Mein Migrationshintergrund

 
Canan Topcu - Foto: Sybille Renoncé

Migrationshintergrund! Es vergeht kein Tag, an dem ich dieses Wort nicht höre und kaum kein Tag, an dem ich es nicht selbst benutze. Mal bin ich in der Situation, dass ich das Wort Migrationshintergrund in beruflichen Zusammenhang verwende, mal höre ich es im Privaten. Ich gehöre nämlich zu der Gruppe von Menschen, die einen Migrationshintergrund haben. Neuerdings beschäftigt mich die Frage, wann ich ihn bekommen habe. Seit wann schreite ich mit diesem Schatten durchs Leben? Ich weiß es wirklich nicht so genau.

Ich weiß aber: Es gab diesen Schatten nicht von Anfang an. Es wäre sicherlich eine Semesterarbeit wert, Zeitdokumente auf die Frage zu durchforsten, wann dieser Begriff sich in die politischen und gesellschaftlichen Debatten eingeschlichen hat.

Bis ich das geworden bin, was ich bin, durchlebte ich – rückblickend betrachtet – mehrere Stadien.

Zunächst war ich das Türkenkind. Später, es vergingen nur wenige Jahre, wurde ich zur Ausländerin, die immer wieder die Frage zu hören bekam, wann wir – also meine Familie – in die Heimat zurückkehren wollten. Aus der Frage wurde ein Appell. Doch von der Aufforderung ließ ich mich nicht leiten. Denn aus dem Türkenmädchen, das von der Hauptschule auf die Realschule wechselte und schließlich das Abitur machte, wurde eine Bildungsinländerin, die gelernt hatte, sich gegen Anfeindungen eloquent zu behaupten.

Meine Metamorphose zur Migrantin vollzog sich, ohne dass ich es bewusst wahrnahm. Heute, mit Mitte Vierzig, bin ich eine Frau mit Migrationshintergrund.

Nicht dass Missverstände entstehen: Ich habe keinerlei Probleme mit meinem Migrationshintergrund. Ich stehe dazu, Tochter türkischer Gastarbeiter zu sein, die sich auf den Weg nach Almanya machten – ohne jegliche Vorstellung über das hiesige Leben, aber mit jeder Menge Hoffnungen. Ich leide nicht an meinem Schatten, im Gegenteil. Doch dazu später.

Es ist nur so, dass ich mit mir nicht einig bin darüber, was ich davon halten soll, wenn mich wildfremde Menschen auf meinen Migrationshintergrund ansprechen. »Ihr Name … wo kommt der denn her?« »Das ist aber kein deutscher Name oder?« Natürlich weiß der, der so eine Frage stellt, dass es kein deutscher Name ist.

Meine bio-deutschen Freunde, denen ich davon erzähle, dass es mich nervt, Auskunft über meine Herkunft geben zu müssen, kaum dass ich fremden Menschen meinen Namen genannt habe, können es nicht verstehen. Es sei doch ein Ausdruck des Interesses! Mag sein. Es gibt aber Zeiten und Situationen, in denen ich ohne meinen Anhang unterwegs sein möchte. In denen ich einfach nur ich sein will und keine Auskunft über Türken im Allgemeinen und Muslime im Besonderen geben möchte. Auf diese Themen konzentrieren sich nämlich auf Partys oder anderen gesellschaftlichen Ereignissen, bei denen ich auftauche, früher oder später die Gespräche.

Jetzt will ich aber auch mal über die positiven Seiten meines Schattens berichten:

Der Migrationshintergrund verschafft mir nämlich auch Vorteile, seitdem sich der politische Wind gewendet hat und Migranten als Experten gefragt sind. Der Schatten trägt zu einem nicht unerheblichen Teil zu meinem Lebensunterhalt bei; er verhilft mir zu journalistischen Aufträgen, zu Vorträgen und Auftritten auf Podien.

In meinen Notizblöcken taucht der Begriff Migrationshintergrund aber nie auf. Es ist ein viel zu langes und sperriges Wort; es lässt sich von Hand schwer schreiben, kostet viel Tinte und das Ausformulieren beansprucht Zeit. Daher kürze ich ab – anstelle von Migrationshintergrund notiere ich MHG in Großbuchstaben. Das kann ich leider nicht in meinen Artikeln, obwohl ich es gerne machen würde, da es ein Zeilen füllendes Wort ist.

Wie gesagt: Ich will mich nicht beschweren über den Migrationshintergrund, an dieser Stelle lediglich anmerken: Ich selbst bekomme diesen Schatten nie zu Gesicht. Wann immer ich in den Spiegel schaue, sehe ich nur mich – ohne den Hintergrund. Ich weiß aber, dass er vorhanden ist und ich ihn nicht loswerde. Ich habe meinen Migrationshintergrund verinnerlicht, weil er für die anderen vorhanden ist.

Ich versperre mich nicht sprachlichen Veränderungen. Wer immer sich eine andere Bezeichnung für Menschen wie mich einfallen lässt, der sollte nur bitte darauf achten, dass es ein kurzes Wort wird.

Die Realität wird aber nicht schöner durch schönere Wörter. Die Menschen werden nicht weniger ausgegrenzt und nicht weniger diskriminiert. Sie werden nicht heimischer werden in diesem Land, wenn ein Wort durch ein anderes ersetzt wird. Was wir brauchen, sind nicht schönere Wörter, sondern eine andere Einstellungen zu Menschen wie mich.

 
Materialheft:
Gliederung 2011
Schlagworte:
Autorin:
Canan Topçu
Weitere Informationen:

Canan Topçu ist Redakteurin der Frankfurter Rundschau und Mitglied im ÖVA.

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c.topcu@fr-online.de