Gott sieht die Person nicht an - Assoziationen zum Motto der Interkulturellen Woche 2012

 
Prof. Dr. Wolfgang Reinbold. Foto: Jens Schulze

1. DAS MOTTO

»Herzlich willkommen – wer immer Du bist.« Das Motto der diesjährigen Interkulturellen Woche ist kühn, und es reizt zum Widerspruch. Soll das etwa besagen, dass Deutschland jeden und jede aufzunehmen hat, der und die gern hier leben möchte? »Das kann ja wohl nicht gemeint sein!«, sagt eine Mehrheit der Deutschen. Herzlich willkommen ist der rechtstreue Zuwanderer, der Deutsch lernt und seinen Lebensunterhalt selbst verdient. Alle anderen sind es nicht.

Auch auf Seiten der Migranten löst das Motto gemischte Gefühle aus. Manche lächeln bitter, wenn sie es hören, so sehr widerspricht es ihren Erfahrungen. Sie haben sich keineswegs herzlich willkommen gefühlt, in Deutschland nicht und noch weniger an den Außengrenzen der Europäischen Union, wo Jahr für Jahr Hunderte sterben.

Das Motto weiß um diese Erwiderungen, und es stellt sich ihnen kühn und auch ein wenig trotzig entgegen. »Herzlich willkommen! – wer immer Du bist«. Ist das nicht ein schönes Leitwort für die neue, bunte deutsche Gesellschaft? Ja und Nein. Ja, denn es drückt eine Haltung aus, ohne die wir im21. Jahrhundert kaum zurechtkommen werden. Nein, denn für sich genommen ist es nicht mehrheitsfähig und folglich nicht in der Lage, die multikulturelle Gesellschaft zusammenzuhalten.

Mehrheitsfähig wird das Motto in dem Moment, wo wir es auf die Grundlagen unserer Rechtsordnung beziehen. Artikel 3, Absatz 3 des Grundgesetzes sagt: »Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden«. Das Motto formuliert die Haltung, die es braucht, um dieses Grundrecht im täglichen Miteinander Wirklichkeit werden zu lassen.
»Herzlich willkommen! – wer immer Du bist«: In Deutschland kommt es nicht an auf das Geschlecht oder die Herkunft oder die Hautfarbe oder die Religion. Sondern es kommt darauf an, sich alltäglich für die Werte der Verfassung einzusetzen. »Unser Staat ist angewiesen darauf, dass die Idee der Menschenwürde, die Grundwerte der Freiheit, Gleichheit und Toleranz gelebt werden. Demokratie braucht Bürger, die sich einmischen, die Verantwortung übernehmen, die Engagement zeigen«, schreibt Bundestagspräsident Norbert Lammert im Geleitwort zur aktuellen Ausgabe des Grundgesetzes. »Das Grundgesetz gibt uns die Freiheit, uns für die humane Gesellschaft, wie wir sie wollen, einzusetzen« – wer immer wir sind.

2. GOTT SIEHT DIE PERSON NICHT AN

Eine der Wurzeln des dritten Artikels ist der biblische Grundsatz, dass Gott »die Person nicht ansieht«, wie Martin Luther die in der Bibel häufig vorkommende Wendung übersetzt hat. Für Gottesdienste, Andachten oder Veranstaltungen zur Interkulturellen Woche bieten sich folgende Bibeltexte in besonderer Weise an:

Apg 10,34–35

In Cäsarea trifft Petrus den römischen Hauptmann Kornelius. Er erklärt ihm, dass es ihm, dem Juden, eigentlich verboten sei, mit ihm, dem Römer, Umgang zu haben. Doch Gott habe ihm in einer Vision zu verstehen gegeben, dass er »keinen Menschen meiden oder unrein nennen soll« (10,28). Als Kornelius berichtet, wie es ihm ergangen ist, erkennt Petrus, was ihn die Begegnung mit dem fremden Soldaten lehren soll: »Petrus aber tat seinen Mund auf und sprach: Nun erfahre ich in Wahrheit, dass Gott die Person nicht ansieht; sondern in jedem Volk, wer ihn fürchtet und recht tut, der ist ihm angenehm?« (V. 34 - 35).

Der vom Verfasser der Apostelgeschichte sorgfältig komponierte Text formuliert kraftvoll eine der Ur-Erfahrungen des im Entstehen begriffenen Christentums. Die Beziehung des Gottes Israels zu den Menschen endet nicht an den Grenzen des Volkes Israel. In Christus ruft Gott Menschen aus allen Völkern und trägt ihnen auf, ihn zu fürchten und nach seinem Wort zu handeln. Dieser Ruf gilt auch dem römischen Hauptmann, der sich im Anschluss sogleich taufen lässt (V. 48).

Die Taufe eines Nichtjuden erscheint uns heute selbstverständlich. Zur Zeit der Entstehung des Neuen Testamentes ist sie alles andere als das. Viele bestehen auf der Bedeutung der Herkunft und stellen Bedingungen. Strittig ist insbesondere die Frage, wie sich die Neubürger des »Volkes Gottes« zu verhalten haben. Was genau heißt Gott »fürchten und recht tun« für sie?

Heute steht eine ganz ähnlich gelagerte Frage zur Debatte: Was genau heißt »Deutsch-Sein«? Welche Rolle spielen die Herkunft und die Kultur? Gibt es Sonderbedingungen für Neubürger, für Deutsche mit »Migrationshintergrund«? Heißt Deutschsein »Abendland, Heimatabend und Sauerkraut«, wie es Heribert Prantl vor einiger Zeit einmal formuliert hat? Falls nein: Wie könnte eine neue Definition des typisch Deutschen aussehen?

