»Das wird man doch noch mal nicht sagen müssen«

 
Über (fehlende) Manieren in der Einwanderungsgesellschaft
OKR Thorsten Leißer - Foto: Tibor Anca/EKD

Das Buch mit dem roten Einband und den großen Buchstaben hat im vergangenen Jahr eine hitzige Debatte über den Stand der Integration von Muslimen in Deutschland ausgelöst. Ob sich Deutschland dabei tatsächlich selbst abschafft, wie es die Thesen des ehemaligen Bundesbankers Thilo Sarrazin vorhersagen, sei an dieser Stelle einmal ebenso dahingestellt wie seine genetische Argumentation in Bezug auf kulturelle und religiöse Prägungen.

Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist hingegen die veränderte Tonlage in der Öffentlichkeit im Blick auf Fragen der Einwanderungsgesellschaft, ihren Chancen und Möglichkeiten, aber auch ihre Probleme und Schwierigkeiten. Vielerorts entstand in der Berichterstattung der Eindruck, dass Herr Sarrazins Verdienst mit seinem umstrittenen Buch vor allem darin bestand, eines der letzten Tabus gebrochen und damit die öffentliche Debatte über die Integration von Zuwanderern endlich von politisch korrekten Denk- bzw. Sprechverboten befreit zu haben. Unter dem Hinweis »Das wird man doch noch mal sagen dürfen!« hat sich in der Folge der Ton spürbar verschärft (nicht nur) gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund. Unbedacht wurde vielerorts von Integrationsverweigerern gesprochen – einem Begriff, der letztlich unbestimmt bleibt und sich nicht durch Zahlen in irgendeiner Form bestätigen lässt. Mancher Politiker hingegen hat die Redensart von solchen angeblichen »Integrationsverweigerern« schnell aufgenommen und ihnen gleich angedroht, sie wieder »nach Hause zu schicken«, wenn sie sich nicht endlich integrieren. Andere stellten im Zuge der Diskussion interessanterweise fest, dass Deutschland überhaupt kein Einwanderungsland sei. Sogar Mitglieder der Bundesregierung fühlten sich bemüßigt, der Bevölkerung einmal mehr zu erklären, dass Multikulti »tot« ist. Und schließlich bot für viele selbsternannte Experten der Islam eine willkommene Erklärung für die Frage, warum manchen Zugewanderten die gesellschaftliche Integration schwerer fällt. Endlich durfte man – Herrn Sarrazin sei Dank – das alles mal sagen und Dampf ablassen über die Missstände im Land. Doch mit der scheinbaren »befreiten« Debatte wurde auch das gesellschaftliche Klima immer rauer: Einwandererinnen und Einwanderer wurden in der Folge enorm unter Druck gesetzt, sich zu rechtfertigen – für ihre Landsleute und eigene kulturellen oder religiösen Prägungen. Und wer in der Debatte einmal für Gelassenheit und eine differenzierte Sichtweise plädierte oder Beispiele gelungener Integration anführte, wurde als naiver Gutmensch abgestempelt, der die Realitäten einfach noch nicht erkannt hat.

Bei all der Schärfe, die seit der sarrazinischen Befreiung von der scheinbaren »Meinungsdiktatur der Alt-68er« in gesellschaftlichen Diskursen Einzug gehalten hat, bleibt jedoch vieles von dem auf der Strecke, was wir in unserem Lande bisher erreicht zu haben meinten. Wenn man bedenkt, dass die Politik erst 2005 offiziell (an)erkannt hat, dass die Bundesrepublik ein Einwanderungsland ist und dann noch drei Jahre brauchte, um ein Zuwanderungsgesetz zu verabschieden, ist der Grad an bunter Vielfalt doch enorm. Keine Rede war davon, wie friedlich das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft, Kultur, Religion oder Weltanschauung in unseren Städten längst ist. Keine Rede davon, wie selbstverständlich der ständige Integrationsprozess Zugewanderte und Aufnahmegesellschaft mittlerweile geprägt und verändert hat. Stattdessen verrohte die Diskussion und ließ Anstand und Manieren vermissen.

