Religion braucht Bildung

 
Chancen und Herausforderungen für die kirchliche Bildungsarbeit in der Einwanderungsgesellschaft
Andreas Lipsch - Foto: privat

Die »Rückkehr der Religion« ist ein vielgestaltiges und machtvolles Phänomen, das alle Bildungseinrichtungen herausfordert. (Inter-)religiöses Lernen in heterogenen Lerngruppen ist dabei gefragt. Kirchliche Einrichtungen stehen vor der Herausforderung, sich nicht nur interkulturell und interreligiös, sondern auch institutionell für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit anderen religiösen Prägungen zu öffnen.

Von einem Elefanten sprach der amerikanische Soziologe Peter L. Berger bei der diesjährigen Eröffnung des Soziologentages in der Frankfurter Paulskirche. Fast überall, wohin man in der Welt komme, stehe der Elefant dick und breit da. Gemeint ist die Religion. Obwohl die neue Bedeutung der Religion unübersehbar ist – O-Ton Berger: »Ich wollte Ihre Aufmerksamkeit nur auf den Elefanten gelenkt haben, der hier mitten in der Paulskirche steht« – werde sie soziologisch kaum wahrgenommen. Die Elefantenmetapher trifft aber auch das Phänomen selbst in prägnanter Weise. Elefanten sind bekanntlich nicht nur friedliche Dumbos. Sie können auch zerstörerisch sein. Die »Wiederkehr der Götter« (Friedrich Wilhelm Graf) ist nicht in jedem Fall ein fröhliches Stelldichein. Wer den heute in verschiedenen Weltgegenden stärker werdenden religiösen Furor beobachtet, empfindet das womöglich eher als Heimsuchung unberechenbarer Kräfte. Ein ambivalentes Phänomen also, die Rückkehr der Religion(en). Im Übrigen ein schwer übersehbares.

Portable Heimaten, reine Religionen und ein warmes Bett

In der zunehmend durch Migration geprägten Gesellschaft spielen Religionen im Sinne »portabler Heimaten« eine wichtige Rolle. Das gilt vor allem für die Migrationspioniere, die wirklich noch mit dem Koffer unterwegs sind. Bei der Bewältigung der Verunsicherungen und Brüche, die notwendig mit Migrationserfahrungen einhergehen, können religiöse Orientierungen und Praxen zu einer Ressource werden. Transportiert werden in der Regel aber nicht nur Riten und Bekenntnisse, sondern auch Sprachen, Sitten und Gebräuche. Religion und Kultur sind hier nur schwer zu unterscheiden.

Angehörigen der zweiten oder dritten Einwanderergeneration geht es oft genau darum: Sie unterscheiden ganz bewusst zwischen Religion und kultureller Tradition. Unter manchen jungen »born-again«-Muslimen ist zurzeit eine Tendenz zu beobachten, diese Unterscheidung radikal zu betreiben und die Religion vollständig zu dekulturalisieren.1 Eine Tendenz, die man auch in der globalen Pfingstbewegung finden kann. Im Namen einer »reinen Religion« wird sowohl mit der Herkunftskultur wie mit der Kultur der so genannten Mehrheitsgesellschaft gebrochen, um sich einer transnationalen religiösen Avantgarde anzuschließen. Fundamentalistische Gruppen in allen Weltreligionen orientieren sich am vermeintlich unverfälschten Buchstaben der Tradition. Andere – vor allem junge Musliminnen – suchen auf dem Weg einer kritischen Lektüre und Neuauslegung der religiösen Tradition nach Emanzipation und Selbstbestimmung.

