Auf den Spuren von Verfolgung, Widerstand und Einwanderung rund um die Oranienstrasse

 
Deutsch-türkische Kreuzbergerinnen führen durch ihren Kiez
Cahide Muvafik führt durch den Kiez. Foto: Kamila Zimmermann

»Meine Mutter hatte eine Wohnung im elften Stock. Wenn wir von den Fenstern vorne zu den Fenstern nach hinten liefen, konnten wir an Silvester die Feuerwerke der ganzen Stadt beobachten.« Seit achtzehn Jahren lebt die 35-jähri-ge Cahide Muvafik selbst mit ihrem Mann und ihren beiden Töchtern im Zentrum Kreuzberg, einem Hochhauskomplex am Kottbusser Tor. Die Gegend wurde vom Senat als Quartier mit besonderem Entwicklungsbedarf eingestuft. Aber Cahide Muvafik lebt gerne hier: »Die Nachbarschaft und der Zusammenhalt sind großartig. Irgendwann habe ich begonnen, meine Kinder an Ramadan mit Süßigkeiten zu den Nachbarn zu schicken. Heute bekommen wir im Gegenzug von der deutschen Nachbarin etwas zu Ostern«.

Cahide Muvafik lebt in der zweiten Generation in Berlin, ihre Eltern kamen Ende der sechziger Jahre im Rahmen des Anwerbeabkommens aus der Türkei. Sie hat verschiedene Ausbildungen und Qualifizierungen im sozialen und administrativen Bereich abgeschlossen und holt momentan ihren Mittleren Schulabschluss nach.

Vor zwei Jahren ließ sich Cahide Muvafik vom Diakonischen Werk in Kreuzberg zur Stadtteilmutter ausbilden. Sie berät Familien mit türkischem Hintergrund in Erziehungs- und Bildungsfragen. Im Rahmen dieser Ausbildung nahm sie an einem Seminar zur nationalsozialistischen Geschichte von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste teil. In dieser Seminarreihe wurde schnell deutlich, dass die teilnehmenden Stadtteilmütter mit ihren Migrationsbiografien selber sehr viel zu erzählen und weiterzugeben haben. So entstand bei Aktion Sühnezeichen Friedensdienste die Idee, mit sechs deutsch-türkischen Kreuzbergerinnen eine Führung durch ihre Nachbarschaft zu entwickeln. Dabei sollte es zum einen darum gehen, dass die Frauen sich historische Daten aneignen, die für die Vermittlung der Geschichte Kreuzbergs interessant sind. Zum anderen sollten aber Geschichten der Frauen selbst hervor geholt werden, die sie mit ihrem Stadtteil verbinden.

Die Entwicklung der Führungen ist nun abgeschlossen, sie werden in Kooperation mit dem Kreuzbergmuseum angeboten. Neben Cahide Muvafik sind Yasemin Bülbül, Yildiz Aydin, Kübra Karatafl, Meral Baldede und Tu ba fiahan mit dabei. Sie berichten von den Anfängen der Migration in Kreuzberg, von migrantischer Selbstbestimmung, von der jüdischen Familie Arndt, die in einem Fabrikversteck überlebte, von der ersten Leiser-Schuhfiliale, die zur Nazizeit arisiert wurde, von besetzten Häusern in der Adalbertstraße und vom Bau der neuen Moschee am Görlitzer Bahnhof.

Die individuellen Bezüge der Führungen sind so vielfältig wie die Biografien der Frauen. Die 19-jährige Abiturientin Kübra Karatafl erzählt vom Club SO36, den sie mit ihren Freunden häufig besucht, während Yasemin Bülbül vor dem Nussgeschäft Smyrna verweilt, und berichtet, dass ihre Klassenkameraden sich früher über sie lustig gemacht hätten, wenn sie nach einer Türkeireise Sonnenblumenkerne gegessen hätte. Die Klassenkameraden kannten das nur als Vogelfutter. Yildiz Aydin hingegen erinnert sich, dass ihr Vater am 1. Mai 1987 aufgeregt nach Hause kam. Nach seinem Besuch der Moschee in der Wiener Straße hatte er gesehen, wie der Bolle-Supermarkt bei der 1. Mai-Demonstration geplündert wurde. Der Supermarkt brannte nieder. An seiner Stelle steht heute die neu erbaute große Umar Ibn Al-Khattab-Moschee.

Cahide Muvafik erzählt beim Zentrum Kreuzberg, ihrem Wohnort, von den 36-Boys, einer Gang, der in den achtziger und neunziger Jahren überwiegend türkischstämmige Jungen vom Kottbusser Tor angehörten. Die Gang wurde inzwischen aufgelöst, einige von ihnen machten später Straßensozialarbeit, einige andere entwickelten eine angesagte Design-Marke für Kleidung, die den 36-Boys-Schriftzug trägt.

Der 36-Boys-Laden, der sich zwischen den Eingängen der sanierungsbedürftigen Hochhäuser befindet, steht auch für den Wandel dieses Viertels. Was als Rebellion gegen Perspektivlosigkeit und Diskriminierung begann, endete für einige mit einem Modeladen, der über die Grenzen Kreuzbergs bekannt ist. Der Wandel bezieht sich nicht nur darauf, dass Kreuzberg für Studenten, Designer, Galeristen und junge Familien zunehmend attraktiv wird, sondern dass auch die Migranten in der zweiten und dritten Generation ihr Stadtviertel verändern. Shermin Langhoff, die Intendantin des Kreuzberger Theaters Ballhaus Naunynstraße, führte 2009 in einem taz-Interview den Begriff postmigrantisch ein: »Es scheint mir einleuchtend, dass wir die Geschichten der zweiten und dritten Generation anders bezeichnen. Die stehen im Kontext der Migration, werden aber von denen erzählt, die selber gar nicht mehr gewandert sind. Eben postmigrantisch«.

Yildiz Aydin sagt, dass sich ihren drei Kindern heute in Kreuzberg bessere Möglichkeiten innerhalb und außerhalb der Schulen böten als ihnen selbst: »Wir hatten die Höfe, die Straße und viele Nachbarn, die uns alles verbieten wollten«.

 
Materialheft:
Gliederung 2012
Autor:
Jutta Weduwen
Weitere Informationen:

Jutta Weduwen ist Referentin im Projektbereich Interkulturalität bei Aktion Sühnezeichen Friedensdienste und Mitglied im ÖVA.

Kontakt:
weduwen@asf-ev.de

Weitere Infos zu den Führungen:
www.asf-ev.de
Suchbegriff: Kreuzbergführungen

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