Sarrazin – wie Muslime die Debatte erlebten

 
Nurhan Soykan - Foto: vario images / ZMD

Sarrazin, ein unscheinbarer Mensch, der zunächst mit hässlichen Worten auffiel, Muslime würden nur Kopftuchmädchen produzieren und seien nur im Lebensmittelbereich produktiv.

Ich als Kopftuchmädchen, deren Eltern jahrelang ein türkisches Lebensmittelgeschäft führten, fühlte mich sofort persönlich angesprochen. Ich war irritiert, warum sagte ein hochrangiger Banker so etwas und warum »nur « Kopftuchmädchen? Seine Missachtung und Geringschätzung von Muslimen war mir nicht neu, ich bin Beschimpfungen gewöhnt. Neu war, dass die aggressive und provokative Art, die keinerlei Rechtfertigung suchte, von einem Senatsmitglied und Vorstandsmitglied der Bundesbank kam.

Damit brach eine Hemmschwelle in der Bevölkerung. Unter dem Motto » Man wird ja noch sagen dürfen …« war ein Ventil geschaffen für all den verborgenen Hass und die Ressentiments gegen Muslime, die bis dahin von rechten Parteien und Gruppierungen bedient wurden.

Sarrazin ist in der SPD. Wenn er so etwas sagen durfte, durfte es jeder, ohne als Rechter zu gelten. Der Rassismusdamm brach und eine diskriminierende Debattenkultur schwappte in die bürgerliche Mitte. Damit war es ihm gelungen, von der Wirtschaftskrise, die seinesgleichen uns eingebrockt hatten, abzulenken und die Verzweiflung und Wut der Menschen umzuleiten auf die schwächste Gesellschaftsschicht. Die Medien stürzten sich auf dieses emotionale Thema und verbreiteten das sarrazinsche Gedankengut. Kaum eine Talkshow kam ohne ihn aus. Die Zeitungen füllten sich mit Beiträgen, die die Integration erneut in Augenschein nahmen. Diesmal mit erhobenem Finger, »Mehr Fordern statt nur Fördern«, ein neues Wort war geschaffen. »Integrationsverweigerer«, das Unwort des Jahres. Darunter wurde jeder subsummiert, der nicht einer Arbeit nachging und nicht genügend assimiliert war. Nachdem die Stimmung richtig aufgeheizt und damit das Fundament gelegt war, kam Sarrazin mit seinem eigentlichen Coup, seinem Buch. Das ging weg wie warme Semmeln, mit einer Auflage von 1,2 Millionen Exemplaren ein Bestseller.

Die erste Reaktion von Muslimen war Verunsicherung. Sollte das alles wahr sein, mussten wir uns schämen, waren wir wirklich nur Schmarotzer, die genetisch bedingt nicht aufsteigen konnten?

Ich sah in mein Umfeld und sah Familien, die von Hartz IV leben. Meist waren es alleinstehende Frauen mit kleinen Kindern, Rentner, die ihr Leben lang selbständig waren und gerade einmal die Miete zahlen und das Finanzamt bezahlen konnten. Geld für freiwillige Zahlungen in die Rentenkasse blieb da nicht. War wirklich deren Verweigerungshaltung schuld an der Misere oder die sich öffnende Schere zwischen arm und reich? Ist es nicht eher so, dass viele Familien auf zusätzliche Hilfe angewiesen sind, weil es kaum noch Jobs gibt, mit denen ein Alleinverdiener seine Familie durchbringen kann? Die Arbeitslosenzahlen sinken, die der Leiharbeiter und Geringverdiener steigen – nichts als moderne Sklaverei und Augenwischerei. Sicherlich gibt es auch die faulen Clans, die den Staat abzocken und illegale Geschäfte machen. Doch wie groß ist ihr Anteil an der Zahl der Muslime. Darf man diese überhaupt als solche bezeichnen, darf man diese Pauschalisierung zulassen?

Jede Schlagzeile ein Schlag ins Gesicht, dann die Zustimmung der Bevölkerung zu den sarrazinschen Thesen von über 60 %, Rechtfertigungsnot und herablassende Blicke, bohrende Fragen der Kinder …

Jeder Migrant wurde indessen genötigt, sich mit diesen menschenverachtenden Thesen und Verallgemeinerungen auseinanderzusetzen. Es gab auch viele Stimmen, die die Thesen kritisierten und widerlegten, wie z.B. die Studie Heymat der Berliner Humboldt Universität. Das half zwar, kam aber sehr spät und änderte an dem Zuspruch für Sarrazin wenig. Gewichtige Stimmen aus Politik, Medien und Kirchen, die sich gegen die Diskriminierung stellten, blieben aus.

