Herzlich willkommen – wer immer Du bist. - Über Eph 2,17-22

 
OKR Thorsten Leißer

Gnade sei uns von Gott unserem Vater und unserem Bruder Jesus Christus. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder,

»Was ist denn in euch gefahren?«

»Seid ihr noch ganz bei Trost?
Oder seid ihr vor 20 Jahren stehen geblieben?«

»Wie kann man denn heutzutage mit so etwas noch eine Kampagne machen?«

»Das ist aber kontraproduktiv!«

So und so ähnlich waren die Reaktionen auf das Motto der diesjährigen Interkulturellen Woche, wie es der Ökumenische Vorbereitungsausschuss beschlossen hat: »Herzlich Willkommen – wer immer Du bist.« Das atmet auf den ersten Blick tatsächlich sehr den Geist der 70er und 80er Jahre, als die »ausländischen Mitbürger« erfunden wurden, für die man sich ja mal einsetzen sollte.

Damals ging es vor allem um die so genannten Gastarbeiter, die nicht nur zum Arbeiten gekommen waren, und denen die deutsche Mehrheitsgesellschaft im besten Falle freundlich-distanziert gegenüberstand, um ihnen einen Platz als »Gäste« in diesem unserem Lande zuzuweisen.

Schon damals, Mitte der 70er wurde unsere Initiative gegründet – auch um diesem doch recht gönnerhaften Zugang etwas entgegen zu setzen. Die Interkulturelle Woche stellte unbequeme Fragen nach Integration und Vielfalt lange bevor die Politik zu der Erkenntnis kam, dass Deutschland eben doch ein Einwanderungsland ist. Und das war erst im Jahr 2005!

Warum dann also dieses angestaubte Motto? »Herzlich Willkommen« – das ist doch eigentlich eine Begrüßung für Neuankömmlinge. Aber wer soll hier eigentlich herzlich willkommen sein? Die Gastarbeiter von damals? Ein bisschen spät dafür.

Oder ihre Kinder und Enkelkinder, die meist schon in Deutschland geboren sind, hier zur Schule gehen und die sich im Zweifelsfall für den deutschen Pass entscheiden?

»Herzlich willkommen – wer immer Du bist.« Angesichts von fast 16 Millionen Menschen mit dem berühmt berüchtigten Migrationshintergrund in Deutschland: will man das noch sagen? Kann man das noch sagen?

Ich glaube schon. Denn bei genauerer Betrachtung ist dieses Motto mehr als provokativ. Wer ist heute wirklich willkommen? Wer ist integrativer Bestandteil der Bevölkerung, ausgestattet mit allen Möglichkeiten der Partizipation und Mitgestaltung? Ob kommunales Wahlrecht, Optionspflicht oder Kettenduldungen – die Art, wie mit vielen Menschen in diesem Land umgegangen wird, zeugt nicht gerade von einer ausgeprägten Willkommenskultur. Immer noch nicht!

Auch Flüchtlinge werden knapp gehalten, sie sollen sich nach Möglichkeit gar nicht erst integrieren, wie es die CDU in Hessen gerade wieder öffentlich gefordert hat. Gegessen wird nicht, was auf den Tisch, sondern was vom Amt kommt – mit Lebensmittelgutscheinen und Residenzpflicht, die ein selbstbestimmtes Leben als Flüchtling in Deutschland ziemlich unmöglich machen.

Dagegen sagen wir für die Interkulturelle Woche 2012: »Herzlich willkommen – wer immer Du bist.« Nicht: »Woher du auch bist.« Es kommt eben nicht auf die Herkunft an, nicht auf die kulturellen, religiösen und sprachlichen Unterschiede, an die sich die Mehrheit unserer Gesellschaft doch schon längst gewöhnt hat. Das »Herzlich willkommen« gilt allen, die hier leben, auch den Einheimischen, Alteingesessenen, Biodeutschen oder wie man sie auch immer nennen mag.

Alle sind willkommen, denn wir brauchen alle, um an einer menschenfreundlichen, demokratischen Gesellschaft zu bauen.

Wir setzen das diesjährige Motto auch bewusst gegen so manche Stimmen in den Debatten um Einwanderung, die eher sagen: »Herzlich willkommen, wer immer uns nützt.« Die Aufteilung in nützliche und scheinbar »unbrauchbare« Bevölkerungsgruppen, in begehrte Fachkräfte und humanitäre »Altlasten« widerspricht den Grundwerten unserer Gesellschaft und des christlichen Glaubens.

Integration ist eben nicht nur eine Frage von geographischer Herkunft. Integration umfasst auch und gerade diejenigen, die von der gesellschaftlichen Teilhabe abgekoppelt sind. Ob mit Arbeitslosengeld II oder Asylbewerberleistungsgesetz, ob sie wegen einer körperlichen Behinderung oder dunkler Hautfarbe diskriminiert werden.

