»Passtscho« - Meditation zum Plakat

 

Ein vielschichtiges mit Farben, Worten und Assoziationen spielendes Motiv zeigt das Plakat zur Interkulturellen Woche 2012. Ein roter Pass, das bayerische und inzwischen zum Standardausdruck avancierte Wort »passtscho« an Stelle von »Reisepass«, »Passport«, »Passeport«, »Pasaporte«, »ΔΙΑΒΤΗΡΙΟ« o. ä., um nur einige Begriffe aus Mitgliedsstaaten der Europäischen Union zu nennen. Anstelle des Staatswappens ein stilisierter Rosenstrauß. Und darunter das Motto der diesjährigen Kampagne: »Herzlich willkommen – wer immer Du bist.« Ein sehr ernstes Thema wird in einer spielerischen, sympathischen Tonart zum Ausdruck gebracht.

Wem gehört dieser Pass? Darin könnte ein Name einer Bürgerin oder eines Bürgers der EU stehen. Die Farbe des Umschlags weist jedenfalls darauf hin. Dann wäre dieser Mensch hierzulande akzeptiert. Zumindest garantiert ihm das Europäische Recht Freizügigkeit. (Ob alle EU-Bürgerinnen und -bürger bei uns gleichermaßen gern gesehen sind, ist schon eine andere Frage. Die Buchstaben des griechischen Alphabets könnten heutzutage einige Ressentiments auslösen.) Was aber, wenn sich herausstellt, dass der durch diesen Pass Ausgewiesene ein Türke ist oder gar ein Palästinenser, ein Pakistani, ein Mensch aus dem Kongo? Und erst recht: Wenn sich herausstellen sollte, dass versteckt unter vielen Passinhabern Menschen leben, die gar keine gültigen Papiere besitzen, die unter illegalem Status hier leben, weil sie anders gar keine Möglichkeit hätten, hier irgendwie durchzukommen, und die stets befürchten müssen, bei Nacht und Nebel in ein Land abgeschoben zu werden, in dem ihnen Gefahr an Leib und Leben droht?

Ist es dann nicht ein Wunschtraum, wenn gesagt wird: »Herzlich willkommen – wer immer Du bist«? Ist das nicht Gutmenschenromantik? Ist es nicht so, dass es erwünschte, willkommene Ausländer einerseits und sehr unerwünschte, ganz und gar nicht willkommene andererseits gibt? Und könnte es nicht sein, dass Letzteren anstatt eines Rosenstraußes Misstrauen, Aggression, Abdrängen ins soziale Abseits, Abschiebehaft entgegen gehalten werden?

Ich rede nicht nur von den verabscheuungswürdigen Gewalttaten, für die etwa Namen wie Mölln, Solingen oder die »Zwickauer Zelle« stehen – brennende Wunden der Scham und des Entsetzens für jeden anständigen Menschen in unserer Gesellschaft. Ich rede auch nicht nur von den nicht auszumerzenden menschenverachtenden Parolen (von »Gedankengut« kann man hier beim besten Willen nicht sprechen) der alten und der neuen Nationalfaschisten. Ich rede vielmehr von einer weit in der Gesellschaft verbreiteten – oft sogar kaum bewussten – Abwehr gegenüber allem Fremden und fremden Menschen überhaupt. Ich meine damit, dass häufig Mitmenschen islamischen Glaubens dem Verdacht des Fundamentalismus oder gar des religiös motivierten politischen Fanatismus ausgesetzt sind (den ich ebenso ablehne wie jedweden Fundamentalismus, gleich welcher Färbung). Ich spreche von den strukturellen Ausgrenzungen wie mangelnden Bildungs- und Berufschancen und von dem immer wieder geäußerten Vorwurf, Menschen mit Migrationshintergrund nützten unsere Sozialsysteme aus.

»Herzlich willkommen – wer immer Du bist.« Ist das wirklich so? Oder sieht mancher nicht eher rot, wenn er mit Fremden konfrontiert ist?

Es gibt viele Gründe für solches Denken und Verhalten. Die Abwehr von Unbekanntem, Fremdem gehört fast zur mentalen Grundausstattung eines Großteils der Menschen. Wie oft mag sich dahinter eine uneingestandene Angst vor dem Fremden, Befremdlichen, Unbekannten in uns selbst verbergen? Ich glaube auch, eine neue Art von Sozialneid feststellen zu können: nicht »von unten nach oben«, sondern so, dass Angehörige einer oft zunehmend in prekäre Lebenssituationen abgleitenden seitherigen Mittelschicht denen misstrauen, die in gleicher Lage sind oder die sich in einer noch schwierigeren sozialen Lage befinden. Deren rechtmäßige Ansprüche auf Leistungen der Solidargemeinschaft werden dann oft als ungebührlicher Angriff auf die eigene soziale Sicherheit betrachtet. Das trifft dann Langzeitarbeitslose oder Menschen mit Behinderungen oft ebenso wie Migranten. Wobei sich dann Migranten am besten als Projektionsfläche für die eigenen Ängste zu eignen scheinen. Und dann wird schnell deutlich, dass Fremdenfeindlichkeit überall dort beginnt, wo Menschen abgelehnt werden, weil sie anders denken, leben und glauben oder gar, weil sie aus einem anderen Land und Kulturkreis stammen.

Das Plakat ist ebenso wie das Motto zur Interkulturellen Woche 2012 ein ernster Appell, sich auf eine Grundhaltung der Menschlichkeit zu besinnen. Jeder Mensch soll willkommen sein – nicht »ohne Ansehen der Person«, sondern im Gegenteil so, dass er als Person, in seiner personalen Einmaligkeit und Würde gesehen und geachtet wird.
Originell ist die Headline »Passtscho« – ein Wortspiel um den Begriff Pass.

»Passtscho« heißt: es ist in Ordnung so, es ist gut so. Du bist grundsätzlich gut für mich, weil Du ein Mensch bist. »Passtscho« ist ein Begriff eines regionalen Dialekts und steht damit für eine stark ausgeprägte regionale Identität. Ihn hier lesen bedeutet: Der Blick darf über die kleinräumigen Begrenzungen hinaus gehen, regionale Identifizierungen dürfen aufgehen in einer übergreifenden Gemeinsamkeit, deren Identität sich in einem einzigen Wort ausdrückt: Mensch.

 
Materialheft:
Gliederung 2012
Autor:
Dr. Thomas Broch
Weitere Informationen:

Dr. Thomas Broch ist Pressesprecher der Diözese Rottenburg-Stuttgart.

Kontakt:
Diözese Rottenburg-Stuttgart
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