Gedanken zur Interkulturellen Woche 2011

 
»Zusammenhalten – Zukunft gewinnen«

»Wie viel Mal schlafen, bis ich mit zu Marian darf?« Unsere Tochter hat eine neue Freundin im Kindergarten, mit der sie alles macht: Draußen herumtoben, im Sternenzimmer kuscheln, die Puppen an- und ausziehen, sich angiften und wieder vertragen. Morgens freut sie sich auf Marian und wenn es nach Hause geht, fragt sie, ob Marian morgen auch sicher wieder da ist. Ein besonderes Highlight in der Woche ist es, wenn sie sich nach dem Kindergarten nachmittags zu Hause besuchen.

»Marians Papa ist Spanier!« weiß unsere Tochter. Wir rätseln. Kann das sein? Ihre Mutter heißt doch »Zengin« mit Nachnamen, das kam uns immer türkisch vor. Eines Tages treffen wir Frau Zengin in der Stadt und trinken einen Kaffee miteinander – die Gelegenheit, sie einfach mal zu fragen. Und tatsächlich: Frau Zengin ist Türkin, ihr Mann Spanier. Fröhlich und stolz erzählt sie, dass ihre Kinder drei Sprachen können: Spanisch, Türkisch und Deutsch.

Unsere Verwirrung hat sich aufgelöst und uns wird klar: Die Welt wird immer bunter, auch unsere Welt hier vor Ort in Unna. Warum soll es das auch nicht geben: ein spanisch-türkisches Mädchen in einem deutschen evangelischen Kindergarten? Schließlich spielt unsere Tochter dort ja auch noch mit Kindern mit vietnamesischem, griechischem, mazedonischem, portugiesischem Hintergrund.

Doch für sie spielt es überhaupt keine Rolle, woher ihre Spielkameradinnen kommen. Für sie ist entscheidend: hat die andere auch so Spaß an Puppen wie ich? Verteilt sie keine Schläge und Kniffe? Lässt sie sich gerne mal umarmen? Kann ich mit ihr auch mal etwas Freches anstellen?

Jesus sagt: »wer den Willen tut meines Vaters im Himmel, der ist mir Bruder und Schwester und Mutter« (Mt 12,50). Der Kindergarten ist ein wunderbarer Ort, diese Art von Seelenverwandtschaft zu entdecken, die nicht nur kulturelle Grenzen überwindet, sondern etwas Neues entstehen lässt, eine gemeinsame Identität der Verschiedenen, in der Herkunft und Abstammung keine Rolle mehr spielen.

Wir hören in letzter Zeit so viel von angeblich nicht gelungener Integration, von Parallelgesellschaften, von Verdächtigungen und Unterstellungen gegenüber Zugewanderten; Vorurteile und Schubladendenken gegenüber der Gruppe der Migranten, die es als eine einheitliche Gruppe überhaupt nicht gibt, finden in Buchform reißenden Absatz.

Deutschland ist längst weiter, als es diese unsägliche Diskussion erscheinen lässt. Wir erleben es im Alltag und wir können es sehen, wenn wir nicht nur auf das Schwierige und Störende achten. Und wir können Freude an dieser Vielfalt entwickeln, an dem neuen, bunten Land, das wir längst sind. Das trägt weiter, als alle Parolen von »Fördern und Fordern«, die doch immer das »Fordern« betonen.

Lassen Sie uns nach noch mehr Orten suchen, an denen diese alltägliche Vielfalt gelebt werden kann, an denen das Motto der diesjährigen bundesweiten Interkulturellen Woche ein Stück weit umgesetzt wird: »Zusammenhalten – Zukunft gewinnen.«

 
Materialheft:
Gliederung 2011
Schlagworte:
Autor:
Pfarrer Helge Hohmann
Weitere Informationen:

Helge Hohmann ist Pfarrer für Zuwanderung, Institut für Kirche und Gesellschaft der Evangelischen Kirche von Westfalen.

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