Bildungsinklusion in der Einwanderungsgesellschaft

 
Anja Wetzel - Foto: Bernd Tochatschek

Schule ist der Ort der Gesellschaft, an dem moralische Werte und Normen Bestandteil der Erziehung und Bildung sind. Sie legitimiert sich als bevorzugtes sozialpolitisches Instrument zur Herstellung von Chancengleichheit und ist verpflichtet, Entscheidungen über Bildungskarrieren zu treffen, welche der Gerechtigkeit unterliegen. Allerdings bestätigen Untersuchungen zur Bildungsbeteiligung1, dass die sozioökonomische und ethnische Herkunft mit dem Kompetenzniveau im Bildungssystem eng zusammenhängt. Die deutschen Sprachkenntnisse der Eltern nehmen proportional zur Schulhierarchie ab und Bildungschancen werden durch unzureichende materielle Sicherung beeinträchtigt. Im Schuljahr 2009/20102 besuchten 4,35 % der Gesamtschülerschaft eine Förderschule, das entsprach 387.792 Schülern. Davon waren 13,81 % nicht-deutscher Herkunft. Mehr als die Hälfte von ihnen besuchte eine Schule mit dem Förderschwerpunkt Lernen. Das Bildungssystem scheint nur begrenzt in der Lage zu sein, die unterschiedlichen Ausgangslagen zu kompensieren. Die Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit kann in Frage gestellt und als verfassungswidrig betrachtet werden. Besonders im Hinblick auf das deutsche Grundgesetz, die internationalen Kinder- und Menschenrechte und die UN-Behindertenrechtskonvention.

In der Fachliteratur finden sich dafür u.a. Erklärungen, welche in der Systemlogik der Bildungsstruktur (Radtke/Gomolla) begründet liegen. Diese lassen mutmaßen, dass in einem selektiven, hierarchisch aufgebauten Schulsystem ein Nutzen liegt, der schulrechtlich vorgesehen ist. Es wird behauptet, dass es bei der Bewertung schulischer Leistungen (und ihrer entsprechenden Weiterentwicklung) ungleiche Regelungen gibt. Dabei stehen institutionelle Barrieren in einem politischen und sozialen Kontext.

Systemisch betrachtet soll zwischen der Organisation Schule und den Mitgliedern eine strukturelle Kopplung hergestellt werden. Das bedeutet, dass Schule als monolinguale und monokulturelle Einrichtung von den Schülern Fähigkeiten und Kenntnisse verlangt, die in beiderlei Hinsicht dem System entsprechen. Hochformalisierte und verrechtlichte Prüf- und Entscheidungsverfahren dienen zur Erhaltung des Systems und diskriminieren damit Schüler mit Migrationshintergrund.

Bereits 1982 wurde in einem Credo der Kultusministerkonferenz beschlossen, dass Schüler aufgrund sprachlicher Kenntnisse nicht an Förderschulen überwiesen werden dürfen. Laut Forschungsergebnisse sind aber Schüler, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, stärker von schulischer Selektion betroffen als ihre deutschen Mitschüler. Denn die formelle Unterrichtsgestaltung folgt der Systemlogik und feste Inhalte richten sich an homogene Lerngruppen. Das Fazit ist Aussonderung aus dem allgemeinen Schulsystem in das Förderschulsystem.

Mit diesem strukturellen Erklärungsversuch verstößt das deutsche Bildungssystem gegen die UN-Behindertenrechtskonvention (2009), nach der für alle Schüler das Recht auf gemeinsamen Unterricht und ein gleichberechtigtes Miteinander an Regelschulen besteht. Der Expertenkreis »Inklusive Bildung« der Deutschen UNESCO-Kommission verdeutlicht,  dass sich nicht der Lernende in ein System integrieren muss, sondern das Bildungssystem die Bedürfnisse des Lernenden berücksichtigen und sich diesen anpassen soll.

Von Migrantinnen und Migranten wird der Integrationswille in eine Mehrheitsgesellschaft verlangt. Die Forderung nach Inklusion im Bildungssystem klingt dabei absurd und visionär. Doch Inklusion, als dynamischer, zirkulärer Prozess, sieht in menschlichen Beziehungen ihr Potential. Im Verständnis geht es darum, gegenseitige Befindlichkeiten in einem Dialog zu verdeutlichen, damit Eltern, Schüler und Lehrkräfte ihre eigenen Ängste und Unsicherheiten gegenüber dem Fremden abbauen. Informelle Gelegenheiten erleichtern den Aufbau positiver Beziehungen und schaffen Vertrauen und Nähe. Dafür bietet auch die interkulturelle Pädagogik Ansätze.

Bevor Kulturen in gut, mangelhaft oder problematisch beurteilt werden, ist es unabdingbar, dass sich jeder Lehrer auch mit seiner eigenen Kultur und Gesellschaft auseinandersetzt. Erst durch Aufklärung, gegenseitiges Verständnis und Anerkennung gelangen wir zum gemeinsamen Handeln und konstruktiven Dialog. Jedem Kind muss das Recht gewährt werden, seinem Entwicklungspotential zu folgen, sich heimisch zu fühlen und seinen Platz zu finden. Die (Schul)Gemeinschaft ist verpflichtet, jungen Menschen die Zukunft optimistisch zu gestalten und ihnen Sinn, Orientierung und Respekt entgegen zu bringen.

1  u. a. Kornmann 2002, PISA 2006, Wocken 2007
2  Statistisches Bundesamt Deutschland, KMK Statistik.

 
Materialheft:
Gliederung 2011
Autorin:
Anja Wetzel
Weitere Informationen:

Anja Wetzel ist Referentin beim Bundesverband evangelische Behindertenhilfe e. V. für das Handlungsprogramm »Vielfalt-in-Bildung. Eine Schule für alle – jetzt!«

Kontakt:
Bundesverband evangelische Behindertenhilfe e. V., Altensteinstr. 51
14195 Berlin, Tel.: 030 / 8 30 01 - 279
wetzel@beb-ev.de
www.beb-ev.de