Dabei braucht jeder gesellschaftliche Diskurs doch Manieren. Das Wort klingt vielleicht etwas angestaubt. Aber es wird doch immer klarer, dass im Ringen darum, wie unser Zusammenleben ist und wie wir es uns wünschen, ein gewisses Maß an Würde und Respekt füreinander unerlässlich ist. Das fängt schon sprachlich an: Es geht nicht bloß um »Migranten« in der Integrationsdebatte, sondern um Menschen mit einer unveräußerlichen Würde und einer einzigartigen Geschichte. Und es geht nicht darum, eine bestimmte Gruppe der Bevölkerung unter Generalverdacht zu stellen und von ihr eine Anpassung an die vielfach beschworene deutsche »Leitkultur« zu verlangen (was auch immer darunter zu verstehen sein mag). Wer solches heutzutage immer noch fordert, hat nicht verstan-den, was Integration wirklich bedeutet: ein wechselseitiges Geschehen, dass alle Beteiligten verändert. Integration ist vielmehr eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und zielt darauf ab, dass Menschen und ganze Gruppen nicht abgehängt werden von der Partizipation am politischen, kulturellen und medialen Leben. Das betrifft nicht nur Zugewanderte und Flüchtlinge, es gilt auch für von Armut bedrohte Schichten, für Arbeitslose und Behinderte in gleichem Maße.

Vor diesem Hintergrund ist es tatsächlich auch eine Frage von Manieren, von bestimmten Umgangsformen, die ein Mindestmaß an Anstand und Würde in gesellschaftlichen Debatten bewahren. Im Zentrum aller Manieren steht eine Kultur der Achtsamkeit, ein Umgang miteinander, in dem sich Respekt vor dem Anderen oder Fremden zeigt. Zwar existiert ein unaufgebbares Recht zur Rebellion gegen Manieren, wo sie zum reinen Selbstzweck verkommen und nur noch durch bloße Formalität ihrerseits bestimmt sind – schließlich sind die Manieren für die Menschen und das Gemeinwesen da und nicht der Mensch für die Manieren. Ja, deswegen kann der Einspruch gegen bloße Rhetorik und inhaltsleere Formen nötig oder sogar geboten sein. Aber wenn eine solche Rebellion selbst in der Formlosigkeit endet oder in eine bloße Verrohung der gesellschaftlichen Umgangsformen mündet, hat sie ihr Ziel verfehlt.

Der Debatte um Herrn Sarrazins Buch hätte es gut angestanden, wenn solche Manieren nicht gänzlich ausgeblendet worden wären. Dafür tragen neben Politikern und Medien auch die Kirchen eine Mitschuld. Viel zu selten und viel zu zögerlich haben sie sich zu Wort gemeldet und Partei für einen sachlichen Diskurs ergriffen. Dabei hätten sie mit aller Erfahrung ihrer Migrationsberatungsstellen und nicht zuletzt in ihrem jahrzehntelangen Engagement für die Interkulturelle Woche dazu beitragen können, dass der Blick auf die Integration in unserem Land nicht so verzerrt und düster sein muss, wie er nun gezeichnet wird. Stattdessen aber bleib es verhältnismäßig still in den Landeskirchen und Diözesen. Daraus wird für die Zukunft zu lernen sein. Denn der Hype um die vermeintlichen Missstände in der Einwanderungsgesellschaft ist zwar derzeit abgeebbt, aber er könnte jederzeit wieder aufkommen – besonders in Wahlkampfzeiten. Und davon haben wir in diesem Jahr noch einige vor uns.

Zusätzliche Bilder
(C) Gerhard Mester
 
Materialheft:
Gliederung 2011
Autor:
Oberkirchenrat Thorsten Leißer
Weitere Informationen:

OKR Thorsten Leißer ist Referent für Menschenrechte und Migration im Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland und Mitglied im ÖVA.

Kontakt:
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Referat Menschenrechte und Migration
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Tel.: 0511 / 27 96 411
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