Das wollen wir mit der Interkulturellen Woche dieses Jahr herausstellen: Wer du auch bist – ob du schon immer hier lebst oder gerade erst gekommen bist, ob du Mann oder Frau bist, ob du tatkräftig bist oder schwach, ob du auf der Flucht bist oder einfach ein besseres Leben suchst, du bist willkommen bei dem Projekt einer offenen und fairen Gesellschaft.

Dieses Projekt ist uns Christinnen und Christen schon lange aufgetragen. Wir haben in der Schriftlesung die Worte aus dem Epheserbrief gehört: »So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.«

Klar, diese Zusage gilt in erster Linie für die Gläubigen, die auf den Eckstein Jesus Christus vertrauen. Der hält schließlich das ganze »Projekt« zusammen. Was wäre aber, wenn diese Verheißung nicht nur die Frommen, sondern auch das Gemeinwesen als Ganzes im Blick haben würde? Dann wäre es eine Zumutung, die uns etwas zumutet, etwas zutraut, und zugleich ein Auftrag ist.

Das ist gar nicht so weit hergeholt. Denn alle sind Mitbürger und Hausgenossen, also gleichberechtigte Mitglieder, die vollen Anteil am Leben der Gemeinschaft haben, gleichen Zugang, nicht nur »zum Vater« wie es der Epheserbrief sagt. Nein es geht auch um gleichen Zugang zu den sozialen Errungenschaften einer Gesellschaft. Die Unterscheidung in Einheimische und Fremde wird aufgehoben. Es gehören eben alle dazu: die, »die fern waren« und die, »die nahe waren«.

Dieser (nennen wir ihn »egalitäre«) Ansatz findet sich auch an anderen Stellen in der Bibel. Der Apostel Paulus versteigt sich im Galaterbrief sogar zu der Behauptung, dass hier nun »nicht mehr Jude noch Grieche ist, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus«.

Für Paulus ist klar: Die Wirklichkeit Gottes verändert unsere Realität. Soziale Unterschiede können uns nicht mehr trennen. Unter Glaubensgeschwistern haben die sonstigen Kategorien von Herkunft, Kultur oder Sprache nicht das letzte Wort. Mit anderen Worten: Die Schubladen, in die wir uns und andere immer wieder gerne einsortieren, sie passen nicht mehr angesichts der alle umfassenden Gnade Gottes. Sie sind zu klein geworden für das, was wir Menschlichkeit und Würde nennen.

Gott selbst will, dass alle Menschen gut miteinander leben. Ja, am Ende geht es nicht nur um innerchristliche Harmoniesucht. Die Verheißung einer freien und egalitären Gesellschaft gilt allen Menschen, die gleichermaßen mit einer unveräußerlichen Würde ausgestattet sind. Und genau diese Würde zu achten und zu schützen, gebietet der erste Artikel des Grundgesetzes.

Was genau darunter zu verstehen  ist, darum streiten sich die Juristinnen und Juristen. Der Ökumenische Vorbereitungsausschuss zur Interkulturellen Woche aber will weiterhin unangenehme Fragen stellen zur Realität gesellschaftlicher Teilhabe und Integration.

»Herzlich willkommen – wer immer Du bist.« Wir haben dieses Motto bewusst gewählt für das Jahr 2012. In einer Zeit, da das Ausmaß rechtsextremer Gewalt noch immer nur erahnt werden kann. Wo Nazis ihre menschenverachtende Propaganda immer offener und ungenierter verbreiten und dabei neue bürgerliche Wege wählen. Mit Anzug statt Springerstiefel machen sie sich auf in die viel beschworene Mitte der Gesellschaft. Bleibt die Frage: Sind auch sie willkommen, obwohl sie die Vielfalt bekämpfen und stattdessen die Einfalt propagieren? Da habe ich zumindest meine Schwierigkeiten. Es bleibt ein provokatives Motto …

Gegen die Abgründe des Hasses und der Ausgrenzung setzen wir mit der Interkulturellen Woche die Offenheit und Vielfalt, wie sie im Laufe der Jahrzehnte schon gesellschaftliche Realität geworden ist. Dabei können wir uns getragen wissen von Gottes Zu-Mutung, dass wir alle »Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen sind«.

Und deshalb gilt es alles: »Herzlich willkommen – wer immer Du bist.«

Und der Friede Gottes, der all unsere menschliche Vernunft übersteigt, bewahre uns Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 
Materialheft:
Gliederung 2012
Autor:
OKR Thorsten Leißer
Weitere Informationen:

Die Predigt wurde im Rahmen der bundesweiten Vorbereitungstagung der Interkulturellen Woche 2012 am 10. Februar 2012 in der Kirche St. Martha in Nürnberg gehalten.

Oberkirchenrat Thorsten Leißer ist Referent für Menschenrechte und Migration im Kirchenamt der EKD sowie Mitglied im ÖVA.

Kontakt:

Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)
Referat Menschenrechte und Migration
Herrenhäuser Str. 12
30419 Hannover
thorsten.leisser@ekd.de