Herzlich willkommen – wer immer Du bist.

 
Gedanken, Fragen und Anregungen zur Entfaltung des Mottos zur Interkulturellen Woche 2012

Ende des Jahres 1955 wurde in Rom das deutsch-italienische Abkommen über die Anwerbung italienischer Arbeitskräfte geschlossen. Ab 1960 folgten dann weitere Anwerbeabkommen mit Spanien und Griechenland sowie mit der Türkei im Jahr 1961. Bis 1968 kamen noch Marokko, Portugal, Tunesien und Jugoslawien dazu. Trotzdem hat es fast ein halbes Jahrhundert gedauert, bis sich in der hiesigen Diskussion die Erkenntnis durchsetzte: Deutschland ist ein Einwanderungsland.

Der Ökumenische Vorbereitungsausschuss (ÖVA) ruft nun zur Interkulturellen Woche im Jahr 2012 das Motto aus: »Herzlich willkommen – wer immer Du bist.« Warum? Wer soll willkommen geheißen werden?

Ist denen, die die Interkulturelle Woche initiieren, nicht bewusst, dass mittlerweile von den rund 82 Millionen Einwohnern Deutschlands knapp 16 Millionen Menschen eine so genannte Migrationsbiographie haben? In Deutschland leben die Kinder und Kindeskinder einstiger Einwanderer und mittlerweile die vierte Generation. Sollen sie als Adressaten herhalten? »Willkommen« ist eine Begrüßung für neu Dazukommende. Also ein absurdes Motto, das völlig an der Realität vorbeigeht?

Ziel des ÖVA ist es, eine Auseinandersetzung über die gesellschaftliche Realität in Deutschland anzustoßen: in Großstädten mit hohem Migrationsanteil, in ländlichen Gegenden, in Städten, in denen weniger Migranten und Flüchtlinge leben. Je nach der Situation vor Ort kann das Motto unterschiedlich ausgelegt und in konkrete Handlungsschritte umgesetzt werden.

Gerade in den Städten ist die Alltagserfahrung nicht selten: Jeder lebt im eigenen angestammten Milieu, im gewohnten religiösen und/oder politischen Kontext oder sozialen und altersbedingten Umfeld. Die Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen gibt Halt und Orientierung in einer immer komplexer werdenden Welt. Wenn daraus allerdings verschlossene Milieus werden, die sich voneinander abgrenzen und apart nebeneinander her leben, dann ist der Zusammenhalt, dann ist die Integration der Gesellschaft gefährdet.

Eine andere Frage: Wie steht es um die Mitwirkungs- und Teilhabemöglichkeiten von Eingewanderten bei der Gestaltung der Gesellschaft? Hier geht es nicht nur um das aktive und passive Wahlrecht, sondern um alle Bereiche der Teilhabe. Mangel an Beteiligung herrscht auf den Entscheidungsebenen: So sind z.B. in den meisten Stadträten Migrantinnen und Migranten deutlich unterrepräsentiert.

Der Ökumenische Vorbereitungsausschuss möchte den Blick für diese und andere immer noch existierenden innergesellschaftlichen Grenzen, Hürden und Schranken schärfen und dies in den Mittelpunkt der Interkulturellen Woche 2012 stellen. Eine Gesellschaft, die zunehmend in Segmente zerfällt, muss sich den Fragen stellen: Wie wollen wir zusammenleben? Was sind unsere gemeinsamen und für alle verbindlichen Werte? Wie zu den Gemeinsamkeiten finden trotz Vielfalt und Ungleichheit? Was gefährdet und was sichert die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft?

Eine Grundvoraussetzung ist Offenheit, die Bereitschaft, miteinander in Kontakt zu treten, die Neugier auf andere Menschen. Wir erleben heute ein hohes Maß an Mobilität und Dynamik. Nur wenige bleiben ihr ganzes Leben an einem bestimmten Ort. Immer wieder kommen Menschen hinzu, andere verlassen uns. Sie alle müssen sich in einer neuen Umgebung zurechtfinden. Immer wieder gilt es, neu Hinzukommende einzubinden und gemeinsam Perspektiven zu entwickeln: sei es im Kindergarten, beim Wechsel der Schulstufen, dem Eintritt ins Berufsleben, nach einem Umzug oder dem Antritt einer neuen Arbeitsstelle. Begegnen wir unbekannten Menschen tatsächlich mit Offenheit und Neugier oder verharrt jeder in seinem eigenen Biotop, dem eigenen Freundeskreis, der eigenen Religionsgemeinschaft? Der ÖVA ruft dazu auf, die sozialen Schnittstellen in den Blick zu nehmen und gemeinsam eine Alltagskultur zu entwickeln, die Offenheit und Vielfalt ermöglicht und willkommen heißt.

