»Die Thesen entlarven ein fragwürdiges Menschenbild«

 
»Migrationsbischof« Trelle zu Sarrazins Aussagen über Muslime
Bischof Norbert Trelle

Das Buch des früheren Berliner SPD-Finanzsenators Bundesbank-Vorstandsmitglieds Thilo Sarrazin »Deutschland schafft sich ab« sorgte für Diskussionen. Der Hildesheimer katholische Bischof Norbert Trelle, Vorsitzender der Migrationskommission der Deutschen Bischofskonferenz, äußerte sich im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) in Hildesheim zu den umstrittenen Thesen über Muslime, Juden und die Kosten der Einwanderung.

KNA: Bischof Trelle, Sarrazin vertritt die These, Migranten seien nicht ausreichend dazu bereit, sich in die deutsche Gesellschaft zu integrieren. Wie stehen Sie zu dieser Aussage?

Trelle: Wir haben es mit einer differenzierten Lage zu tun. Viele Migranten sind an einer besseren Integration in unsere Gesellschaft interessiert und zeigen auch entsprechendes Engagement. Für andere gilt das nicht. Besonders gravierend sind Probleme, wenn zum Migrationshintergrund eine starke Bildungsferne hinzukommt. Aber bildungsferne Deutsche sind oft auch nicht gut integriert. Pauschalaussagen über die Integrationsbereitschaft der Migranten sind nicht seriös. Sie verfehlen die Wirklichkeit.

KNA: Ebenso meint Sarrazin, durch Migranten werde Deutschland dümmer und ungebildeter.

Trelle: Wenn wir es als Gesellschaft nicht schaffen, die Potenziale der Migranten zu heben, werden wir in der Tat insgesamt dümmer. Hier gibt es einen Nachholbedarf in der Bildungspolitik, worüber ja seit einiger Zeit auch intensiv diskutiert wird. Dass sich die Mentalitäten in bestimmten, sogenannten bildungsfernen Schichten ändern müssen, steht auch außer Frage. Aber es gibt gerade durch Zuwanderung einen enormen Zuwachs an Bildung und damit eine Bereicherung, wie man in vielen Betrieben, Universitäten, Krankenhäusern und Pflegeheimen sehen kann. Sollte Herr Sarrazin jedoch der Meinung sein, die zu uns gekommenen Zuwanderer seien prinzipiell weniger intelligent und vererbten biologisch-genetisch eine mindere Intelligenz, so hält eine solche These wissenschaftlicher Betrachtung kaum stand und entlarvt ein Menschenbild, das schon sehr fragwürdig ist.

KNA: Außerdem entstünden Deutschland durch Migration mehr Kosten als Nutzen …

Trelle: Wir wissen nicht mit Bestimmtheit, ob die Gastarbeitermigration seit den 1950er Jahren wirtschaftlich für unser Land vorteilhaft war oder nicht. Man darf durchaus bezweifeln, dass es klug war, praktisch ausschließlich Gastarbeiter mit einer niedrigen formalen Bildung nach Deutschland zu rufen. Den betroffenen Menschen kann man dies sicher nicht zur Last legen. Selbstverständlich hat die Gesellschaft das Recht, bei der Entscheidung über die Arbeitsmigration eine wirtschaftliche Kosten-Nutzen-Rechnung anzustellen. Wenn es um Zuwanderung im Rahmen des Asylrechts und des Flüchtlingsschutzes geht, ist ein solches ökonomisches Kalkül aber unzulässig. Wir müssen die Menschenrechte von Personen, die in ihrer Heimat an Leib und Leben bedroht sind, auch dann respektieren, wenn dies unserer Gesellschaft nicht zum Vorteil und vielleicht sogar wirtschaftlich zum Nachteil gereicht.

KNA: Sarrazin hat vor allem Muslime im Blick …

Trelle: Die Engführung auf eine Religion ist problematisch, erst recht eine Verallgemeinerung auf alle Muslime. Gerade in Deutschland sind die Muslime eine höchst heterogene Gruppe. Bestimmte konservative und fundamentalistische Auslegungen des Islam stellen ein Hindernis für die Integration dar. Das ist unbestritten und ein sehr ernstes Problem. Wir wissen aus sehr sorgfältigen Studien aber auch, dass die Religionszugehörigkeit sich nur bei einem verhältnismäßig kleinen Teil der in Deutschland lebenden Muslime als Integrationshindernis erweist. Sie kommen aus unterschiedlichen Ländern, auch ihre Religion ist alles andere als monolithisch. Aufs Ganze gesehen dürfte die soziale Herkunft und Zugehörigkeit für die Integrationsfähigkeit viel entscheidender sein.

