»Verschiedenheit achten – Gemeinschaft stärken«

 
Gemeinsamer Religionsunterricht an der Theodor-Heuss-Schule in Offenbach

Arjun, Dilek, Marija, Peter, Rosanna und Jessica sitzen im Kreis mit weiteren jungen Menschen zusammen und sprechen darüber, was sie in den vergangenen Wochen Besonderes erlebt haben. Es ist Anfang Januar, die Moslems hatten ihr Opferfest, die Juden Chanukka, bei den Christen war Weihnachten und alle haben sie den Jahreswechsel gefeiert, wenn auch in unterschiedlichen Formen.

Dass Juden, Christen, Moslems, Atheisten, Buddhisten, Hindus und andere gemeinsam über Religionen und Weltanschauungen, ihre Feste und Traditionen sprechen, gehört zum Unterrichtsalltag der Theodor-Heuss-Schule in Offenbach. Seit 3 Jahren gibt es dort das Projekt »Verschiedenheit achten – Gemeinschaft stärken«, das Teil des schulischen Gesamtprojektes »Interkulturelles Lernen, damit Bildung gelingt« ist.

Die Idee zu dieser Arbeit ist aufgrund der Zusammensetzung unserer Schülerschaft entstanden. Die Schule wird von etwa 2100 Schülerinnen und Schülern besucht, von denen über 70 Prozent Migrationshintergrund haben. Ziel der Projektarbeit ist es einerseits, bestehende Konflikte zu thematisieren, Hintergründe verständlich zu machen und gegebenenfalls Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln. Andererseits, und dies ist ganz wichtig, geht es uns darum, die Chancen dieser Multikulturalität zu nutzen.

Eines davon ist die Gestaltung des Religions- und Ethikunterrichts in der 11. Klasse des beruflichen Gymnasiums. Normalerweise wählen sich die Schüler zu Beginn des Schuljahres in die Kurse Evangelische und Katholische Religion oder Ethik ein. Sie erleben somit ihre Religion bzw. Weltanschauung als etwas, was sie voneinander trennt. Wir, das waren zunächst Stephan Pruchniewicz (katholischer Diplomtheologe) und ich, Carolin Simon-Winter (evangelische Pfarrerin) wollten dieser impliziten Botschaft entgegentreten, ohne die Unterschiede der Religionen zu verwischen oder gar aufzuheben. In unserer Unterschiedlichkeit wollten wir die Schüler im Team unterrichten. Da der größte Teil unserer Schülerschaft einer der muslimischen Religionsgemeinschaften angehört, war es uns wichtig, von Anfang an gemeinsam mit einer Muslima zu unterrichten. Wir konnten Frau Gonca Aydin, eine ausgebildete muslimische Theologin sowie Magister der Religionswissenschaften der Uni Frankfurt, für unser Projekt gewinnen. So unterrichten wir nun zu dritt, nicht immer alle gleichzeitig, aber für die Schülerinnen und Schüler der vier 11. Klassen gemeinsam verantwortlich und ansprechbar.

Ausgehend von den Lehrplänen der Fächer evangelische und katholische Religion sowie Ethik, haben wir ein Curriculum entwickelt, das im Wesentlichen die drei Religionen Judentum, Christentum und Islam sowie säkulare Weltanschauungen in Verbindung mit den Begriffen »Toleranz« und »Dialog« in den Blick nimmt. Unser Projekt soll keine grundsätzliche Alternative zum klassischen Religionsunterricht sein, sondern als Bereicherung für bestimmte Jahrgangsstufen dienen.

Wir denken, dass es wichtig ist, jungen Menschen die Möglichkeit zu bieten, innerhalb ihrer Religion und Tradition Heimat zu finden, ohne sich von anderen wertend abzugrenzen oder sich verteidigen zu müssen.

Und wie erleben das die Schüler? Die erste Lernerfahrung in allen Klassen ist: »Wir sind anders!« Und es wird nicht nur sichtbar, dass sich Christen von Moslems unterscheiden und diese wiederum von Atheisten oder Buddhisten, sondern auch die scheinbar homogenen Blöcke der Moslems, der Christen, der Atheisten weichen auf, ohne jedoch Unterschiede zu verwischen. Wir erleben, dass gerade in der Differenzierung die Chance zur Verständigung liegt. Die Religionen bekommen viele verschiedene Gesichter. Es erscheinen neben evangelischen, katholischen, syrisch-, serbisch-, griechisch-orthodoxen Christen solche aus Pfingst- und Freikirchen; wir erleben sunnitische, alevitische, schiitische Muslime, Zugehörige der Ahmadiyya-Gemeinde und Buddhisten aus Tibet und Myanmar. Diese bewusst wahrgenommene Vielfalt stiftet eben keine Verwirrung, vielmehr lernen die Schüler an sich selbst, dass es ein Anders-Sein gibt, dass das Eigene nicht bedroht und somit nicht als Konkurrenz gesehen werden muss. Ein Schüler sagte einmal: »Man lernt Gemeinsamkeiten und Unterschiede (!) zu schätzen und beginnt Hintergründe zu verstehen. Das schafft ein besseres Miteinander«. Wir hoffen, dass wir dieses Miteinander weiterhin gestalten können, denn es ist nicht nur lehrreich, sondern bringt auch viel Spaß.

 
Materialheft:
Gliederung 2011
Schlagworte:
Autorin:
Carolin Simon-Winter
Weitere Informationen:

Kontakt:
Pfarrerin Carolin Simon-Winter
Theodor-Heuss-Schule
63071 Offenbach
carolin-si-wi@gmx.de