andächtig gesungene Lied »Oh, du fröhliche …« fehlt Deutschen etwas im Weihnachtsgottesdienst. Ohne Singen, Lachen und Klatschen ist für viele afrikanische Christen ein Gottesdienst wiederum kein überzeugendes Gotteslob.

In der Geschichte der christlichen Mission wurde die Vermittlung des Glaubens mit der Vermittlung westlicher Zivilisation gleichgesetzt. So führten Missionare in den neu gegründeten Gemeinden in Namibia Kleidung europäischen Stils ein, andere verboten die Trommeln im Gottesdienst. Die sogenannten »Missionskirchen«, die jungen Kirchen aus Afrika oder Asien, waren selten auf internationalen ökumenischen Konferenzen vertreten, ihre Pfarrer wurden in Europa ausgebildet und die Gemeinden von Europa aus durch die Missionswerke geleitet. Erst in der Folge des Zweiten Weltkriegs setzte sich langsam die Einsicht durch, dass der christliche Glauben viele Gravitationszentren in der Welt hat, von Basisgemeinden in Südamerika über die Insel Ajona, auf der schottische Mönche leben.

Vielen kennen noch die Zeit, in der der einzige Unterschiede zwischen den christlichen Gemeinden in Frankfurt in der Frage des Bekenntnisses lag: römisch-katholisch oder evangelisch? Heute entdecken wir die Vielfalt der christlichen Glaubens- und Lebensformen wieder. Nicht allein die Sprache und Herkunft sind anders. Auch zentrale theologische Fragen, wie die Rolle des Gebetes, die Akzeptanz von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften oder die Frage nach der Existenz des Bösen in der Welt werden sehr unterschiedlich bewertet. Dies löst Ängste vor dem »Fremden« und Ungewohnten in vielen aus. Christlicher Glauben entlässt uns jedoch nicht daraus, die eigenen Lebens- und Glaubensformen zu hinterfragen und ein faires und achtungsvolles Miteinander von Christinnen und Christen in dieser Stadt zu gestalten. So sind wir alle herausgefordert, nach Wegen der Begegnung und des Dialoges zu suchen. Denn Gott ist nicht nur »unser Gott«, sondern immer auch der »Gott der anderen«.

Aus: www.evangelischesfrankfurt.de

 
Materialheft:
Gliederung 2012
Autorin:
Dr. Ursula Schoen
Weitere Informationen:

Dr. Ursula Schoen ist Dekanin im Dekanat Frankfurt-Mitte/Ost.

Kontakt:
Dekanin
Pfarrerin Dr. Ursula Schoen
us@ev-dekanat-ffm.de