»Willkommenskultur« als Element der Integrationspolitik

 
Stefan Schohe, Bischof Norbert Trelle, Heinrich Alt und Horst Föster (v.l.n.r) bei der bundesweiten Vorbereitungstagung zur Interkulturellen Woche am 10.02.12 im cph in Nürnberg

Die Interkulturelle Woche 2012 greift mit ihrem Motto »Herzlich willkommen – wer immer Du bist.« in bewusst plakativer Weise die Diskussion um die Notwendigkeit einer »Willkommenskultur« als Element der Integrationspolitik auf. Es setzt einen Akzent in der gesellschaftlichen Diskussion um die Gestaltung von Zuwanderung, die gegenwärtig stark auf den Nutzen für unsere Gesellschaft fokussiert ist: beispielsweise um den demographischen Wandel oder den Fachkräftemangel abzumildern. Im politischen Ringen um die Gestaltung von Zuwanderung ist es selbstverständlich völlig legitim, auch die eigenen Interessen im Blick zu haben. Das Motto »Herzlich willkommen – wer immer Du bist.« erinnert uns daran, dass diese Erwägungen nicht die einzigen sein sollten. Wir dürfen beispielsweise auch unsere rechtlichen und moralischen Verpflichtungen im internationalen Flüchtlingsschutz nicht vergessen, die mit unseren wirtschaftlichen Interessen zunächst einmal nichts zu tun haben. Ich möchte bei dieser Gelegenheit auch noch einmal an die Notwendigkeit erinnern, auch denjenigen unter den langjährig Geduldeten, die es unverschuldet nicht geschafft haben, die recht strengen Kriterien der eigenständigen Lebensunterhaltssicherung zu erfüllen, eine Perspektive zu eröffnen. Diese alten, kranken und traumatisierten Menschen »nützen« uns vielleicht nicht im direkten Sinn. Dennoch steht es unserer Gesellschaft, deren Verfassung sich auf die Menschenwürde gründet, gut an, auch ihnen gerecht zu werden. Dass auch weitere Aspekte wie die Auswirkungen von Arbeitsmigration auf die Herkunftsländer zu beachten sind, kann ich hier nur andeuten. Um Missverständnissen vorzubeugen: »Herzlich willkommen – wer immer Du bist.« meint natürlich nicht, dass jeder zuwandern darf und auch nicht, dass er keine eigenen Anstrengungen zur Integration unternehmen soll und muss. Es lenkt aber den Blick zuerst auf die menschliche Person und ihre Würde, bevor die Fähigkeiten, Ausbildungen und Qualifikationen betrachtet werden. Dafür, dass die Interkulturelle Woche diesen Aspekt ins Zentrum rückt, bin ich dankbar.

Die abschließende Podiumsdiskussion widmet sich dem Wandel »vom Ausländerrecht zum Integrationsrecht«. Das Recht ist letztlich Ergebnis gesellschaftlicher und politischer Diskussionen, so dass sich der tiefgreifende Wandel in diesem Gebiet bereits andeutet. Wir alle haben diesen Prozess von der kategorischen Feststellung »Wir sind kein Einwanderungsland!« über den Bericht der »Unabhängigen Kommission Zuwanderung« und die Debatten um das Zuwanderungsgesetz bis hin zu Integrationsgipfeln im Kanzleramt und der Verabschiedung eines Nationalen Integrationsplans – der jetzt sogar »Aktionsplan Integration« heißt – verfolgt und sie auch durch kritische Beiträge begleitet. Ein solcher Wandel hin zu einem pragmatischen und konstruktiven Umgang mit Migration benötigt Zeit; es gibt immer wieder Rückschläge, anhaltende Widerstände und neue Debatten. In Sonntagsreden und bei Gipfeln ist das Thema »Integration« inzwischen unstrittig und etabliert. Kein ernstzunehmender Akteur bezweifelt mehr, dass Deutsche und Zuwanderer gemeinsam eine Gesellschaft aufbauen müssen, dass wir kein Nebeneinander, sondern ein Miteinander brauchen. Wir spüren aber, dass wir noch immer viel Überzeugungsarbeit leisten müssen. Man muss nicht erst durch eine rassistisch motivierte Mordserie daran erinnert werden, dass unter der Oberfläche Ressentiments und Vorurteile auf allen Seiten noch lange nicht beseitigt sind. Ich will hier nur exemplarisch zwei augenfällige Beispiele nennen.

Erstens: Die Beobachtung von Jugendlichen mit ausländisch klingenden Namen, sie hätten bei gleicher Leistung größere Schwierigkeiten, in Bewerbungsverfahren erfolgreich zu sein, ist inzwischen auch sozialwissenschaftlich bestätigt. Wie wenig selbstverständlich zweitens oft das Zusammenleben mit Muslimen immer noch ist, zeigt nicht nur die zuweilen schrille Tonlage der Debatten um die Thesen Thilo Sarrazins oder die Feststellung von Christian Wulff, der Islam gehöre inzwischen auch zu Deutschland. Wie wir öffentlich über diese Themen debattieren, gehört meines Erachtens auch zu einer Willkommenskultur.

Es ist daher gut und richtig, dass die »Interkulturelle Woche« auch weiterhin als Medium der Begegnung, der Integration und der Diskussion wirkt. Sie leistet dadurch einen wichtigen Beitrag zu einem gelingenden Zusammenleben von Einheimischen und Zuwanderern.

Dieser Beitrag wurde bei der bundesweiten Vorbereitungstagung zur Interkulturellen Woche am 10. Februar 2012 im Caritas-Pirckheimer-Haus in Nürnberg gehalten.

 
Materialheft:
Gliederung 2012
Autor:
Bischof Norbert Trelle
Weitere Informationen:

Bischof Norbert Trelle ist Bischof von Hildesheim und Vorsitzender der Migrationskommission der Deutschen Bischofskonferenz.

Kontakt:
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