»Ich bin auch eine Muslima«

 
Gundhild Seyfert. Foto: Angela von Brill

Ein türkisches Mädchen bekommt eine Panikattacke, als sie mit ihrer Klasse den Dom besichtigt. »Was läuft da falsch?«, fragen sich vier Frauen – und ändern die Welt in Osnabrück.

Es ist ein seltsam faszinierendes und ungewohntes Bild: Eine junge Frau, die ihr Haar und ihren Körper ganz mit schwarzem Tuch bedeckt, steht lächelnd vor einem goldenen christlichen Altar. Im weiten Kirchenraum öffnet sie einladend die Arme. Mit ihrer aufrechten Haltung und ihrer ruhigen Stimme zeigt Dua Zeitun (32), dass sie keine Scheu hat, als Muslima in einer christlichen Kirche zu stehen. Sie ist eine der Frauen, die bei einer christlich-muslimischen Führung Kindern aus Grundschulen in Osnabrück den Dom und eine Moschee zeigen.

Die christlich-muslimischen Dom-Führungen sind ein bislang einzigartiges Projekt. Sie sind der mittlerweile solide fundierte schöpferische Einfall einiger engagierter Frauen im Bistum Osnabrück und die Antwort auf eine Situation, in der zunächst Angst und Abgrenzung herrschten.

Seit Jahren war es ein erklärtes Ziel des Bistums, das religiöse und kulturelle Erbe des spätromanischen St.-Petrus-Doms an Schulklassen zu vermitteln. Aber es gab immer mehr Probleme. Denn in den Grundschulen sind mittlerweile oft ein Drittel der Kinder Muslime. Deren Eltern waren oft misstrauisch, manche verboten ihren Kindern sogar, den Dom zu betreten. Diese Eltern fürchteten um ihre kulturelle Identität. Die Kinder ängstigte und verwirrte dieser Loyalitätskonflikt zwischen Elternhaus und Schule. In der Adventszeit 2008 schließlich brach ein zehnjähriges türkisches Mädchen mitten im Dom in gellendes Schreien aus und beruhigte sich von seiner Panikattacke erst wieder, als es draußen war. Es musste etwas geschehen.

»Wir wussten nicht, was wir tun sollten«, sagt Jessica Löscher, die damals als Studentin der Kunstgeschichte und Pädagogik durch den Dom führte und die Panikattacke miterlebt hatte. Da gab ihr Jutta Gladen, eine Historikerin des Bistums, die Anregung, zu dieser Frage die Abschlussarbeit ihres Studiums zu schreiben. Nach dem Studium vieler Integrationskonzepte erfand Jessica Löscher die christlich-muslimische Dom-Führung. Löschers praktischer Schlüssel, den Jutta Gladen und die Dialogbeauftragte des Bistums, Regina Wildgruber, konzeptionell auch genau so wollen: Kinder entdecken ihre eigene und die andere Religion, indem sie erleben, was sie miteinander verbindet. Unterschiede werden benannt, aber nicht überbetont. Im Kern wichtig: Das Verbindende ist lebendig und wird verkörpert. Christen und Muslime führen gemeinsam durch ihre Gotteshäuser. Damit zerstreuen sie Berührungsängste auf beiden Seiten und öffnen Türen für wirkliche Begegnung.

Keine Spur von Angst.

Der Wind fegt über den weiten Domhof, in Jeans und mit wehendem langen Haar steht Jessica Löscher (28), mittlerweile Museumspädagogin, zusammen mit der in Schwarz gehüllten Dua Zeitun vor dem Dom. Sie empfangen achtzehn Zweitklässler einer Osnabrücker Grundschule und ihre Lehrerin. Da geht eine dunkelhaarige Siebenjährige auf Dua Zeitun zu. »Ich bin auch Muslima!«, sagt das Mädchen und blickt vertrauensvoll zu ihr auf. Mit einem Lächeln gehen sie Seite an Seite in den Dom, das Mädchen hat keine Spur von Angst. Denn eine erwachsene Frau ihrer eigenen Kultur nimmt sie an der Hand, öffnet ihr die Tür zum fremden Gotteshaus und ebnet ihr den Weg zur Begegnung mit der anderen Religion. »Ich wirke durch Präsenz, bevor ich auch nur ein Wort sage«, sagt Dua Zeitun.

In einer Nische des Doms mit dem alten Taufbecken stehen die Kinder dicht gedrängt. Vier von ihnen sind muslimisch, die anderen vierzehn sind evangelisch, katholisch oder konfessionslos. Ohne Unterschied berühren ihre kleinen Hände das mächtige bronzene Becken und betatschen die drei Löwenfüße, auf denen es steht. Wasser, so erläutert Jessica Löscher, gebe es im Dom bei der Taufe und am Eingang als Weihwasser. »Wasser gibt es auch in einer Moschee«, ergänzt dazu Dua Zeitun, es werde ähnlich verwendet wie Weihwasser in der Kirche. »Weiß jemand, wo man sich damit berührt?« Da schnellt der kleine Zeigefinger der forschen Azra Adanir hoch: »Hände, Mund, Nase, Gesicht, Arme bis Ellbogen, über die Haare streichen, zuletzt die Füße.« Die Siebenjährige ist stolz, über ihren Glauben sprechen zu können. Dua Zeitun bestätigt sie: »Ja, das ist eine rituelle Waschung, mit der man sich seelisch aufs Gebet vorbereitet.«