5. Mose 10,17–19

»Der Herr, euer Gott, ist der Gott aller Götter …, der die Person nicht ansieht und kein Geschenk nimmt und schafft Recht den Waisen und Witwen und hat die Fremdlinge lieb, dass er ihnen Speise und Kleider gibt. Darum sollt ihr auch die Fremdlinge lieben; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland.«

5. Mose 10 kombiniert die Rede vom Nichtansehen der Person mit drei hoch aktuellen Themen. Der Gott Israels steht gegen Korruption, für gleiches Recht für alle und für die tatkräftige Unterstützung der Fremden. Begründet wird das Gebot der Fremdenliebe mit dem Hinweis auf die Erfahrung der Angesprochenen: Sie waren einst selbst Fremde und wissen, wie sich das anfühlt. So ist es auch heute. Wer sich als evangelischer Ostpreuße nach dem Krieg im katholischen Eichsfeld wiederfand oder als katholischer Oberschlesier im protestantischen Niedersachsen, der hat eine Ahnung davon, wie es den Fremden heute ergeht und wie sehr sie ein »Herzlich willkommen!« benötigen.

3. DIE PRIORIEN DES SONNTAGES

Der vorgeschlagene Termin für die Eröffnung der Interkulturellen Woche ist Sonntag, der 23. September 2012. Zwei der im Kirchenjahr für diesen Sonntag vorgesehenen Texte lassen sich zwanglos auf das Motto beziehen:

Evangelischer 16. Sonntag nach Trinitatis:

Epistel des Sonntags ist 2Tim 1,7-10: »Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.«

Wer sich für das Zusammenleben in der multikulturellen Gesellschaft engagiert, wird nicht selten als naiver »Gutmensch« verunglimpft. Wer sich öffentlich äußert, muss damit rechnen, Hass-E-Mails oder böse Briefe zu bekommen, die manchmal auch Drohungen enthalten. Wer prominent ist und sich öffentlich äußert, kann davon ausgehen, dass er oder sie ins Visier rechtspopulistischer Internetseiten geraten wird und dass sein oder ihr Name demnächst im Register von »Nürnberg 2.0« oder auf der Schwarzen Liste von »politically incorrect« auftauchen wird. All das macht Angst, und das soll es auch.

Eine Predigt über 2.Tim 1 könnte diese Angst und ihre Hintergründe zum Thema machen. Sie könnte ins Zentrum rücken, worauf es im Miteinander ankommt: auf Kraft, Liebe und Besonnenheit. Kraft, gegen die Untätigkeit und gegen das selbstmitleidige »Wie ist doch alles so furchtbar« und »Es hat ja doch keinen Sinn«. Liebe, für ein Miteinander in Achtung und Respekt, ohne Rassismus, Antisemitismus und Fremdenverachtung. Besonnenheit, gegen radikale Lösungen, für realistische Konzepte, die Schritte in die richtige Richtung gehen.

Römisch-katholischer 25. Sonntag im Jahreskreis:

Evangelium des Sonntags ist Mt 20,1-16, das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg. Der Gutsbesitzer vereinbart mit den Arbeitern einen Tageslohn von einem Denar, gleichgültig ob er sie zur ersten, dritten, sechsten, neunten oder elften Stunde angestellt hat. Daraufhin murren die, die den ganzen Tag gearbeitet haben: »Diese letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, und du hast sie uns gleichgestellt; wir aber haben den ganzen Tag über die Last der Arbeit und die Hitze ertragen« (V. 12).

Das Murren der frühen Arbeiter hat Manches gemein mit dem Murren, das die Meinungsumfragen unserer Tage zeigen. Einige sind von Anfang an dabei, Andere kommen später hinzu. Gleich wann sie hinzu gekommen sind, gelten für sie die selben Rechte: Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit; Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit; Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich; Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.

So steht es in den ersten vier Artikeln des Grundgesetzes. Doch die Stimmung ist nicht immer danach. Sollen Muslime das Recht haben, Moscheen zu bauen? Nach einer Umfrage der Universität Münster aus dem Jahr 2010 befürworten das 28,4 Prozent der Westdeutschen und gerade einmal 19,5 Prozent der Ostdeutschen. Eine Predigt über Mt 20 könnte diesem »Murren« unserer Tage einmal nachgehen. Warum reklamieren wir das Recht auf ungestörte Religionsausübung für uns, wollen es Anderen aber vorenthalten? Gilt nicht gleiches Recht für alle? Sind wir womöglich »neidisch, weil« unsere Verfassung »(zu anderen) gütig« ist (Mt 20,15, Einheitsübersetzung)?

Zusätzliche Bilder
(C) Richard von Lenzano/pixelio.de
 
Materialheft:
Gliederung 2012
Autor:
Prof. Dr. Wolfgang Reinbold
Weitere Informationen:

Prof. Dr. Wolfgang Reinbold ist Beauftragter für Kirche und Islam im Haus kirchlicher Dienste der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers.

Kontakt:
Prof. Dr. Wolfgang Reinbold
Beauftragter für Kirche und Islam
Ev.-luth. Landeskirche Hannover
Haus kirchlicher Dienste
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30169 Hannover
reinbold@kirchliche-dienste.de