Unsere Geschichten – eure Geschichte?

 
Stadtteilmütter auf den Spuren der Geschichte

Berlin-Neukölln, ein gut gefüllter Saal mit etwa zweihundert Frauen und Männern unterschiedlichster Herkunft. Das Thema der Veranstaltung: »Miteinander statt Übereinander – Geschichte in der Einwanderungsgesellschaft«. Das Publikum stellt Fragen: »Ob die ASF-Seminare zum Nationalsozialismus die Stadtteilmütter politisiert hätten«, möchte eine Zuhörerin wissen. Lächelnd antwortet eine Stadtteilmutter mit einer Gegenfrage: »Warum denken Sie eigentlich, wir seien vorher nicht politisch gewesen?«

Trotz der Realität von mehr als fünfzig Jahren Einwanderungsgesellschaft im Nachkriegsdeutschland wissen Mehrheitsgesellschaft und Migranten oft wenig voneinander. Kaum jemand erwartet, dass Muslima aus sozialen Brennpunkten in Berlin-Neukölln und Kreuzberg Seminarreihen zum Holocaust initiieren.

Mit dem Projektbereich Interkulturalität ist bei Aktion Sühnezeichen Friedensdienste eine Plattform entstanden, sich intensiv mit der Frage nach der Bedeutung und Ausgestaltung des erinnerungspolitischen Diskurses in der Einwanderungsgesellschaft zu beschäftigen. Seit vier Jahren organisieren wir Seminare zum Nationalsozialismus mit Stadtteilmüttern in Berlin-Kreuzberg und Neukölln. Stadtteilmütter sind Frauen mit Migrationshintergrund, die in sozialen Brennpunkten Familien beraten. Es waren die Stadtteilmütter, die diese Seminare angeregt hatten. Denn für sie ist die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und der Schoa einer der Schlüssel zum Verständnis der deutschen Gesellschaft. Sie wollen ihren Kindern Antworten geben können, wenn sie sich in der Schule mit dem Holocaust beschäftigten und sich aktiv an gesellschaftlichen Debatten beteiligen, die Bezugspunkte in der deutschen Geschichte haben.

Eine Seminarreihe umfasst zehn Termine und eine Wochenendfahrt. Neben der Begegnung mit Zeitzeugen und dem Besuch von Gedenkstätten setzen die Stadtteilmütter sich in filmischen und schriftlichen Materialien mit unterschiedlichen Perspektiven und Aspekten der Geschichte des Nationalsozialismus auseinander.

Wenn wir von den ASF-Seminaren mit den Stadtteilmüttern berichten, stoßen wir häufig auf große Verwunderung, dass Migrantinnen und Migranten sich mit dem Thema Nationalsozialismus und Judenverfolgung auf eigene Initiative hin beschäftigen wollen. Besonders Muslimen wird häufig unterstellt, sie seien nicht an Themen der Aufnahmegesellschaft interessiert bzw. zu antisemitisch, um sich mit der Verfolgung und Vernichtung der Juden empathisch auseinander zu setzen. Häufig wird ihnen auch gesagt, sie sollten sich erst mal mit ihrer eigenen Geschichte beschäftigen, womit immer die Geschichte ihres Herkunftslandes gemeint ist, unabhängig davon, wie lange sie in Deutschland leben bzw. welcher Geschichte sie sich zugehörig fühlen.

Diese negativen Bilder über Migranten, die ihnen pauschal Des-Interesse und Antisemitismus unterstellen und sie auf ihre Herkunftsgeschichte reduzieren, (re)-konstruieren ein ethnisches »Wir« und »Sie« und schließen Migranten aus historisch-politischen Diskursen der Mehrheitsgesellschaft aus.

Zu den Visionen von ASF gehört es, dass Migranten und Herkunftsdeutsche in Deutschland mit gleichen Rechten zusammenleben können und dass alle, die in dieser Gesellschaft leben, ihre Vorstellungen gleichberechtigt einbringen können und die Möglichkeit der gleichberechtigten Partizipation haben. Damit diese Vision Realität wird, müssen Eingewanderte mit ihren jeweiligen Realitäten und Geschichten wahrgenommen werden. »Ich wünsche mir, eines Tages auch meine Geschichte im deutschen Unterricht wiederzufinden« schreibt Perwin Ahmad in der ASF-Broschüre »Unsere Geschichte(n) – Eure Geschichte?«. Diese Perspektive möchten wir mit unserer Arbeit stärken: Zur deutschen Geschichte gehören auch die Geschichten der Deutschen mit Migrationshintergrund. Es geht darum, geschichtliches und politisches Lernen in der Einwanderungsgesellschaft als Dialog zu gestalten. Migrantinnen und Migranten können Herkunftsdeutsche ebenso politisieren wie andersherum.

 
Materialheft:
Gliederung 2011
Autorin:
Jutta Weduwen
Weitere Informationen:

Kontakt:
Jutta Weduwen
Projektbereich Interkulturalität
Aktion Sühnezeichen Friedensdienste
Auguststr. 80, 10117 Berlin
Tel.: 030 / 2 83 95 -154
weduwen@asf-ev.de
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