»Herzlich willkommen – wer immer Du bist.« Dieses Motto ist für manche – vielleicht sogar für eine Mehrheit in unserer Gesellschaft – eine Provokation. Rassismus und Rechtsextremismus sind stark verbreitet und in allen Schichten und Milieus vorhanden. Sie machen nicht halt vor den Mitgliedern der christlichen Kirchen, wie neuere Untersuchungen feststellen mussten. Rechtsterrorismus ist staatlich zu sanktionieren. Rechtsextremismus allerdings kann nicht allein mit den Instrumenten des Strafrechts begegnet werden. Die gesamte Gesellschaft muss sich klar positionieren: rassistischen Stimmungen ist unmissverständlich entgegenzutreten, statt sie schweigend hinzunehmen und damit zu legitimieren. Die Interkulturelle Woche bietet Ermutigung, Gelegenheit und Platz, sich intensiv mit rassistischen Denkmustern und Vorurteilen, von denen die allerwenigsten frei sind, auseinanderzusetzen. Dies kann nur Erfolg versprechen im Kontakt mit anderen Menschen, in einer von Offenheit geprägten Haltung. Die Interkulturelle Woche bietet auch immer wieder die Möglichkeit, den Opfern von Rassismus und Rechtsextremismus öffentliche Aufmerksamkeit zu verschaffen, ihnen zuzuhören und gemeinsam mit ihnen Wege zu finden aus dem Teufelskreis von Vorurteilen und Rassismus. Die Interkulturelle Woche bietet die Chance, die Sicht der Betroffenen in den Mittelpunkt zu stellen und öffentlich zu machen.

»Herzlich willkommen – wer immer uns nützt!« Das ist die Alltagserfahrung vieler Menschen in Deutschland. Rund 75.000 Menschen, die selbst oder deren Eltern als Asylsuchende nach Deutschland einreisten, leben seit vielen Jahren ohne eine Aufenthaltsperspektive. Mehrere Bleiberechtsregelungen haben das Grundproblem nicht gelöst und eine Chance auf einen Daueraufenthalt haben nur diejenigen, die ihren eigenen Lebensunterhalt sichern können. Wer vermeintlich wenig nützt, ist nicht willkommen und profitiert folglich auch nicht von den gängigen Bleiberechtsregelungen: z.B. Alleinerziehende, Kranke und Behinderte hatten in der Vergangenheit nur geringe Chancen von den Bleiberechtsregelungen zu profitieren.

»Herzlich willkommen – wer immer uns nützt!« Das könnte auch das Motto der neuen Einwanderungsdebatte sein, die in mancher Hinsicht an die alte Gastarbeiteranwerbung erinnert. Angesichts des demographischen Wandels und des sich abzeichnenden Fachkräftemangels werden die Stimmen aus Wirtschaft und Industrie lauter, weltweit um qualifizierte Arbeitskräfte zu werben. Dazu bedarf es weitergehender Instrumente als der neuen »blue-card-Regelung« mit der Absenkung der Einkommensgrenzen, die erzielt werden müssen, um in Deutschland eine Aufenthaltserlaubnis zu bekommen.

Deutschland wird, wie auch andere Staaten Europas, über eine geregelte Migrationspolitik nachdenken müssen. Darf sie sich aber einzig und allein an den Nützlichkeitskriterien und Interessen der Aufnahmeländer orientieren? Das ist eine sehr ernst zu nehmende Frage an das politisch diskutierte Konzept einer »zirkulären Migration«. Es geht davon aus, dass nach einem festzulegenden Zeitraum Zugewanderte wieder zurückkehren müssen, mit der Begründung, sie sollten dann ihren Herkunftsländern weiter nützlich sein.
»Herzlich Willkommen – wer immer Du bist.« Das Motto der Interkulturellen Woche 2012 regt dazu an, nachzufragen und vielleicht auch Antworten zu finden: Wie ist Migration zu gestalten? Kann Migration vor allem am Eigennutz orientiert gesteuert werden? Wird die Vielfalt gelebt, die den Grundwerten des Grundgesetzes entspricht?

Die Bundesrepublik Deutschland steht vor einer zukunftsweisenden Entscheidung. Führungspersönlichkeiten in Politik und Wirtschaft ist bewusst: Zu einer gestaltenden Migrationspolitik gibt es realistischer Weise keine Alternative. Attraktiv wird Deutschland jedoch nur, wenn es sich zu einem weltoffenen Land entwickelt und sich transnationaler Solidarität verpflichtet weiß. Dazu gehört die humanitäre Verpflichtung, es Flüchtlingen nicht unmöglich zu machen, Europa zu erreichen. Zur internationalen Solidarität gehört auch, dass Deutschland sich angemessen an der Flüchtlingsaufnahme beteiligt.

»Herzlich willkommen – wer immer Du bist.« Mit diesem Motto der Interkulturellen Woche 2012 wird die Frage nach der gemeinsamen Vision gestellt, nach einer Gesellschaft, die Vielfalt anerkennt und ihr gerecht wird.

 
Materialheft:
Gliederung 2012
Autor/innen:
Gabriele Erpenbeck, Andreas Lipsch, Günter Burkhardt, Friederike Ekol
Weitere Informationen:

Gabriele Erpenbeck ist Vorsitzende und Andreas Lipsch ist stellvertretender Vorsitzender des ÖVA. Günter Burkhardt ist Geschäftsführer und Friederike Ekol Mitarbeiterin des ÖVA.

Kontakt:
Ökumenischer Vorbereitungsausschuss zur Interkulturellen Woche
Postfach 16 06 46
60069 Frankfurt am Main
info@interkulturellewoche.de
www.interkulturellewoche.de