Viele Migranten hatten nicht die Kraft, diese Ablehnung zu ertragen. Sie sahen ihre Bemühungen um Integration als gescheitert an, ihr gesellschaftliches Engagement verloren. »Wir werden nie dazugehören. Das ist ein Christenclub.« hörte man immer öfter. Andere übernahmen die Thesen und schimpften mit, da sie sich als besser Verdienende und gut Integrierte nicht angesprochen fühlen wollten. Doch die meisten sahen sich in der Pauschalisierung »die Türken, die Araber oder die Muslime« mit erfasst, unabhängig davon, ob sie eingebürgert und wirtschaftlich erfolgreich waren.

Kaum eine Familie, in der die Auswanderung nicht thematisiert wurde. Je mehr Familien erfolgreich auswanderten, desto mehr fühlten sich weitere angespornt, es auch zu tun. Zurück blieben die Schwachen, die man eigentlich weg haben wollte. Die Zahl der Auswanderer in die Türkei überstieg 2010 die Zahl der Einwanderer aus der Türkei nach Deutschland, so dass es faktisch keine Einwanderung aus der Türkei gibt. Vielmehr eine Auswanderung der Akademiker, für die die Türkei gute Berufschancen bietet. Was hat diese »Integrationsdebatte« also gebracht, außer dass Sarrazin reicher wurde?

In erster Linie war sie ein Verrat an europäischen Werten, ein Rütteln an unserem Grundgesetz. All unsere Grundwerte wie das Sozialstaatsprinzip, die Unantastbarkeit der Menschenwürde, die Gleichheit der Menschen, Chancengleichheit und Religionsfreiheit gelten auch für »Kopftuchmädchen« und auch für Hartz IV-Empfänger. Eine Aufteilung in nützliche und nicht nützliche Menschen, genetisch wertvolle und wertlose Menschen widerspricht unserem Menschenbild. Die Art und Weise, wie debattiert wurde, verletzte eben diese Werte und sie hat zur Spaltung der Gesellschaft geführt, was viele gelungene Integrationserfolge auslöschte. Wieder einmal ist es einem Demagogen gelungen, die Mehrheit gegen eine Minderheit aufzuhetzen und ihnen dabei Schuldgefühle auszureden.

Aber eine Weisheit besagt, dass in allem Schlechten auch etwas Gutes liegt. Als gläubige Muslima durfte ich nicht in Pessimismus verfallen, also strengte ich mich an, das Gute an der Sache zu suchen.

Wenn man überlegt, welche Missstände Sarrazin nun angesprochen hat, kann man wie folgt zusammenfassen: schlechte Schulbildung, hohe Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit der Jugendlichen, hohe Kriminalitätsrate, geringe Partizipation aufgrund geringer Sprachkompetenzen.

Nun das ist nichts Neues, das ist insbesondere ein soziales Schichtenproblem. Viele Migranten gehören zu dieser sozialen Schicht, zusammen mit vielen Deutschen, die dieselben Probleme haben. Warum sind sie das und wie kann man das ändern? Ab und an wurden diese Fragen auch sachlich diskutiert. Allein darin liegt schon das Gute. Der Fokus liegt heute mehr denn je auf der Bildung. Die Gesellschaft hat verstanden, dass keine Talente vergeudet werden dürfen und dass auch Migranten als Potenzial gesehen werden müssen, das es auszubauen gilt.

Der Fachkräftemangel und die demographische Entwicklung sind Gründe, um insbesondere sozial schwachen Kindern Chancengleichheit in der Schule zu bieten, indem man ihnen Förderung zukommen lässt, die sie von zu Hause aus nicht bekommen können.

Bildung ist der Schlüssel zur Integration. Zu dieser nicht so neuen Erkenntnis sind wir nun gekommen, daran werden wir anknüpfen und eine gemeinsame Gesellschaft anstreben, auch wenn uns Sarrazin um Jahre zurückgeworfen hat.

Zusätzliche Bilder
(C) Gerhard Mester
 
Materialheft:
Gliederung 2011
Schlagworte:
Autorin:
Nurhan Soykan
Weitere Informationen:

Nurhan Soykan ist Generalsekretärin des Zentralrats der Muslime in Deutschland und Mitglied im ÖVA.

Kontakt:
Zentralrat der Muslime in Deutschland
Steinfelder Gasse 32, 50670 Köln
Tel.: 0221 / 1 39 44 50
nurhan.soykan@zentralrat.de
www.zentralrat.de