Ein Kampf wie David gegen Goliath - Predigt zur Rückkehr der Familie Nguyen

 
Foto: Mediengruppe Kreiszeitung / Annika Bünder

Tuong und Sang Nguyen gelten in ihrem niedersächsischen Heimatort Hoya als vorbildlich integriert. Nach 19 Jahren in Deutschland werden sie im November 2011 mit ihren Kindern Esther und André von der Polizei aus dem Schlaf gerissen und nach Vietnam abgeschoben. Die 20-jährige Tochter, die ein Aufenthaltsrecht besitzt, bleibt allein zurück. Im Umfeld der Nguyens ist die Empörung groß: Neben der christlichen Heimatgemeinde der Nguyens und dem Flüchtlingsrat Niedersachsen setzen sich Kirchen, Verbände, Politiker aller Parteien und zahlreiche andere für eine Rückkehr der Familie ein. Der Fall macht überregional Schlagzeilen, innerhalb weniger Tage wächst der öffentliche Druck so stark, dass der niedersächsische Innenminister Schünemann sich schließlich gezwungen sieht, den Weg für eine Rückkehr der Familie frei zu machen. Drei Monate nach der Abschiebung kann Tochter Ngoc Lan ihre Eltern und Geschwister am Flughafen in die Arme schließen.

»Ein Wunder« meint dazu Andreas Ruh, Pfarrer in der Martin-Luther-Kirche zu Hoya, und stellt gleichzeitig fest, dass das der Familie Nguyen am Ende doch noch gewährte Aufenthaltsrecht eigentlich vielen Flüchtlingsfamilien zugestanden werden müsste. Wir dokumentieren die bewegende und nachdrückliche Predigt von Andreas Ruh im Dankgottesdienst nach der Rückkehr der Familie Nguyen am 9. Februar 2012 in leicht gekürzter Fassung.

Liebe Familie Nguyen, liebe Schwestern und Brüder, Ratgeber, Meinungsmacher und Mitstreiter.

Diese Abschiebung war der Tropfen, der ein Fass zum überlaufen brachte. Das Maß war voll.

Für Euch, liebe Familie Nguyen, und für uns, die Unterstützer in der Stadt Hoya schon lange, aber auch für die Kirchen, für Teile der Politik, für die Medien, für eine breite Öffentlichkeit.

Nun sind wir erleichtert nach einer sechs Jahre dauernden Achterbahnfahrt, dem Auf und Ab zwischen Hoffen und Bangen gemeinsam mit Euch, dem Fordern, dem Bitten, dem Verhandeln um ein Bleiberecht, einer Heimat, einem Asyl der Menschlichkeit. Oft seid Ihr, liebe Familie Nguyen, auf diesem langen Weg zurückgeworfen worden, hingefallen, immer wieder aufgestanden und habt nach vorn geschaut. Ein Kampf wie David gegen Goliath. Und Ihr wisst es und ich weiß es: Gott selbst hat Euch die Kraft dazu gegeben und er gab uns, den Begleitern, den Trotz, den Zorn und den Mut. Wir sind gefallen, aber nicht liegen geblieben. Die Anspannung, die Angst, vor allem aber die Verletzung von Würde und Menschenrecht sind uns heute noch gegenwärtig. Und die Tränen, die bei der Begrüßung auf dem Flughafen in Hannover flossen, waren Tränen der Freude aber auch der Erschöpfung und verdrängter Wut, über das, was diese Familie in den letzten Monaten und Jahren mitmachen musste. Nur ein Wunder konnte uns zuletzt noch helfen. Und es ist geschehen. »Wunder« ist ein großes Wort. Ich wechsele dieses Wort in kleine, weltliche Begriffe und dann meint es: das Unvorhergesehene, das, was kaum zu glauben ist, was es bislang nicht gegeben hat, das Überraschende. Eine abgeschobene Familie wird aus Vietnam zurückgeholt, das hat es in Niedersachsen so noch nicht gegeben. Ein Wunder, vielleicht deshalb, weil Menschlichkeit so selten über Macht siegt. Doch so erlösend dieses Wunder auch für die Familie war und für uns. Ich möchte eigentlich gerne auf solche Wunder verzichten: Ich möchte, dass ein humanes Bleiberecht nicht ein Wunder ist, sondern das Normale ist, das unter Menschen Übliche, das einem demokratischen und reichen Land wie unserem Angemessene.