Trotz aller Unterschiede gibt es auch etwas Gemeinsames. Die Rückkehr der Religion hat nicht zuletzt mit einer weltweit wahrnehmbaren und dramatischen Polarisierung der Lebensbedingungen und Lebenschancen zu tun, die immer näher ans eigene Heim zu rücken scheint. Soziale Ungleichheit, die vorher ziemlich »ordentlich« auf unterschiedliche Weltgegenden verteilt war, ist mittlerweile in allen modernen Gesellschaften in bisher nicht gekanntem Ausmaß angekommen – und verschärft sich weiter. Dieses soziale Beben verbreitet ein Grundgefühl von Unsicherheit und Perspektivlosigkeit, das Menschen nach Ankern und Netzen suchen lässt. Weil Menschen ihr Leben als sozial »entbettet« erfahren, wächst das Bedürfnis nach religiöser »Einbettung«.

»Ganz unten« gewinnen sekundäre Integrationspotentiale der Religionen an Bedeutung: informelle Netze, informelle Ökonomien. Religiöse Zugehörigkeiten entfalten große Bindekräfte und lassen Ausgeschlossenen und Abgeschriebenen die Anerkennung zukommen, die ihnen in der Gesellschaft versagt bleibt. Die Kehrseite: Solche religiös eingebetteten Solidaritätsformen haben die Tendenz, sich nach außen abzuschließen. Auch in der Mitte der Gesellschaft wird wieder öfter religiös gesprochen, nicht selten – und besonders gerne mit Verweis auf das »jüdisch-christliche Abendland« – um sich von denen ganz unten deutlich zu unterscheiden.

Die »Rückkehr« der Religion hat also ganz unterschiedliche Dimensionen und erfüllt unterschiedliche Funktionen. Diese Komplexität geht in den heutigen Debatten über Religion regelmäßig verloren. Da geht es eher um Religionsaufkleber, die auf alle möglichen sozialen Lebens- und Konfliktlagen gepappt werden. Auch das ist eine Dimension der Rückkehr der Religion: Früher war »der Italiener« das Problem (jawohl, vor gar nicht so langer Zeit galt vor allem dieser »Südländer« als nicht integrierbar!). Heute ist es »der Muslim«. Mittlerweile wird das nicht mal mehr erläutert. Ein Muslim ist ein Muslim ist ein Muslim. Das erklärt zwar nichts, aber es evoziert: homogene Identität, abgeschottete Gruppe, undurchdringliche Truppe, vormoderner Kulturkreis. Die »Religionisierung« sozialer Unterschiede hat die »Ethnisierung« und »Kulturalisierung« weitgehend abgelöst. Und das verfängt nicht zuletzt deshalb so gut, weil Religion ein zutiefst ambivalentes Phänomen darstellt. Indem sie Sinn stiftet und in einer utopiearmen Zeit die Vision von Gerechtigkeit und Versöhnung wach hält, kann sie Einzelne und Gruppen orientieren, Unterschiede integrieren, zu solidarischem Handeln anleiten und das eigene Leben und die eigene Identität in einen größeren Zusammenhang stellen. Religion kann aber auch das genaue Gegenteil: Sie kann verdammen, desintegrieren, Unterschiede als unversöhnbare festschreiben, exkommunizieren und Menschen mit Identitätspanzern ausstatten. Der Elefant hat einen Januskopf.

Zukunftsfähige religiöse Bildung braucht interreligiöse Lerngruppen

»Die Welt ist angefüllt mit Religion«, ruft Peter L. Berger den Soziologenkollegen und -kolleginnen in der Frankfurter Paulskirche zu und fordert sie auf, sich dieses Themas intensiver anzunehmen. Das gilt mindestens ebenso dringend für die Bildungsarbeit. Und zwar aus beiden Gründen: Weil das Phänomen Religion mittlerweile die Ausmaße eines Elefanten hat, kann und darf es nicht privat bleiben. Religion ist eine öffentliche Angelegenheit. Weil der Elefant Religion einen Januskopf hat, bedürfen alle der religiösen Aufklärung. Religion muss ein Gegenstand der Bildung werden, weil Religion selber Bildung braucht.