Während der gesamten Dom-Führung spielen sich Jessica Löscher und Dua Zeitun gegenseitig die Bälle zu. Die beiden verstehen sich gut und sind wie Freundinnen – das merken die Kinder. Sie dürfen alles fragen, manches berühren und entdecken. Da gibt es vieles, was sie verbindet: Der goldene Altar ist hier genauso nach Osten ausgerichtet wie die Gebetsnische in der Moschee. Die Kanzel im Dom ist mit Schnitzereien reich verziert, eine Kanzel gibt es auch in der Moschee.

Schokowaffeln für alle.

Ortswechsel. In der Nähe des Hauptbahnhofs, direkt am hektischen innerstädtischen Autoring gelegen, ist in einem schlichten grauen Mietshaus die Ibrahim Al-Khalil Moschee untergebracht. Dua Zeitun ist hier Seelsorgerin, Sozialarbeiterin und engagiert sich besonders für Mädchen und Frauen. Ihr Vater, der gebürtige Syrer Abdul-Jalil Zeitun, ist der Imam der Gemeinde. Kontakt mit Menschen verschiedener Kulturen und religiöser Prägungen ist für die beiden ein Heimspiel. Denn zu dieser Gemeinde gehören Menschen aus achtzig Nationen – aus den arabischen Ländern genauso wie aus Staaten der ehemaligen Sowjetunion, Deutsche ebenso wie Asiaten. Die gemeinsame Sprache in der Moschee ist Deutsch.

Der Imam begrüßt die Kinder herzlich, alle ziehen brav ihre Schuhe aus – und ab geht’s in den Gebetsraum. Leger setzen sich Jessica Löscher und alle Kinder nach ihrem Fußmarsch auf den weichen Teppich vor der Gebetsnische, einige Schüler legen sich ganz entspannt auf den Bauch. »Was ist eine Moschee?«, fragen Vater und Tochter Zeitun. »Eine Kirche!«, tönt es von den Kindern zurück. Nein, da schütteln die beiden den Kopf, damit sind sie nicht einverstanden. »Ein Gotteshaus!«, schlägt ein Kind vor. »Ja, ein Gotteshaus!« Sie nicken und bekräftigen: »Eine Kirche ist ein Gotteshaus, eine Moschee ist ein Gotteshaus, eine Synagoge ist ein Gotteshaus.«

Die Kinder dürfen sich zusammen in die Gebetsnische drücken; einige wagen sogar, ins Mikrofon zu tönen. Daneben steht wohlwollend der Imam und lacht. Als deutlich wird, dass die Kinder für »die fünf Säulen des Islams« an diesem ungewöhnlichen Schulmorgen nicht mehr aufnahmefähig sind, wird das Programm einfach abgekürzt. Alle stürmen eine Treppe höher. Auf einem großen Tisch stehen für sie Saft und Schokowaffeln.

Nur die Menschen zählen.

In den Schulen wird die außergewöhnliche Führung sorgfältig vor- und nachbereitet. In der Unterrichtseinheit »Was glaubst du denn?« fragen sich die Kinder zunächst getrennt im christlichen und muslimischen Religionsunterricht, was sie bereits wissen und was sie noch wissen wollen über die Gläubigen der anderen Religion. Danach besuchen die muslimischen Kinder den christlichen Religionsunterricht. Jedes Mal zeigt sich dabei, dass die Minderheit sehr viel mehr weiß über den Glauben der Mehrheit und die Kinder aus christlichem Elternhaus vergleichsweise wenig wissen über den Islam.

Nach den Führungen äußern sich die christlichen Kinder über die Moschee sehr erstaunt. Sie hatten sie sich so ganz anders vorgestellt, viel prächtiger und mächtiger, ähnlich wie im Fernsehen oder im Urlaub. Tief beeindruckt sind sie vor allem von den Menschen: Sie fühlten sich bei ihnen in der Moschee willkommen.

»Man ist mit einem Lächeln, man ist seelisch dabei«, so erlebt Dua Zeitun die christlich-muslimischen Führungen. Die Kinder erleben eine achtsame, von gegenseitigem Respekt geprägte lebendige Begegnung von Menschen verschiedenen Glaubens. »Wir agieren als Vorbild«, ist sich Jessica Löscher bewusst. Jedes Mal erlebt sie, dass bei diesen – vom Bistum finanzierten – Führungen belastende Ängste abgebaut werden und stattdessen bei den Kindern Freude und Wissbegierde aufkommen. Die Kinder sehen und hören es, sie berühren und schmecken es – der Dom und die Moschee sind in ihrer Stadt. Christen und Muslime gehören für sie einfach dazu.

Aus: Publik-Forum, kritisch – christlich – unabhängig, Oberursel, Ausgabe 7/2011

 
Materialheft:
Gliederung 2012
Autor:
Gunhild Seyfert
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Gunhild Seyfert ist Journalistin und Autorin

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