Wie kann das sein, dass eine Flüchtlingsfamilie hier jahrelang lebt, sich integriert, Kinder zur Welt bringt, arbeitet, Steuern zahlt, einen deutschen Freundeskreis hat, unbescholten ist, und dann komplett entwurzelt wird?

Wer einen Menschen rettet, der rettet die ganze Menschheit, so lautet ein weiser Satz. Umgekehrt gilt aber auch: Wer einen Menschen unmenschlich behandelt, der berührt die ganze Menschheit, weil hier Lebensrecht und Menschenwürde angetastet werden. Die Menschen sind berührt von eurem Schicksal, weil sie merken: Hier wird eine Familie brutal aus ihrem Lebensmittelpunkt gerissen, ihre Menschenwürde wird berührt durch die Vernichtung der Lebensgrundlagen, die sich Familie Nguyen hier in Hoya geschaffen hat. Und deshalb schließen sich Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft und Weltanschauung zusammen und wehren sich mit Euch. Eine Allianz für euer Bleiberecht quer durch alles, was uns sonst trennt. Weil Ihr uns hier in Hoya wichtig seid und wir wollen, dass Ihr bleibt. Und wenn wir mit Euch gehofft haben, dann immer auch für uns selbst. Wenn wir mit Euch geweint haben, dann immer auch um uns selbst, weil wir uns geschämt haben für unser Land.

In den letzten Wochen kam mir immer wieder eine kleine, selten gepredigte Episode aus dem Neuen Testament in den Sinn. Die lese ich Ihnen vor, sie steht bei Lukas, am Anfang des 18. Kapitels:

Jesus erzählte eine Geschichte, um klar zu machen, wie nötig es ist, dass seine Jünger stets beten und nicht aufgeben sollen: »In einer Stadt lebte ein Richter. Der hatte weder Ehrfurcht vor Gott noch Achtung vor den Menschen. Es lebte aber in der gleichen Stadt eine Witwe. Die kam wieder und wieder zum Richter und forderte ihn auf: »Verschaffe mir Recht gegen meinen Widersacher!« Aber eine lange Zeit wollte er nicht. Dann aber sagte er zu sich selbst: Wenn ich auch Gott nicht fürchte und ein Mensch mich nicht kümmert, ich werde ihr Recht verschaffen, weil diese Witwe mir auf die Nerven geht. Sonst kommt sie noch zu guter Letzt und gibt mir eine Ohrfeige. Da sprach der Herr: Hört zu, was selbst der gewissenlose Richter da sagt! Sollte Gott etwa nicht den Menschen, die ihm wichtig sind, zum Recht verhelfen, wenn sie Tag und Nacht zu ihm rufen?

In dieser kleinen Geschichte treffen sich zwei Menschen, die weit voneinander entfernt sind. Die nichts miteinander zu tun haben. Eine Witwe und ein Richter, der nicht weiß, was Recht ist. Ein Mächtiger, der Recht verweigert, der von Gott und seinen Mitmenschen nichts wissen will, gewissenlos und wertlos, das heißt: »ohne Werte«. Der Schrei nach Gerechtigkeit, das ist der Kern dieser Geschichte.

Das war unsere Lage und das ist die Lage so vieler Flüchtlingsfamilien. Wenn Rechte verweigert werden, so zuerst den Wehrlosen. Ausgeliefert dem Arm des Gesetzes, doch von Gerechtigkeit keine Spur. Rechtsverweigerung durch staatliche Macht. Das kennen wir: Ein Härtefallersuchen ist nicht möglich, denn der Abschiebetermin steht schon fest. Das ist so absurd, wie zu sagen: Begnadigung ausgeschlossen, denn die Hinrichtung ist schon vorbereitet.