Schon dreijährige Kinder sind heute durch ihren alltäglichen Umgang mit kultureller und religiöser Vielfalt in einer viel stärkeren Weise mit Religion befasst als frühere Generationen. Sie müssen Orientierung und eigene Positionen in einer kulturell und religiös pluralen Welt finden. Deshalb gehört religiöse Bildung zu den zentralen Bildungsaufgaben bereits im Elementarbereich. Und in der Schule sowieso. Das ist eine Herausforderung für alle Bildungseinrichtungen. Für die der Kirchen allerdings in besonderer Weise.

Kirchliche Bildungsarbeit muss zur Selbstreflexion befähigen. Ihr muss an der »Selbstaufklärung« der Religion gelegen sein, weil Exklusivitätsansprüche und daraus begründete Intoleranz und Gewalt zur Geschichte und Gegenwart gerade der monotheistischen Religionen gehören. Sie wird Traditionen wiederentdecken und -beleben, die Absolutheitsansprüche in Frage stellen und Selbstbegrenzung attraktiv machen. In allen monotheistischen Religionen gibt es solche Demutstraditionen, die »Identitätsgewinn durch Überwältigungsverzicht«2 versprechen. Kirchlicher Bildungsarbeit in der Einwanderungsgesellschaft geht es nicht zuletzt um Selbstdeutung im Horizont des Anderen. Was gebildet werden muss, sind offene und reflexive religiöse Identitäten, die Perspektiven wechseln können und sich beim Glauben über die Schulter schauen (lassen). So etwas lernt sich am besten in kulturell und religiös gemischten Gruppen.

Angesichts der ohnehin schon verbreiteten Sprachlosigkeit zwischen Menschen unterschiedlicher religiöser Zugehörigkeit und zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Milieus wäre es fatal, wenn religiöse Bildung einfach die »religiöse Normalverteilung« in der Gesellschaft abbilden würde. Eine Einteilung der Lernenden und der Lehrenden entlang der Konfessions- und Religionsgrenzen – und dann womöglich auch noch sozial entmischt – ist einer zukunfts- und dialogfähigen religiösen Bildung wenig zuträglich. Stattdessen brauchen wir heterogene Gruppen, in denen transversal gelernt werden kann. Religiöse Bildung und interreligiöse Bildung sind zwei Momente eines Lernprozesses. Sie gelingen am besten in Begegnung, Beziehung und Zusammenarbeit.

Dass das geht, und wie gut das geht, zeigt ein Beispiel aus der Schule: In einem Projekt des Theodor-Heuss-Berufsschulzentrums im hessischen Offenbach werden Schüler verschiedener Glaubensrichtungen im Religionsunterricht zusammen unterrichtet. Eine evangelische und eine islamische Theologin sowie ein katholischer Theologe treten in der 11. Klasse gemeinsam vor eine interreligiöse Lerngruppe. Darunter Fromme und Zweifelnde, Überzeugte und Fragende unterschiedlicher Konfessionen und Religionen. Üblicherweise erfahren die Schüler, dass Religionszugehörigkeit etwas ist, was trennt. Hier lernen sie – nicht zuletzt durch das Vorbild der heterogenen Lehrerschaft – konstruktiv mit Unterschieden umzugehen. Sie erleben, dass es Unterschiede nicht nur zwischen Konfessionen und Religionen gibt, sondern auch in ihrem Inneren. Sie lernen Beschreibungen und Zuschreibungen zu unterscheiden. »Religionisierungen« liegen ihnen fern, weil sie aus der Nähe kennen, worüber andere nur reden. Da gibt es nicht mehr »den« Christen und »den« Muslim, nur noch Mustafa, Wesley, Dominik, Luam, Dragana und die Anderen. Derartige (inter-)religiöse Bildung geht davon aus, dass jeder Mensch mehrdimensional ist, vielfältige Zugehörigkeiten hat und lebt. Sie nimmt Abschied von der Vorstellung »reiner« religiöser oder kultureller Identitäten und thematisiert »vielfältige Lebensweisen« (Jutta Hartmann).