KNA: Am Wochenende sprach Sarrazin davon, dass Juden ein bestimmtes Gen haben. Wie bewerten Sie eine solche Äußerung?

Trelle: Wie kommt Herr Sarrazin zu einer solchen Feststellung? Ist er mit humangenetischen Erkenntnissen vertraut, die es ihm erlauben, auch Angehörigen anderer Religionen – Muslimen, Christen und Buddhisten etwa – bestimmte, nur sie betreffende Gene zuzuweisen, obwohl sie alle bekanntermaßen verschiedenen Völkern und Kulturen angehören? Solche Formulierungen sind geeignet, latent vorhandenen Rassismus mit allen darin enthaltenen Vorurteilen zu bedienen. Sie konterkarieren – ob gewollt oder ungewollt – Bemühungen um Integration und sind – zumal in Deutschland – gegenüber unseren jüdischen Mitbürgern völlig unangebracht.

KNA: Was bedeutet es, wenn eine so bekannte Persönlichkeit solche Thesen vertritt?

Trelle: Natürlich steht es Herrn Sarrazin frei, seine Meinung zu äußern. Die Frage ist allerdings, ob das große, schwierige und komplexe Thema der Integration mit extrem zugespitzten Thesen angemessen diskutiert werden kann. Sarrazin bedient mit seinen groben Positionen und Bildern Vorurteile, die bei einem Teil der Bevölkerung latent vorhanden sind, und macht diese salonfähiger. Damit steht er für eine Radikalisierung der Debatte, von der ich nichts Gutes erwarte. Wenn Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens sich so vereinfachend äußern, geben sie damit immer eine Erlaubnis, dass auch andere Menschen sich nicht um Differenzierungen bemühen müssen. Mehr Sachlichkeit und eine gewisse Behutsamkeit gegenüber den Betroffenen, die eine so angeschärfte Sprache als Angriff gegen sich selbst empfinden müssen, sind vonnöten.

KNA: Sind das reine Stammtischparolen oder trifft er damit eine Mehrheitsmeinung?

Trelle: Eigentlich war die gesellschaftliche Debatte in den letzten Jahren doch schon weiter. Ich nehme weder die Politik noch die gesellschaftliche Debatte als naiv und blauäugig wahr. Viele Probleme und Sorgen werden offen angesprochen und diskutiert – übrigens auch und nicht zuletzt von den Kirchen. Sarrazin inszeniert sich als Provokateur und Tabubrecher, als ob die Dinge in der Diskussion des letzten Jahrzehnts nicht beim Namen genannt worden seien. Dass er mit seinen Thesen der Mehrheit aus der Seele spricht, glaube ich nicht. Die gesellschaftliche Bereitschaft zur Integration von Migranten hat erheblich zugenommen. Das ist ein Hoffnungszeichen. Sarrazins Buch dagegen birgt die Gefahr, dass sich bei denen, die anfällig sind, Vorurteile verstärken.

KNA: Was können die Kirchen zur Eingliederung von Migranten, besonders von Muslimen, beitragen?

Trelle: Die Kirche trägt in vielfacher Hinsicht dazu bei, Integrationsprozesse zu fördern: etwa durch die Migrationsdienste der Caritasverbände, durch zahlreiche Projekte der Kinder- und Jugendhilfe oder im Bildungsbereich. Ich erinnere an die hervorragende Arbeit unserer Kindertagesstätten im Blick auf Integration. Viele Muslime bringen ihre Kinder aus Überzeugung gerade in unsere Einrichtungen. Durch einen offenen und kritischen interreligiösen Dialog auf allen Ebenen – von der Bischofskonferenz bis hin zu Begegnungsprojekten in den Kirchengemeinden – tragen wir dazu bei, dass auch muslimische Gemeinschaften ihren Platz in der Gesellschaft leichter finden.

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Materialheft:
Gliederung 2011
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Autorin:
Bischof Norbert Trelle / Sabine Kleyboldt (KNA)
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