Gegen solche Rechtsverweigerung kämpft die Witwe in der Geschichte Jesu. Dagegen haben wir angekämpft. Neben der Witwe und dem Richter steht in dieser Geschichte Jesu noch ein Dritter: »Verschaffe mir Recht gegen meinen Widersacher!« fordert die Witwe vom Richter. Wer ist dieser Widersacher? Wir wissen es nicht. Er bleibt im Hintergrund. Anonym ist er und mächtig, nicht zu fassen. Er zieht die Fäden. Der Richter spielt ihm in die Hände. Und erst recht, die von ihm abhängig sind, die Behörden, die Polizei, Menschen, die sich immer entscheiden müssen zwischen dem Gewissen, das klopft und ihrem Job, dem Auskommen für ihre Familien.

Übrigens und nur in Klammern: Die Gewissensnöte von Mitarbeitern der Ausländerbehörden und der an der Abschiebung beteiligten Polizisten sind ein eigenes Thema, über das auch geredet werden muss. Was mutet man denen zu?

Das Ende der Geschichte, die Jesus uns erzählt ist jedenfalls durchsichtig für das Ende Eurer Geschichte, Familie Nguyen. Der Richter, die Obrigkeit, gibt nach aus Angst. So denkt sich der Richter in Jesu Geschichte: »Ich werde ihr Recht verschaffen, weil diese Witwe mir auf die Nerven geht. Sonst kommt sie noch zu guter Letzt und gibt mir eine Ohrfeige.« Jesus meint sicher eine handfeste Demütigung, aber Ohrfeigen können auch anders aussehen. Eine Ohrfeige durch die Medien, eine Ohrfeige durch die Wähler. Der Richter jedenfalls gibt nach, doch was sind seine Motive? Unsere, Eure Geschichte wird hier erzählt. Letztendlich ist es die Angst vor der Demütigung, nicht das Gewissen, das der Witwe zum Recht verhilft. Nicht Einsehen, nicht Mitleid, einfach nur Kalkül. War es einfach nur das? Die Frage bleibt offen.

Ich weiß aber eines: Gott ist anders, er fragt nach uns wie Jesus es sagt: »Sollte Gott etwa nicht den Menschen, die ihm wichtig sind, zum Recht verhelfen, wenn sie Tag und Nacht zu ihm rufen?« Mit der Frage nach der Gerechtigkeit ist also auch Gott auf dem Plan. Nicht nur wir fragen, Gott selbst fragt: Wo bleiben die Grundrechte für Flüchtlinge?

Diese Diskussion muss geführt werden. Ich bin zuversichtlich, sie wird geführt werden, denn Eure Abschiebung war der Schneeball, der eine Lawine ausgelöst hat. Die Unterstützung, die Ihr und wir erfahren haben aus Politik, Kirche und Medien, beruht auf einem breiten Konsens der Werte unserer Gemeinschaft: Gerechtigkeit, Freiheit, Gemeinsinn, Nächstenliebe, Ehrfurcht vor dem Leben. Sie sind das Licht, das der Ausübung staatlicher Gewalt vorangeht und nicht die Schleppe, die sie hinter sich herzieht. Und in den Worten des Glaubens kann ich es noch schärfer sagen:

Wenn wir als Christen solchen Abschiebungen, wie hier in Hoya geschehen, nicht widerstehen, dann liefern wir Christus selbst aus. Für alle, denen solche religiösen Aussagen fremd sind, noch ein eigener Grund zum Widerstand. Die Väter unseres Grundgesetzes haben nach dem Fanal des Dritten Reiches gut überlegt, als sie den erstenSatz der Verfassung geschrieben haben. Sie haben geschrieben: Die Würde des Menschen ist unantastbar, sie haben nicht geschrieben: Die Würde des deutschen Menschen ist unantastbar. Nein! Die Würde jedes Menschen! Noch ist ein humanes Bleiberecht für Flüchtlinge nicht so sicher wie das » Amen« in der Kirche. Aber wir arbeiten daran. Amen.

 
Materialheft:
Gliederung 2012
Autor:
Pastor Andreas Ruh
Weitere Informationen:

Pastor Andreas Ruh ist Pastor der Ev.-luth. Kirchengemeinde Hoya.

Kontakt:
Pfarrbüro
Von-Staffhorst-Straße 7
27318 Hoya
Andreas.Ruh@evlka.de