Auf dem Weg zu einer »Kirche mit Anderen«

Höchste Zeit, dass solche Ansätze (inter-)religiöser Bildung multipliziert werden, vor allem im Blick auf Kindertagesstätten, von denen die Mehrheit in kirchlicher Trägerschaft ist. Es wäre durchaus zu begrüßen, wenn zukünftig auch andere religiöse Träger – angesichts der aktuellen Zahlen vor allem muslimische – hinzukämen. Ebenso wünschenswert ist allerdings, dass dies nicht zur Entmischung der mittlerweile schon einigermaßen heterogen gewordenen Lerngruppen führt und damit zu einem der Integration nicht gerade zuträglichen »pluralen Monokulturalismus« (Amartya Sen). Alle, und vor allen die religiösen Träger, sollten (inter-)religiöse Bildung transversal, in Begegnung, Beziehung und Zusammenarbeit organisieren. Im Blick auf die Zusammensetzung der Lerngruppen sind die kirchlichen Träger schon auf einem guten Weg. Allerdings fehlt weitgehend, was das Offenbacher Schulprojekt so attraktiv macht und überhaupt erst ermöglicht hat: eine heterogene Zusammensetzung auch des pädagogischen Personals. Mit einem monoreligiösen Team wären sie in Offenbach nicht weit gekommen. Gerade wo religiös gebildet werden soll, braucht es Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unterschiedlicher religiöser Prägungen. Nicht um eine Muslima für die muslimischen Kinder zu haben, sondern um (inter-)religiöses Lernen und Arbeiten durch interkulturelles und interreligiöses Team-Teaching vorzumachen, »vorzubilden« und um es zu professionalisieren.

Eine Kirche, deren Identität und soziale Gestalten sich selber interkulturellen und interreligiösen Prozessen und Überlagerungen verdanken, sollte das Lernen in interkulturellen und interreligiösen Gruppen und mit einer interkulturellen und interreligiösen Mitarbeiterschaft selbstbewusst und selbstbestimmt zu ihrem Profil erklären. Kirche in der Einwanderungsgesellschaft muss sich nicht nur interkulturell und interreligiös, sie sollte sich auch institutionell öffnen. Die Zukunft gehört einer Kirche und einer »Dienstgemeinschaft mit Anderen«.3

1  Vgl. Olivier Roy: Der islamische Weg nach Westen. Globalisierung, Entwurzelung und Radikalisierung, München 2006.
2  Joachim von Soosten: Fremdsprachen. Das Problem der Toleranz. Magazin für Theologie und Ästhetik 14/2001, URL: http://www.theomag.de/14/jvs2.htm.
3  Vgl. Peter Scherle: Re-Visionen der Dienstgemeinschaft. Überlegungen zur »interkulturellen Öffnung« und zum »dritten Weg« in Kirche und Diakonie, in: Diakonisches Werk in Hessen und Nassau (Hg.): Auf dem Weg zu einer »Dienstgemeinschaft mit Anderen«, Frankfurt am Main 2010, Internet: www.diakonie-hessen-nassau.de (in der Rubrik »Publikationen«).

Zusätzliche Bilder
Foto: Dieter Schütz / PIXELIO
 
Materialheft:
Gliederung 2011
Autor:
Andreas Lipsch
Weitere Informationen:

Erschienen in: nah & fern (Nr. 46/2010), dem Kulturmagazin für Migration und Partizipation (www.nahundfern.info).
Der Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung des von Loeper Literaturverlags, Karlsruhe.

Andreas Lipsch ist Interkultureller Beauftragter der Evangelischen Kirche und des Diakonischen Werkes in Hessen und Nassau sowie stellvertretender Vorsitzender des ÖVA.

Kontakt:
Diakonisches Werk in Hessen und Nassau
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